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Generation Z

"Label mich nicht – ich bin schon verwirrt genug!"

Über queeres Dating, digitale Oberflächen und den Wunsch, einfach mal echt zu sein.


Symbolbild: Die queere Gen Z mag keine Labels (Bild: IMAGO / Zoonar)

Es war einmal, in einer fernen Zeit vor Tinder, da begegneten sich zwei Menschen zufällig in einer Straßenbahn, sprachen über nichts und verliebten sich in das Lächeln des anderen. Heute begegnet man sich auf Displays, spricht in Hashtags und verliebt sich – wenn überhaupt – in ein vorteilhaft gefiltertes Selfie mit Regenbogenflagge.

Doch selbst der Regenbogen hat es nicht leicht. Die queere Gen Z zum Beispiel – also jene Menschen, die ungefähr gleichzeitig mit dem ersten iPhone geboren wurden – hat ein Problem mit Labels. So jedenfalls fasst es der queer.de-Bericht "Die queere Gen Z mag keine Labels" zusammen. Die junge Generation scheint sich zu fragen: "Bin ich pan, bi, fluid oder einfach nur müde?" Und manchmal lautet die ehrliche Antwort: "Ja."

Denn wo frühere Generationen noch mühsam um die Anerkennung von Identitäten kämpften – "Ich bin lesbisch und will das auch sagen dürfen!" -, denkt Gen Z: "Ich weiß es selbst nicht genau, und das ist okay." Labels wirken hier nicht wie Befreiung, sondern wie Tupperdosen: praktisch, aber irgendwie einengend.

Label-Frust im Zeitalter der Selbstdefinition

Diese sogenannte "Label-Frustration" ist kein bloßer Spleen postironischer Twentysomethings. Sie ist ein stiller Aufstand gegen das ständige "Was bist du?", das – ironischerweise – ausgerechnet aus queeren Kreisen kommen kann. Die alten Kategorien schwanken, und das ist gut so. Aber es macht das Dating nicht gerade einfacher.

Denn was früher ein "Ich steh auf Männer" war, ist heute ein 200-Wörter-Profiltext mit dem Disclaimer: "Sexualität ist ein Spektrum, aber ich swipe trotzdem nach links, wenn du Sternzeichen ernst nimmst."

Ghosting als neue Gesprächskultur

Parallel dazu flackert ein Interview mit der Psychologin Andrea Kleeberg-Niepage ("Von Fischen und Geistern") in meinem Kopf auf. Sie erklärt, wie Dating-Apps aus Liebe ein Marktprodukt machen: Einmal rechtswischen, zweimal matchen, dreimal ghosten. Man verkauft sich selbst wie Bio-Humus im Glas – nur dass Bio-Humus wenigstens nicht antwortet mit "Sorry, ich fühl's einfach nicht mehr".

Kleeberg-Niepage spricht von der "Tyrannei der Oberfläche". Also davon, dass wir beim Swipen in Sekunden entscheiden, wer potenziell beziehungsfähig ist – basierend auf einem Sonnenuntergangsbild und dem Satz "Suche was Echtes". Die Generation Z ist zwar labelmüde, aber nicht weniger anfällig für diesen Dating-Perfektionismus. Nur dass sie dabei wenigstens zugibt, wie absurd das alles ist.

Zwischen Echtheit und Effizienz

Der Witz an der Sache: Während man sich von Labels emanzipiert, gerät man in die nächste Schublade – die des optimierten Selbst. Sei du selbst, aber bitte in der bestmöglichen Version. Sei authentisch, aber mit Ringlicht. Und bitte sag nicht einfach, was du suchst. Sag, was du nicht ausschließt, wenn es sich gut anfühlt.

Vielleicht liegt die Wahrheit also irgendwo zwischen den Texten: Die queere Gen Z will sich nicht festlegen – nicht aus Beliebigkeit, sondern aus Freiheit. Gleichzeitig funktioniert Dating oft wie Bewerbungsschreiben mit Profilbild: bloß keine Schwächen zeigen, bloß keine echten Gefühle. Was bleibt, ist ein paradoxes Szenario: Man ist offen für alles – aber redet mit niemandem mehr länger als zwei Nachrichten.

Liebe ohne Anleitung

Liebe ist kein Baukasten, Dating keine Bewerbungsrunde. Vielleicht ist der einzige wirklich wichtige Labeltext am Ende der, der auf dem Herz steht. Vielleicht brauchen wir keine neuen Labels, sondern neue Gelassenheit. Vielleicht sollten wir beim nächsten Date einfach sagen: "Ich weiß nicht genau, wer ich bin, aber ich würde es gern mit dir rausfinden." Und vielleicht sollten wir aufhören zu swipen, wenn wir eigentlich nur jemanden suchen, der uns nach dem Kino fragt, ob wir noch Lust auf Pommes haben.

Denn egal, ob queer, bi, sapio oder einfach verwirrt: Am Ende wollen die meisten doch nur das eine – keine Etiketten, keine Performanz, kein Ghosting – sondern ein echtes Gespräch. Am liebsten mit jemandem, der antwortet, auch wenn da nur steht: "Hallo, ich bin's."

-w-