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Social-Media-Trend

"2 bis 3 Jahre Dagestan" als Strafe für queere Menschen

Posts von queeren Menschen auf TikTok und Instagram werden mit Hinweisen auf ein eher unbekanntes Land überflutet. Was "Dagestan" bedeutet und warum soziale Medien kaum eine Chance gegen den verklausulierten Hass haben.


Ein echter Kerl aus Dagestan: Wrestler Ibragim Kadiyev mit der Flagge der russischen Republik im Nordkaukasus (Bild: IMAGO / ITAR-TASS)

Make-up im Gesicht von Männern, gleich­geschlechtliches Händchenhalten in der Fußgängerzone oder Kunst in Regenbogen­farben: Scrollt man durch die Startseite von TikTok und Instagram, häufen sich Kommentare mit Bezug zu einem eher unbekannten Ort. Die meist anonymen Accounts raten den Betroffenen zu einem Besuch in "Dagestan", einer russischen Republik im Nordkaukasus. Aber warum?

Im Kreuzfeuer stehen ausschließlich Beiträge, die nicht dem heteronormativen Maßstab entsprechen. Sie werden kurzerhand mit Kommentaren befeuert, die bewusst verletzen sollen. Denn: "Dagestan" ist ein Codewort auf Social Media und steht für besonders harte Arbeit und "die alte Schule". Bekannt wurde die Phrase durch einen Podcast-Auftritt, bei dem der Kampfsportler Islam Makhachev den Ort als Trainingslager empfahl.

Der Ausschnitt ging viral und beflügelte kontextlose Interpretationen. Nun wird damit queeren Influencer*­innen innerhalb der Kommentarspalte auf subtile Art und Weise mitgeteilt, dass es hier keinen Platz gäbe und sie eine Reise nach Dagestan bekehren sollte. Der sprachliche Umweg über die russische Republik verschleiert die negative Agenda, denn so können Plattformen die Hasswelle nicht als solche identifizieren.


Der sprachliche Umweg über die russische Republik Dagestan verschleiert die negative Agenda

Manche Nutzer*­innen reagieren mit Humor

Der Umgang mit der Kommentarflut sieht unterschiedlich aus: Während bei vielen Creators Wut und Hilflosigkeit aufgrund der ablehnenden Haltung thematisiert wird, nehmen einige die Beiträge als Anlass, mit Humor zu reagieren. So auch Influencer Christian, der sich für eine Dagestan-Reise auf TikTok schick macht:

Auf die Frage nach dem Trend-Mechanismus antwortet Aktivistin und Creatorin Leonie Löwenherz: "Einzelne Begriffe ändern sich, aber die Rhetorik ist nicht neu. Wir sehen darin immer wieder die Idee, man müsse queere Identitäten der cisgeschlechtlichen, heterosexuellen Norm anpassen. Wahlweise durch Zwang, Gebet oder Leugnung. Das ist natürlich queer­feindlicher Unsinn." Gleichzeitig stellt die Historikerin fest, dass "die Dagestan-Kommentare davon nur der neueste Ausläufer [sind]. Was mir aber auffällt: dass Menschen, die diese Kommentare schreiben, immer jünger werden."

Hinzu kommt, dass die Hasswelle von TikTok und Instagram zumeist unentdeckt bleibt. Das liegt sowohl an Publikum und Plattform: Denn die Nutzer*innen achten akribisch darauf, keine Wörter zu verwenden, die automatisch gegen die Verhaltensregeln auf den Diensten verstoßen würden. Ähnlich zur Verwendung von sogenannter Leetspeak, bei der einzelne Buchstaben etwa durch Ziffern ersetzt werden, werden hier gängige Fremddefinitionen etabliert und Beleidigungen als harmlose Wortbeiträge getarnt. Nur wer den Internet-Jargon kennt, kann die Häme identifizieren.

Social-Media-Plattformen verkomplizieren Meldewege

Es handelt sich um keinen Einzelfall. Denn Social-Media-Plattformen stellen nicht die notwendigen Ressourcen bereit und verkomplizieren Meldewege, um bedenklichen Trends adäquat zu begegnen. Dass TikTok ein kontinuierliches Moderationsproblem hat, ist kein Geheimnis. So gelangen vor Kurzem noch zahlreiche Nacktbilder auf die Kurzvideo-App. Queere Influencer*innen sind dabei ein beliebtes Ziel, das zeigen auch Bewegungen wie der "Stolzmonat" oder gezielte Deadnaming-Initiativen.

@floistonline

Wenn ihr wollt, dass sich ein Mitarbeiter von TikTok mit euren Meldungen befasst, müsst ihr dieses Formular verwenden #beschwerde #tiktokalgorithmus #algorithmus #krankmeldung #tiktoktipps

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Die Möglichkeiten für Selbstschutz sind begrenzt. Grundlegend können Beiträge auf eigene Faust oder durch die Community gemeldet werden, in schwerwiegenden Fällen helfen Organisationen. Auf den Social-Media-Diensten besteht ebenfalls die Option, einzelne Wörter in den Kommentarspalten zu blockieren, sodass sie nicht mehr reproduziert werden können. Was jedoch fehlt: ein Massenreport. Denn die hohe Anzahl an Reaktionen kann nicht gesammelt gemeldet werden. So muss für jeden diskriminierenden Beitrag der komplette Prozess durchlaufen und begründet werden – eine Mammutaufgabe, die schlussendlich an einer einzigen Person hängen bleibt.

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Mit Blick auf den Dagestan-Trend ergibt sich eine eigene Dynamik: Nehmen wir an, queere Personen würden dem ironisch gemeinten Aufruf wirklich folgen, hätte das schwerwiegende Konsequenzen für Republik und Statusgruppe: Neben Mehrfachdiskriminierung und Unterdrückung im alltäglichen Leben mit minderer Lebensqualität und höheren Suizidraten als direkte Folge bekäme Dagestan gleichzeitig die Chance auf eine erste Pride-Demonstration sowie einen großen Einsatz für Gleichberechtigung und individuelle Entfaltung. Mit diesem Los würde die queere Community einen Ort bereichern, der sie selbst am Boden sehen will. Mal wieder.

-w-