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"Die Geschichte des Klangs"

Die geheime Jugendliebe, die Lionel ein Leben lang nicht vergessen kann

Die Studenten Lionel und David sammeln 1919 Volkslieder in New England. Dabei finden sie eine Liebe, die ihresgleichen sucht. "Die Geschichte des Klangs" ist eine in intimer Prosa verfasste Erzählung in einer ganz besonderen Form.


Ben Shattuck lebt mit seiner Frau und seiner Tochter an der Küste von Massachusetts, wo er den ältesten Gemischtwarenladen Amerikas aus dem Jahr 1793 betreibt (Bild: Andreas Burgess)

Ein D ist ein wackeliger Kreis, dunkelviolett wie Heidelbeeren. Ein perfektes C schmeckt nach süßen Kirschen, ein unsauberes H-moll ist von einer wachsartigen Bitterkeit. Als Kind denkt Lionel, jeder könne Töne sehen. Dass Töne an Farben und Formen gekoppelt sind, ist für ihn ganz normal.

Der Synästhet mit dem absoluten Gehör wächst auf einer Farm in Kentucky auf. Seine Musiklehrerin erkennt sein Talent und schickt ihn ans Konservatorium in Boston. Dort lernt der 17-Jährige in einer Spelunke David kennen. Es ist 1916, und Lionel ist augenblicklich gefesselt von dem Mitstudenten am Klavier, der größer war als alle anderen im Raum.

Die "erste Kostprobe der Liebe"

Auch David spürt die Anziehung, die beiden verbringen ab sofort ein Dutzend Dienstagabende zusammen. Erst singen sie in der Kneipe, dann verziehen sie sich in dessen kleine Wohnung. "Eine erste Kostprobe der Liebe", hält der Ich-Erzähler fest.

Es folgt der Erste Weltkrieg, in den die USA eintreten, der Kontakt bricht ab. Lionel vergisst den Herbst mit David nicht, und umso mehr freut er sich, als ein Brief von ihm eintrifft. Ob er ihm helfen wolle, für ein Uniprojekt Volkslieder in New England zu sammeln. Was für eine Frage. Einen Sommer mit dem Geliebten umherziehen und Musik zu erkunden, für Lionel gibt es nichts Schöneres.

Dass er sich in einen Mann verliebt, ist für ihn kein Problem. Er habe keine Schuldgefühle. "Ich liebte David und dachte nicht weit darüber hinaus." Das ist für einen jungen Mann aus den Südstaaten bemerkenswert – und womöglich zu leicht. Ähnlich wie in deutschen Großstädten gab es auch in den US-Metropolen zu dieser Zeit erste inoffizielle queere Treffpunkte, doch die Stigmatisierung und Verfolgung war enorm. Doch es scheint Autor Ben Shattuck ohnehin nicht um eine strukturelle Analyse der politischen Verhältnisse zu gehen.

Die erste Liebe, an die man sich ewig zurückerinnert


"Die Geschichte des Klangs" ist am 22. Juli 2025 im Hanser Verlag erschienen

"Die Geschichte des Klangs" (Amazon-Affiliate-Link ) erzählt die Geschichte dieses gemeinsamen Sommers, in dem Lionel und David im Zelt oder unter freiem Himmel schlafen, sich lieben und Menschen ihre traditionellen Songs in einen Phonographen singen lassen. Doch der Sommer endet, und ihr Kontakt findet ein plötzliches, unerklärliches Ende. Es ist eine Zeit, die den bisexuellen Lionel prägt, die jede weitere Beziehung überschattet – und die ihn die vielleicht erdrückendste aller Fragen stellen lässt: Was wäre, wenn?

Genau darum kreist die Erzählung des US-amerikanischen Autors Ben Shattuck: Um die eine Liebe, an die man sich ewig zurückerinnert, die eine*n auch Jahrzehnte später noch schwelgen – und verklären – lässt. Und die zermürbende Frage, ob nicht alles ganz anders hätte laufen können. Oder müssen.

Zwei Geschichten, die miteinander in Beziehung stehen

"Die Geschichte des Klangs" findet dafür eine herausragende Form und eine ebenso gewaltige Sprache. Der Text ist knapp, konzentriert sich aufs Wesentliche. Um zu erläutern, wie Lionel von Kentucky nach Boston kam, genügen zwei Sätze. Für Lionels präzise Beschreibung von David braucht es dafür eine halbe Seite. Es ist eine intime, unmittelbare und kunstsinnige Sprache, die mal genau beobachtet, mal scharf resümiert. Der Ich-Erzähler nutzt zudem keine chronologische Form, sondern erzählt aus der Rückschau, und schafft es so, Vergangenheit und Gegenwart miteinander zu verbinden.

Das Besondere: Das Buch umfasst zwei Erzählungen, die in einem unmittelbaren Zusammenhang stehen. Die zweite – über Annie und ihren Mann Henry – ergänzt die Geschichte von Lionel und David und macht diese erst ganz verständlich. Vor allem erweitert sie die durchaus betrübte Stimmung der verpassten schwulen Liebesgeschichte um das Gefühl, dass auch die vorzeigbarsten Zufallsbegegnungen Schattenseiten haben.

Die Erzählung wurde hochkarätig verfilmt

Der US-amerikanische Band umfasst insgesamt sechs dieser Erzählungs-Paare. Der deutsche Verlag hat sich dazu entschieden, nur eines – in äußerst gelungener Übersetzung von Dirk van Gunsteren – zu veröffentlichen, das dank großzügigen Zeilenabstands gerade so auf über 100 Seiten kommt. Im kommenden Frühjahr soll eine weitere Erzählung erscheinen.

Das hat womöglich damit zu tun, dass "Die Geschichte des Klangs" im Herbst als Spielfilm erscheint. Ben Shattuck schrieb dafür auch das Drehbuch, der Südafrikaner Oliver Hermanus inszenierte das Drama hochkarätig mit Josh O'Connor und Paul Mescal. Für die drei ist es nicht der erste queere Film: Der Regisseur drehte das Liebes- und Antikriegsdrama "Moffie", Josh O'Connor spielte eine Hauptrolle in "God's Own Country", Paul Mescal in "All of Us Strangers". "Die Geschichte des Klangs" feierte seine Premiere in Cannes, die bisherigen Kritiken fallen eher zurückhaltend aus.

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Die Erzählung berührt, ohne rührselig zu sein

Und noch eine weitere Entscheidung des Verlags muss nicht nachvollziehbar sein: Die zugegebenermaßen sehr stimmige Sepia-Fotografie auf dem Cover – zwei junge Männer, die durch einen Wald radeln – ist KI-generiert. Das ist transparent gekennzeichnet, aber dennoch nicht unproblematisch. Fragen nach Authentizität, Entwertung professioneller Arbeit und Urheberrecht werden noch häufig gestellt werden, insbesondere wenn es um marginalisierte Menschen geht.

Das soll den Gesamteindruck aber nicht trüben: "Die Geschichte des Klangs" ist eine wunderbare historische Kurzgeschichte – originell, an den richtigen Stellen herzergreifend, nur um das ein paar Seiten später wieder einzufangen. Die berührt, ohne rührselig zu sein.

Infos zum Buch

Ben Shattuck: Die Geschichte des Klangs. Übersetzt aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. 104 Seiten. Hanser Verlag. München 2025. Gebundene Ausgabe: 20 € (ISBN 978-3-446-28524-8). E-Book: 15,99 €

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