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Kinostart

Porträt einer queeren Parallelwelt

Sexy, schweißtreibend, berührend: Der Dokumentarfilm "Darklands – Are You Ready To Go Deep?" erlaubt einen Blick hinter die Kulissen von Europas größtem schwulen Fetisch-Festival.


Szene aus der Doku: Das Fetisch-Festival "Darklands" findet jährlich auf dem Expo-Gelände von Antwerpen statt (Bild: Cinemien)

Sie schweißen, kleben, malen – und erschaffen eine ganze Unterwasserwelt. Da baumeln Quallen aus Draht und Plastikfolie von der Decke, Haie gleiten aus Pappmaché durch Stahlträger, Fischernetze spannen sich über Laufstege, und ein riesiger Krakenarm krallt sich gierig um eine ganze Bühnenecke, als wolle er alles verschlingen, was ihm zu nahe kommt. Es soll wie ein Unterseeboot wirken – aber was hier erschaffen wird, ist mehr als Kulisse: Es ist Atmosphäre. Es ist Identität.

Willkommen bei "Darklands", dem größten schwulen Fetisch-Festival Europas, das jährlich 8.000 Körper, Sehnsüchte und Latexträume unter dem Dach einer alten Industriehalle in Antwerpen vereint. Regisseur Roland Javornik öffnet mit seiner gleichnamigen Dokumentation die Tore zu einem Universum aus Leder, Gummi, Nippelklemmen und nackter Selbstbehauptung – und stellt früh klar: "No matter what it is, it is somebody's fetish. No exceptions."

Community und Marktplatz


Poster zum Film: "Darklands – Are You Ready To Go Deep?" startet am 24. Juli 2025 – dem World BDSM Day – im Kino

Die Dokumentation folgt Jeroen Van Lievenoogen und seiner Schwester Nathalie – die kreativen Strippenzieher*­innen hinter "Darklands" – bei der Entstehung des Festivals, zeigt sie beim Bühnenbauen, Quallenkleben, beim Diskutieren über Besucherflüsse und Sicherheitspläne. Dabei ist Nathalie, mit scharfem Blick und lakonischem Humor, ganz klar der charismatische Star dieser Doku. Wenn sie erklärt, wie frustrierend es sein kann, die eigene Sexualität jahrelang zu verstecken, und wie befreiend es ist, sie endlich auszuleben, wird klar, was "Darklands" ausmacht: Es geht nicht (nur) um Sex. Es geht um Sichtbarkeit, Gemeinschaft, um das Recht, mit Lust ernst genommen zu werden.

Visuell fängt der Film viel ein: Von klassischer Musik in einer Kirche voller Lederkerle – "Classic Meets Fetish", ein absurd-schöner Festivalauftakt – bis hin zu vibrierenden Partyaufnahmen und Workshops zu Bondage, Aftercare und Sicherheitspraktiken. Besonders letzteres ist wichtig: In einer Welt, in der queere Menschen kaum sexualpädagogische Vorbilder haben, sind solche Angebote essenziell. Schade nur, dass man dafür zahlen muss – denn auch wenn die Doku Community beschwört, bleibt nicht zu übersehen: "Darklands" ist auch ein Marktplatz, auf dem Begehren zur Ware wird.

Eine Doku mit blinden Flecken

Weniger elegant ist die Struktur des Films. Nach einem faszinierenden Einstieg verliert sich "Darklands" zunehmend im Corona-Nebel. Natürlich: Die Pandemie hat das Festival hart getroffen, eine zentrale Figur der Leder-Community, Daniel Dumont, stirbt, Widmungen und Nachrichtenbeiträge rhythmisieren das Geschehen. Doch irgendwann kippt der Fokus – zu viele Minuten für Hygienekonzepte, zu wenig für die Utopie, die das Festival eigentlich ist oder sein könnte.

Und dabei gäbe es genug zu erzählen: Zum Beispiel über den blinden Fleck namens Inklusion. "Darklands" versteht sich als offen für alle, ist faktisch aber ein Raum für cis schwule Männer. FLINTA-Personen kommen kaum vor, ihre Perspektiven fehlen weitgehend. Zwar bietet das Festival ein spezielles Programm für sie – der Film erwähnt es mit keinem Wort. Die Frage, wer nicht Teil dieses Netzwerks ist, wird übergangen. Auch die Ästhetik des Logos – ein Adler, dessen Nähe zu rechten Symbolen durchaus eine Diskussion wert wäre – bleibt unkommentiert. Und: Wie wird mit Drogen umgegangen? In einem Kontext, wo Sex, Grenzen und Substanzen zusammentreffen, ist das nicht nebensächlich, sondern überlebenswichtig.

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Visuelle Einladung in ein queeres Refugium

Trotz dieser blinden Flecken bleibt "Darklands" ein unterhaltsames, oft berührendes und stellenweise herrlich schräges Porträt einer queeren Parallelwelt, in der alles möglich scheint. Viele kleine Anekdoten, viel detailverliebtes Material von vor Ort, ein Kaleidoskop aus Fetischpraktiken, Körpern, Ketten und Liebe zum Exzess. Und dann ist da noch das vermutlich ehrlichste Zitat der ganzen Doku: "Aber sobald ich eine Faust in meinem Arsch hatte, war alles gut."

"Darklands" ist eine visuelle Einladung in ein queeres Refugium – sexy, schweißtreibend, berührend. Doch wer genauer hinschaut, erkennt: Nicht jede*r darf mitfeiern. Und genau da, wo der Film Fragen stellen könnte, wird es plötzlich still.

Infos zum Film

Darklands – Are You Ready To Go Deep? Dokumentarfilm. Belgien 2024. Regie: Roland Javornik. Mitwirkende: Jeroen van Lievenogen, Nathalie van Lievenogen. Laufzeit: 84 Minuten. Sprache: englisch-niederländische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. Verleih: Cinemien. FSK 16. Kinostart: 24. Juli 2025
Galerie:
Darklands
7 Bilder
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