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Interview
Was war gut am 19. Jahrhundert, Cynthia Nixon?
In der Historienserie "The Gilded Age" spielen der queere "Sex and the City"-Star Cynthia Nixon und Straight Ally Christine Baranski ("The Good Wife") zwei Schwestern. Zum Start der dritten Staffel sprachen wir mit ihnen im Interview.

Cynthia Nixon (l.) und Christine Baranski in "The Gilded Age" (Bild: Barbara Nitke / HBO)
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6. Juli 2025, 08:33h 5 Min.
Schon 1984 standen Christine Baranski und Cynthia Nixon gemeinsam in New York auf der Theaterbühne und spielten in Tom Stoppards Stück "The Real Thing" Mutter und Tochter. Inzwischen gehören die beiden längst zu den erfolgreichsten Serienschauspielerinnen überhaupt: während die lesbische Emmy-Gewinnerin Nixon als Miranda Hobbes in "Sex and the City" und aktuell "And Just Like That" berühmt wurde, gewann Baranski bereits 1995 für die Sitcom "Cybill" den Emmy und spielte später sowohl in "The Good Wife" als auch im Ableger "The Good Fight" die legendäre Anwältin Diane Lockhart.
In der Historienserie "The Gilded Age" von "Downton Abbey"-Macher Julian Fellowes spielen die beiden nun Schwestern. Anlässlich der dritten Staffel, die aktuell bei Sky und Wow zu sehen ist, sprachen wir mit ihnen im Interview.
Ms. Nixon, Ms. Baranski, in der neuen Staffel von "The Gilded Age" ist die Dynamik zwischen den von Ihnen gespielten Schwestern Ada und Agnes plötzlich komplett auf den Kopf gestellt. Eine ziemliche Umstellung, oder?
Baranski: Oh ja. Vor allem für die arme Agnes. Sie ist immer die Hausherrin, die Bestimmerin und die Autoritätsfigur. Jetzt ist sie es plötzlich nicht mehr und kann sich damit eher schwer arrangieren. Für uns als Schauspielerinnen war diese Umkehr ein großer Spaß, denn wenn eine Königin vom Thron kippt, ist das natürlich immer Stoff für eine gute Geschichte.
Nixon: Als ich die Rolle damals annahm, hätte ich diese Entwicklung nie erwartet. Für mich war Ada immer die nette Zurückhaltende, die sich damit arrangiert hat, die zweite Geige zu spielen. So wie es die ganze erste Staffel über ja auch war. Dass die Drehbücher dann eine Heirat für sie vorsahen, war schon die erste große Überraschung. Und dass dieser neue Ehemann dann ganz schnell stirbt und sie plötzlich reich und ihrerseits die Hausherrin ist, dann die noch viel größere. Für Ada ist diese neue Position so aufregend wie furchteinflößend, und natürlich macht sie viele Fehler. Während Agnes nicht selten kopfschüttelnd danebensteht. Nichts ist langweiliger, als wenn eine Beziehung sich nie verändert, deswegen hoffe ich, dass das Publikum an der neuen Konstellation genauso viel Vergnügen findet wie Christine und ich.
Leben wir eigentlich in einem Goldenen Zeitalter, was komplexe Serienrollen für Frauen angeht, gerade mit Blick auf Schauspielerinnen ab einem gewissen Alter?
Baranski: Das kann man sicherlich so sagen. Es ist ja wirklich noch relativ neu, dass wirklich interessante Rollen für Schauspielerinnen aller Altersklassen und Hautfarben geschrieben werden. Endlich repräsentiert das Fernsehen die Diversität und Vielfalt unserer Gesellschaft auch in der Besetzung der Serien. Und das ist wichtig, denn von allen Kunst- und Kulturformen haben Serien sicherlich die größte Reichweite – und damit auch den größten Einfluss.
Nixon: Wobei man dazu sagen muss, dass das Fernsehen immer schon besser war als das Kino, was interessante Hauptrollen für Frauen angeht. Denken Sie nur an "I Love Lucy" oder später Serien wie "Julia" mit Diahann Carroll oder "Maude" mit Bea Arthur. Fernsehen war – von der Größe über die Themen bis zum Anspruch – immer kleiner und häuslicher als das Kino, deswegen wurden Frauen dort schon früher in den Fokus genommen. Wenn auch natürlich in der Tat lange nicht in der Vielfalt, die wir heute endlich verstärkt sehen, von Herkunft und Alter bis zur sexuellen Orientierung.
Sie beide waren oder sind – mit "Sex and the City" und "And Just Like That" bzw. "The Good Wife" und "The Good Fight" auch Teil von Serien, die sehr modern und hip waren, den Zeitgeist geprägt und TV-Geschichte geschrieben haben. Worin liegt im Gegensatz dazu der Reiz einer eher gediegenen Kostümserie wie "The Gilded Age"?
Baranski: Ich hatte schon ewig Lust, in einer historischen Rolle vor der Kamera zu stehen, denn die hatte ich schon eigentlich immer nur am Theater gespielt. Was den Zeitgeist angeht: den würde ich "The Gilded Age" gar nicht unbedingt absprechen. Überlegen Sie nur mal, was für eine Welt wir in der Serie sehen. Sie spielt in einer Zeit, in der megareiche Industrielle die Welt verändern, in der Korruption und Unruhen ebenso wachsen wie die Einkommensgleichheit und andere gesellschaftliche Sorgen. Das kommt einem heute doch recht vertraut vor, oder?
Nixon: Mich hat außerdem von Anfang fasziniert, wie viel in der Serie über die Geschichte New Yorks und Amerikas erzählt wird. In den USA sind wir ja immer sehr auf die Gegenwart und die Zukunft fokussiert und nicht sonderlich gut darin, uns mit unserer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Dabei würde uns das ziemlich guttun, denke ich. Gerade wenn man, wie Christine gerade schon anmerkte, erkennt, wie viele der Themen von damals uns heute immer noch beschäftigen.
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Gibt es denn irgendetwas aus dem späten 19. Jahrhundert, von dem Sie sich wünschten, es würde heute noch existieren?
Baranski: Definitiv nicht die Kleidung. Aber vielleicht die guten Manieren. Und die Tatsache, dass die Leute damals noch nicht so schnell und vor allem so laut gesprochen haben. Irgendwie gab es damals mehr Anstand und Zurückhaltung seinen Mitmenschen gegenüber. Selbst wenn man sich gehasst hat, ging das nicht automatisch mit völliger Respektlosigkeit einher.
Nixon: Man muss die Sache auch nicht schönreden. Natürlich gab es damals viele Regeln und Normen, die schlicht ungerecht waren. Das sieht man in der neuen Staffel am Beispiel von Aurora Fane, die gegen ihren Willen zu einer geschiedenen Frau und damit schlicht aus der Gesellschaft verstoßen wird. Aber aus unserer heutigen Gegenwart, in der wir in einem Amerika leben, wo sich unsere eigene Regierung nicht an Gesetze hält, sehne ich mich doch ein wenig nach einer Zeit, in denen man sich einig zu sein schien, dass Gesetze wichtig sind und man sie befolgen sollte.
Baranski: Dass man das heute überhaupt dazu sagen muss, frappiert mich immer noch.
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