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Gastbeitrag
Schwarz-Rot-Gold auf Glitzerschuhen
Die Deutschlandfahne stehe auch für das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, sagt Bundestagspräsidentin Julia Klöckner. Das Flattern auf dem Parlament allein reicht jedoch nicht. Die Flagge muss auch mit Bedeutung gefüllt werden.

Unser Gastautor Gordon Logemann ging mit Glitzerschuhen in Schwarz-Rot-Gold zu seinem ersten CSD – und erntete irritierte Blicke
- Von Gordon Logemann
13. Juli 2025, 14:22h 7 Min.
Eine Sommerparade. Regenbogenfahnen wehen. Musik. Applaus. Die Menschen feiern. Und dann: Schwarz-Rot-Gold. Mittendrin. Irritation. Blicke. Stirnrunzeln. Verunsicherung. Warum eigentlich?
Ich erinnere mich an meinen ersten CSD, für den ich mir Glitzerschuhe in Schwarz-Rot-Gold bestellt hatte. Ein bewusstes Statement, weil ich der Meinung war, dass das, worum es hier ging, auf dem Grundgesetz fußt.
Ein queerer Freund kommentierte trocken: "Hm, sehr … deutsch." Nicht abwertend – eher vorsichtig. Verwundert. Vielleicht besorgt. Und ich frage mich bis heute: Warum ist es eigentlich "sehr … deutsch", in Deutschland nicht zu deutsch zu sein – oder halt verdächtig "deutsch" zu sein?
Im Fußballstadion darf man das. Da ist man Fan. Da fragt niemand, ob der Typ mit der Fahne gerade ein Hakenkreuz im Herzen trägt. Wer mit der Deutschland-Fahne vom Bahnhof zur Arena zieht, wird als deutscher Fußballfan erkannt.
Aber wehe, du wedelst damit auf dem CSD. Oder am Fenster. Oder auf der Demo für Vielfalt. Dann wird's plötzlich still. Kritisch. Skeptisch. Und sehr verdächtig.
Leere Hüllen werden leicht gekapert
Eine Flagge ist nicht demokratisch, weil sie flattert – sondern weil sie mit Bedeutung gefüllt ist. Wenn wir diesen Inhalt nicht aktiv besetzen, tun es andere – lauter, radikaler, entschlossener. Vielleicht, weil wir Deutschen die seltene Kunst beherrschen, unsere Vergangenheit weder zu vergessen noch wirklich in unser heutiges Handeln zu integrieren.
Wir erinnern, wir gedenken – aber wir ziehen zu selten Konsequenzen für die Gegenwart. Wir sprechen von Verantwortung – aber wir füllen unsere Symbole nicht mit Inhalt. Wir sagen "Nie wieder" – aber lassen offen, wie dieses "Nie wieder" heute aussehen soll.
Wir wissen, wohin es führt, wenn Staatssymbole von antidemokratischem und faschistischem Gedankengut unterwandert werden – wir haben es gesehen, gehört, erfahren, überliefert, dokumentiert. Wenn wir aus Geschichte lernen wollen – wirklich lernen – dann doch bitte auch das: Dass Demokratie nur überlebt, wenn nicht nur ihre Ideale, sondern auch ihr Handeln stark ist – und nicht zuletzt auch ihre Symbole.
Wenn sie mit Werten aufgeladen sind – mit Freiheit, Gleichheit, Menschenwürde. Wenn sie so klar, so positiv, so einladend wirken, dass kein Platz mehr bleibt für völkisches Gift, für Ausgrenzung, für den alten braunen Schleim. Eine lernende Gesellschaft füllt ihre Symbole mit Haltung. Nicht mit Neutralität oder gar Angst.
Neutralität ist keine Haltung
Und genau deshalb ist es so beunruhigend, dass wir gerade jetzt wieder anfangen, uns wegzuducken und in den Mantel der Neutralität hüllen – uns hinter Regeln, Gesetzesformulierungen und leeren Worthülsen verstecken. Dass wir uns einreden, Neutralität sei staatstragend – während draußen auf der Straße genau diese Lücke und inhaltliche Leere gefüllt wird: von rechts und dem Faschismus.
Wenn die Obersten im Staat entscheiden, die Regenbogenfahne dürfe nicht auf Bundesgebäuden wehen, dann ist das keine neutrale Geste mehr – das ist ein Rückzug. Ein Rückzug vor denen, die ohnehin schon versuchen, den öffentlichen Raum zu dominieren. Und wenn dann auch noch queere Netzwerke nicht am CSD teilnehmen dürfen, weil sie staatliche Institutionen vertreten, dann ist das ein doppelter Schlag ins Gesicht:
Für jene, die sich im Namen dieses Staates gegen Diskriminierung und für Menschenrechte engagieren. Für jene, die Schutz brauchen – und ihn eigentlich vom Staat erwarten dürften. Denn die Deutschlandfahne weht genau auf diesen Staatsgebäuden. Sie steht für diesen demokratischen Staat, für seine Werte, für das Grundgesetz und die Verfassung. Und gleichzeitig steht sie – auf der Straße – in der Wahrnehmung vieler schon lange für das Gegenteil: Für "Wir zuerst". Für Ausschluss. Für rechtes Denken. Für völkische Identität und eine Gesellschaft, die vom Rassismus durchsäuert wird.
Wenn der demokratische Staat nicht bereit ist – und ihm der Mut zum Handeln fehlt -, seine Fahne zielgerichtet inhaltlich zu füllen: mit Haltung, mit Menschlichkeit, mit Klarheit, mit den Grundwerten, die die Verfassung hergibt, dann wird dieses Vakuum eben von anderen gefüllt. Von Populisten. Von denen, die sich zwar demokratisch legitimieren lassen, aber mit Demokratie nichts am Hut haben. Von denen, die längst planen, dieses Land umzubauen. In ihrem Sinn. Mit ihrer Sprache. Mit ihren Feindbildern.
Sich wegzuducken und von der Bühne zu verschwinden – das ist nicht neutral. Das ist verantwortungslos und besonders in diesen Zeiten brandgefährlich.
Worauf flaggt ihr eigentlich?
Das zeigt sich auch am 3. Oktober: Ein Feiertag, der für Einheit, Demokratie und Grundrechte stehen sollte – und doch oft vor leeren Straßen, steifen Empfängen und bedeutungslosen Gesten endet. Warum nicht auch hier ein neues Signal setzen? Warum nicht diesen Tag zum sichtbaren Bekenntnis machen – für das, was uns verbindet: Freiheit, in aller Vielfalt Gleichheit, Menschenwürde? Die Diskussion um die Flagge bleibt oft auf der Oberfläche: Sie wird gehisst, weil man es soll. Weil es staatlich angeordnet ist. Weil es "Identität" zeigen soll.
Aber worauf genau? Worauf sind wir eigentlich stolz? Was flaggen wir da genau? Wenn etwa in Schulen das Aufhängen der Deutschlandflagge zur Pflicht werden soll, ohne dass darüber gesprochen wird, welche Werte sie eigentlich verkörpert, dann bleibt sie ein leerer Stoff. Ein Symbol ohne Substanz.
Eine Flagge ist nicht demokratisch, weil sie flattert – sondern weil sie auf etwas verweist und im Kern auf etwas fokussiert und erinnert: Auf Grundrechte. Auf die Würde des Menschen. Auf das Recht, verschieden zu sein und dennoch gleich behandelt zu werden. Deshalb reicht es nicht, Symbole zu zeigen – man muss sie erklären, füllen, leben.
Wer heute will, dass Schwarz-Rot-Gold auf Schulhöfen, Umzügen oder Plätzen zu sehen ist, muss auch sagen: Was genau wird hier gezeigt? Welche Geschichte, welche Werte, welche Verantwortung? Und deshalb braucht es auch öffentliche Impulse, staatliche Akteure, die zeigen und begründen, warum auch bei einer Pride, bei einer Demo für Vielfalt oder gegen Rassismus diese Flagge ihren Platz hat und haben sollte.
So entsteht die Abgrenzung zum Rechtsradikalismus nicht über das Verbot – sondern über den gelebten Inhalt. So übernehmen wir Verantwortung für die Deutungshoheit, statt sie Rechten zu überlassen, die nur zu gern füllen, was andere entleeren.
Die Flagge gehört der Demokratie
In Norwegen ist das zum Beispiel anders. Dort weht die Nationalflagge u.a. an Geburtstagen, in Kindergärten, Beerdigungen und an Krönungsfeiern – mit Liebe, mit Inhalt und geerdetem Stolz. Sie steht nicht für "gegen etwas", sondern für etwas: Für Freiheit. Für Zusammenhalt. Für ein Wir, das sich in Vielfalt trägt. Und weil sie so stark ist, so aufgeladen mit echter Bedeutung, haben Rechtsradikale dort keine Chance, sie für ihren Müll zu instrumentalisieren. Die Flagge gehört den Werten, die der Verfassung entsprechen. Sie dient den Menschen im demokratischen System. Punkt.
Warum also nicht auch bei uns? Warum nicht Schwarz-Rot-Gold und Regenbogen? Nicht als Konkurrenz – sondern als Kampfansage: Diese Republik, dieses freiheitliche Land, gehört uns allen. Unsere Rechte sind keine Sonderrechte. Sie sind Grundrechte. Vielfalt ist keine Ideologie. Sie ist Verfassungsauftrag – von dir und mir.
Wer jetzt noch glaubt, er könne sich wegducken, macht's den Feinden der Demokratie nur leichter – und pulverisiert das demokratische System. Denn der rechte, braune Sumpf dürfte doch mit Schnappatmung zu kämpfen haben, wenn Menschen sichtbar sagen: "Dieses Land ist auch meins."
Also: Zeigen wir Flagge? Im wahrsten Sinne des Wortes? Nicht, weil wir müssen. Sondern weil wir wollen. Weil wir können! Ob mit schwarz-rot-goldenem Glitzer-Top, Paillettenjacke, Pride-Cape oder einer selbstgebastelten Regenbogen-Staatsflagge – es geht nicht um Mode oder Klischee. Es geht um Botschaft: Diese Republik gehört auch uns. Diese Grundrechte sind nicht abstrakt – sie leben in uns und unter uns.
Ein CSD, eine Pride-Demo, ein Platz voller Menschen in Regenbogenfarben und Schwarz-Rot-Gold: Das mag anstoßen – ist in unserem demokratischen Wertesystem aber keine Provokation. Das ist deutsche Verfassungswirklichkeit auf der Straße. Das ist Heimat: sichtbar, hörbar, tanzbar – ungeachtet der Herkunft, der Identität und der religiösen Zugehörigkeit.
Denn in dieser Vielfalt liegt doch die einende Kraft. Und in dieser Sichtbarkeit liegt der Schutz. Und vielleicht, ja vielleicht, sind schwarz-rot-goldene Glitzerschuhe auf einem CSD plötzlich das identitätsstiftende Outfit, das diese Demokratie je gesehen hat. Weil sie sagen: Deutschland ist bunt. Und wir als Teil der Gesellschaft auch.
Unser Gastautor Gordon Logemann schreibt, unterrichtet und stolpert als schwuler Theologe, alleinerziehender Vater und norwegischer Staatsbürger durchs deutsche Leben. Er sagt: "Wer mich nach meiner Haltung fragt, bekommt meistens mehr als einen Satz zurück."














