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Kommentar

Die Sternchenstunde der christlichen Kulturritter

Sprache soll nicht spalten, sondern verbinden, begründet Kulturminister Wolfram Weimer seinen Kampf gegen den Genderstern. Gemeint ist: Wir verbinden, indem wir ausschließen.


Bundeskanzler Friedrich Merz und sein Kulturminister Wolfram Weimer kämpfen gemeinsam gegen ein kleines Sternchen (Bild: IMAGO / photothek)

Wenn es ums Eingemachte geht – also um Satzzeichen – kennt der deutsche Konservative kein Pardon. Nicht, dass ihm das Satzzeichen an sich heilig wäre. Wer die Interpunktion konservativer Bundestagsreden prüft, wird schnell merken, dass es eher als optionales Accessoire betrachtet wird. Aber das Gendersternchen hat eine symbolische Sprengkraft, gegen die selbst die Rote Armee Fraktion wie ein Kegelverein wirkt.

Und so reiten sie wieder: die christdemokratischen Kulturritter, in schimmernden Anzügen aus altem Herrenstoff, die Brust geharnischt mit Leitkultur und Latinum, das Schwert geschärft an Schiller und Goethe. Ihr Feind? Kein Geringerer als der genderideologische Sprachterror, ein Heer aus Räuberinnen, Professorinnen und Aktivist*innen, das unser deutsches Sprachgut bedroht – das doch immerhin schon Martin Luther gehegt und gepflegt hat, bevor es später durch Thomas Mann endgültig in die Ewigkeit gebunden wurde.

Sprache als Spielfeld konservativer Ideologen

Der neue Tafelrundenchef im Schloss zu Berlin heißt Friedrich Merz, ein Mann, der keine halben Sachen macht. Wenn er nicht gerade Wirtschaft erklärt, wie ein Lehrer aus dem frühen 20. Jahrhundert, erklärt er Sprache zu einer militärischen Zone – und dort herrscht jetzt Genderverbot. Keine Sternchen, keine Doppelpunkte, keine schrägen I's. Nur das eine, das wahre, das heilige "Sehr geehrte Damen und Herren". So wie es sich für ein Land der Dichter, Denker und dominanten Demografien gehört.

An seiner Seite: Wolfram Weimer, der neue Kulturminister, benannt wie ein Waldelf, doch sprechend wie ein sächsischer Rektor auf Abwegen. Der ehemalige Publizist, bekannt aus feuilletonistischen Wutschriften über "radikal-feministische Empörungskultur", erklärt das Kanzleramt zur genderfreien Zone, also quasi zum Naturschutzgebiet der deutschen Schriftsprache. Endlich wieder Eindeutigkeit, endlich wieder Klartext! Der Feind steht links, trägt Sternchen und will unseren Kindern beibringen, dass auch ein*e Busfahrer*in ein Mensch sein kann.

"Sprache ist kein Spielfeld für Ideologen", sagt Weimer, während er die Spielregeln schreibt. Dass er dabei selbst mit der Selbstverliebtheit eines spätbarocken Sprachpädagogen agiert, entgeht ihm in der Eile des Kreuzzugs. Auch Friedrich Merz, der sogar öffentlich-rechtlichen Anstalten ein Verbot der Gendersprache nahelegt, sieht sich mehr als Sprach-Erzieher im besten Sinne: Ohne Gendern, so seine These, bleibt das Abendland sprachlich stabil – und ideologisch neutral, wie es nur ein Parteivorsitzender mit klarer Meinung sein kann.

Gleichberechtigung durch Konformität

Der neue Geist im Kanzleramt ist also ein alter: ein Geist aus der Welt von Oberstudienräten, aus der Zeit, als der Duden noch aus Papier war und "Geschlechtergerechtigkeit" eine dieser drolligen linken Moden, die man ignorieren konnte, bis sie wieder verschwand. Man spricht wieder von Sprachschönheit, von Harmonie und von Verbindlichkeit – was, wie so oft in konservativen Reden, einfach nur heißt: "Es bleibt alles so, wie es war."

Dabei muss man sich die Szene vorstellen: 470 Mitarbeiter*innen (pardon: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter) im Kanzleramt, die sich nun durch ihre E-Mails kämpfen wie einst Luther durch das Alte Testament. Keine inklusiven Formulierungen mehr, keine Rücksicht auf geschlechtliche Vielfalt – aber immerhin ein Satzbau wie aus dem Landesabitur NRW von 1992.

Sprache, so der neue Kultursound, soll nicht spalten, sondern verbinden. Wer dem Satz aufmerksam liest, bemerkt: Es ist ein Appell zur Einheitsgrammatik. Wir verbinden, indem wir ausschließen. Das ist nicht nur sprachlich brillant, das ist auch politisch konsequent. Der alte CDU-Leitsatz "Freiheit durch Ordnung" hat hier seine grammatikalische Schwester gefunden: Gleichberechtigung durch Konformität.

Man kann sich fragen, was aus einem Land wird, dessen oberste Instanzen in der größten geopolitischen Krise seit dem Kalten Krieg das größte Risiko nicht bei Energie, Klima oder Frieden sehen – sondern bei der Personalpronomen-Wahl.

Aber vielleicht liegt darin ja auch ein Trost: Wenn uns alles andere um die Ohren fliegt, bleibt wenigstens die Anredeformel intakt. Wenn dereinst die Welt untergeht, wird im Bundeskanzleramt noch eine letzte Mail versendet werden: "Sehr geehrte Damen und Herren, wir danken für Ihre Aufmerksamkeit."

P.S. Der Autor dieses Textes ist ein Mensch. Nicht gegendert. Aber ganz bei sich. Schreibt bevorzugt mit Stil – manchmal auch mit Sternchen.

-w-