Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?54184

Kinostart

Warum "Ciuré" seiner trans Protagonistin nicht gerecht wird

Der Debütfilm "Ciuré" von Gianpero Pumo überzeugt mit ästhetischen Tanzszenen und einer überzeugenden Hauptdarstellerin, die Handlung erfüllt jedoch teils transfeindliche und sexistische Klischees.


Szene aus "Ciuré" (Bild: Cinemien)
  • Von Lina Heimann
    3. Juli 2025, 06:08h 4 Min.

"Ciuré" beginnt langsam und zärtlich. Zu sehen sind Kinderhände, die sich unter einem weißen Laken bewegen, dann vorsichtig tretende Füße, die den noch schlafenden Vater wecken sollen. Von dieser anfänglichen Zärtlichkeit – so viel sei direkt gesagt – ist in den folgenden 100 Minuten nur wenig zu finden. In dem bereits 2022 erschienen Debütfilm von Gianpero Pumo, der jetzt in Deutschland ins Kino kommt, ist eher das Gegenteil der Fall.

Salvo (Gianpero Pumo) ist alleinerziehender Vater in Palermo, ohne festen Job und darauf angewiesen, in kürzester Zeit an Geld zu kommen, um die Schule seines Sohnes Giovanni zu bezahlen. Aus Mangel an legalen Alternativen wendet er sich an seinen ehemaligen Schwager, um für dessen Drogengeschäfte Geld einzutreiben. Allerdings wird Salvo im Zuge dessen zusammengeschlagen und ausgeraubt, was seine Lagen noch prekärer macht.

So trifft Salvo auch auf die titelgebende Ciuré, die ihm Hilfe anbietet und ihn verarztet. Ciuré (Vivian Bellina) ist trans und arbeitet in einem queeren Club als Tänzerin, in dem sie nicht nur eine von vielen Tänzerinnen, sondern der Star des Clubs ist. Ciuré scherzt, dass Salvo mit seinen Muskeln gutes Geld in dem Club verdienen könne – ein Angebot, auf dass sich ein verzweifelter Salvo nach anfänglicher Ablehnung einlässt. Von hier an entwickelt sich eine Beziehung zwischen Ciuré, die so einfühlsam wie schlagfertig ist, und einem wortkargen und unwirschen Salvo.

Im Mittelpunkt stehen die Gefühle eines cis hetero Manns


Poster zum Film: "Ciuré" startet am 3. Juli 2025 in ausgewählten Kinos

"Ciuré" referenziert im Titel zwar eine trans Frau, inhaltlich liegt der Fokus aber auf der Geschichte und den Gefühlen eines cis hetero Manns, mit dessen gewaltvollem Verhalten zudem eher lapidar umgegangen wird. Salvo verhält sich in vielen Situationen gewaltvoll: Im Zuge seiner Arbeit als Geldeintreiber für Drogengeschäfte schlägt er Menschen zusammen, seine Ex-Frau schlug er, als sie sich vor dem gemeinsamen Sohn Heroin spritze, und Ciuré fasst er etwa während einer gemeinsamen Tanz-Performance unabgesprochen ruppig an, und als sie das erste Mal Sex haben, presst er sie hart gegen die Wand – nach dem er ihr zuvor das Frausein abspricht. Dass Problem ist nicht nur, dass Salvo sich so verhält, sondern auch, dass der Film es nicht konsequent als problematisch einordnet. Insbesondere die Sexszene zwischen Salvo und Ciuré ist verstörend, da sie der Anfang der romantischen Beziehung der beiden ist. Zu guter Letzt wird Ciuré noch aufgrund ihrer Beziehung mit Salvo zusammengeschlagen.

Es ist zwar realistisch, dass Ciuré Gewalt und Transfeindlichkeit von der Öffentlichkeit und von cis hetero Männern ausgesetzt ist, es wird ihrem Charakter aber nicht gerecht, wie sie auf Salvos Verhalten reagiert. Die Charakterisierung von Ciuré erfüllt teils transfeindliche und sexistische Klischees, es ist vor allem dem Schauspiel von Vivian Bellina, das Ciuré aber trotzdem zu einem interessanten Charakter macht. Ansonsten scheint Ciuré vor allem zu existieren, damit Salvo sich entwickeln und – jedenfalls in Ansätzen – mit seiner Männlichkeit auseinandersetzen kann.

Warum sollte Ciuré ein Interesse an Salvo haben?

"Ciuré" hat einige Probleme auf der Handlungsebene, eines davon ist, dass es der Film nicht schafft überzeugend zu vermitteln, warum Ciuré überhaupt ein tiefergehendes Interesse daran haben sollte, Salvo zu helfen und ihn näher kennenzulernen: Vom ersten Moment an ist Salvo Ciuré gegenüber wortkarg bis unfreundlich, reagiert wenig dankbar auf die angebotene Hilfe, verhält sich ruppig und (mal mehr, mal weniger subtil) queer- und transfeindlich. Zudem hat Ciuré einen festen Job, eine Wohnung und im Club ein Umfeld mit Freund*innen, die sie schätzen – sie ist in keine Weise auf Salvo angewiesen. Trotzdem bemüht sie sich enorm um Salvo, und letztendlich wird ihr das fast zum Verhängnis. Ab dem Zeitpunkt, als Salvo und Ciuré eine Beziehung beginnen, ist es auf der Handlungsebene etwas logischer, warum sie sich weiter mit Salvo einlässt, da sie vermutlich Gefühle für ihn entwickelt. Offen bleibt aber, warum sie so offen und hilfsbereit zu jemanden ist, der sie nicht wirklich respektiert oder gut behandelt.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer
Datenschutz-Einstellungen | Info / Hilfe

Natürlich gibt es in "Ciuré" auch Szenen, die nicht die angesprochenen Probleme aufweisen. Hervorzuheben sind Szenen zwischen Ciuré und Salvos Kind Giovanni, Momente in denen Salvo Ciuré gegenüber verletzlich und ehrlich ist, und auch die Tanzszenen sind filmisch schön.

Trotzdem bleibt es dabei, dass in "Ciuré" Intimität und Gewalt vermischt werden, ohne dass es adäquat eingeordnet wird. Insgesamt wird "Ciuré" seiner trans Protagonistin nicht gerecht, denn trans Charaktere sollten nicht existieren, damit ein cis Charakter etwas über sich lernt, sondern selbst vielschichtig und wandelbar sein dürfen – ganz besonders, wenn der Name der Titel des Films ist.

Infos zum Film

Ciuré. Drama. Italien 2022. Regie: Gianpiero Pumo. Cast: Ernesto Tomasini, Gianpiero Pumo, Lucio Calabrese Falcone, Marilù Pipitone, Maurizio Bologna. Vivian Bellina. Laufzeit: 102 Minuten. Sprache: italienische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 12. Verleih: Cinemien. Kinostart: 3. Juli 2025
Galerie:
Ciuré
7 Bilder
-w-