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Kinostart
Skurriles Update für einen Berliner Kultfilm
Fast 20 Jahre ist es her, dass der Schweizer Regisseur Oliver Rihs mit "Schwarze Schafe" (2006) eine schräge Hommage an seine Wahlheimat Berlin gedreht hat. Nun folgt mit "#SchwarzeSchafe" eine Art Fortsetzung – erneut auch mit queeren Elementen.

Delphine von Plettenburg (Jella Haase) näht Genderpuppen (Bild: Clara Marnette / Port au Prince Film)
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13. Juli 2025, 10:54h 5 Min.
Für Menschen, die schon seit ihrer Geburt oder zumindest bereits recht lange in Berlin leben, mag dies möglicherweise seltsam erscheinen, aber Schweizer Kulturschaffende sehen die notorisch chaotische deutsche Hauptstadt mit ihrem mäßig zuverlässigen öffentlichen Verkehr, ihren komplizierten Behörden und ewig dauernden Baustellen als echten Sehnsuchtsort. Wohl auch, weil die gut organisierte kleine Schweiz mit ihren hübsch herausgeputzten Städtchen nichts zu bieten hat, was auch nur annähernd so wild ist und so viele kreative Freiräume bietet. Zudem ist das Leben dort erheblich günstiger.
Von der Nische zum Kult
Zahlreiche Schweizer Autor*innen, Musiker*innen, Schauspieler*innen oder Regisseur*innen sind deshalb in den letzten Jahrzehnten nach Berlin ausgewandert, 2001 auch Oliver Rihs. Der frühere Grafiker und Sozialarbeiter aus der Region Zürich dreht auch weiterhin immer wieder mal in der Schweiz, hat sich diesmal aber erneut seine Berliner Wahlheimat vorgeknöpft – wie schon 2006. Die episodenartige schräge schwarze Komödie "Schwarze Schafe" zielte damals ganz klar nur auf ein Nischenpublikum, erreichte aber im Laufe der Jahre einen gewissen Kultstatus; umso mehr als es Rihs gelang, prominente Darsteller wie Robert Stadlober oder Tom Schilling zu verpflichten.

Robert Stadlober (l.) und Tom Schilling im ersten "Schwarze Schafe" -Film von 2006 (Bild: Port auf Prince Film)
Ihre Episode ist auch die mit der queeren Storyline: Breslin (Stadlober) und Julian (Schilling) sind zwei verpeilte, oft bekiffte Studenten, die gerne hochtrabende weltpolitische Diskussionen führen und sich aus Geldmangel bei einer versifften, antikapitalistischen Arbeitsvermittlungs-Agentur anmelden. Dort werden sie von einem zerstrittenen schwulen Paar als Umzugshilfen gebucht – wobei Breslin einen der beiden so heiß findet, dass er sich dabei zumindest einen Quickie erhofft. Es läuft dann allerdings alles ganz anders als geplant. Daneben gibt's auch noch ein paar türkische Jugendliche, die endlich Sex wollen, ein Handmodel mit Geldproblemen, eine völlig aus dem Ruder laufende Schiffsrundfahrt sowie zwei Satanisten auf der Suche nach einer nackten Frau für ein Ritual.
Außenseiter auf der Suche nach ein bisschen Glück

Poster zum Film: "#SchwarzeSchafe" startet am 17. Juli 2025 im Kino
Nun kommt mit "#SchwarzeSchafe" eine Art Update dieses Films in die Kinos. Erneut schaut Oliver Rihs hinter die Kulissen Berlins, weit jenseits der Touri-Attraktionen und der coolen Hipster-Stadtviertel. Erneut porträtiert er Außenseiter*innen, Loser, Leute, die sich irgendwie durchschlagen und versuchen, dabei auch mal ein bisschen Glück abzukriegen. Anders als 2006, wo die fünf in Schwarzweiß gedrehten Episoden inhaltlich nicht miteinander verbunden waren, gibt's diesmal alles in Farbe und zwischen den Figuren einige Verbindungen. Und mit Jule Böwe, Milan Peschel, Robert Lohr und Marc Hosemann schlüpfen einige Darsteller*innen vom ersten Film sogar wieder in ihre damaligen Rollen.
Neben der Stadt selbst, die gerade unter einer besonders heftigen Hitzewelle leidet, stehen erneut allerlei schräge Figuren im Zentrum. Zum Beispiel der türkische Clan-Boss Omar (Yasin El Harrouk), der wegen seiner ums Klima besorgten Tochter ernsthaft prüft, seinen Drogenhandel grüner und nachhaltiger zu machen. Oder die Geschwister Delphine (Jella Haase) und Fritz (Frederick Lau): Er versucht, mit einem Bienenstock auf dem eigenen Balkon ein legales Geschäft aufzubauen, derweil sie unglaublich hässliche "Genderpuppen" näht, mit denen sie endlich durchstarten will. Und dann ist da noch das Pärchen Charlotte (Jule Böwe) und Peter (Milan Peschel) aus dem ersten Film, inzwischen mit Kind, aber immer noch eher zerstritten. Peters neueste Geschäftsidee sind Sandwiches aus Spree-Sumpfkrabben, die er gerne an einem eigenen Stand auf einer Öko-Messe verkaufen möchte.
Zufallsbegegnung weckt zarte Gefühle
Die Umsetzung all dieser Pläne erweist sich wenig überraschend als schwierig. Aber als Delphine und Charlotte zufälligerweise in einem Spielzeugladen dem Clan-Boss Omar über den Weg laufen und im Chaos eines simulierten Raubüberfalls dessen Kreditkarte mitlaufen lassen, haben sie plötzlich ungewohnten Zugang zu richtig viel Geld. Die beiden Frauen, die sich vorher nicht kannten, tun sich zusammen und lassen es sich gut gehen: exzessives Shopping, ein Abendessen im Edel-Hotel, anschließend zwei Stripper aufs Zimmer.
Und aus diesen Ereignissen ergeben sich auch sämtliche queeren Elemente des Films: Einerseits verlangen die beiden Frauen von den Strippern eine Aktion, bei der zumindest einer der beiden unerwartet enthusiastisch mitmacht. Andererseits sprießen anschließend zwischen Delphine und Charlotte selbst zarte Gefühle. Und nicht zuletzt entdeckt Omars Frau am Tag danach seltsame Beträge auf der Kreditkartenabrechnung ihres neuerdings ökosensiblen Gatten, stößt bei Nachforschungen auf die Stripper-Buchung – und zieht dann ganz falsche Schlüsse.
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Nach zwei Filmen auch noch eine Serie
Daneben passiert in den miteinander verwobenen Episoden noch ganz viele anderes, und längst nicht alles ist gleichermaßen gelungen oder witzig. Aber wer eine Schwäche für Skurrilitäten und schräge Figuren hat, dürfte über weite Strecken seinen Spaß haben. Beiläufig werden auch noch diverse aktuelle Gesellschaftsthemen eingeflochten, neben der Klimaerwärmung und seltsamen Ökotrends zum Beispiel Genderdebatten oder Rassismus – aber das bleibt letztlich genauso Kulisse wie das überhitzte Berlin.
Wem der Film so gut gefällt, dass er gerne mehr hätte: Eigentlich war "#SchwarzeSchafe" als Serie gedacht, doch während des Drehens schwenkten Rihs und seine Crew um und beschlossen, daraus einen Film zu machen. Dieser jedoch soll nun noch durch eine Serie erweitert werden. Und wer weiß, vielleicht wird das mit Delphine und Charlotte ja noch eine richtig große Liebesgeschichte, Genderpuppen und Krabben-Sandwiches inklusive. Gerne hätte man auch erfahren, was aus Breslin und Julian geworden ist – möglicherweise lassen sich Robert Stadlober und Tom Schilling ja doch noch zurücklocken?
#SchwarzeSchafe. Komödie. Deutschland 2025. Regie: Oliver Rihs. Cast: Jella Haase, Yasin El Harrouk, Jule Böwe, Frederick Lau, Milan Peschel, Narges Rashidi, Marc Hoseman. Laufzeit: 90 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 12. Verleih: Port au Prince Pictures. Kinostart: 17. Juli 2025
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