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Interview

KRAUS liefert radikale Zärtlichkeit – queer, laut und kompromisslos

Das queere Indiepunk-Kollektiv KRAUS um Micha Krause stellt die Frage, ob Zärtlichkeit eine revolutionäre Kraft sein kann und begegnet patriarchalen Strukturen mit Verbundenheit statt nur mit Wut.


Das Klangkollektiv KRAUS um Micha Krause beschäftigt sich mit queeren Ansichten, Neuen Narrativen und Songs abseits von Stereotypen, mit Randale und Liebe, Sex und Revolution (Bild: Sheila Dolman)

Mit "Terror durch Freundlichkeit" veröffentlicht das queere Indiepunk-Kollektiv KRAUS um Micha Krause ein Album, das musikalische Wucht und politische Sensibilität vereint. Es ist eine klangliche Einladung zur radikalen Nähe – rau, lyrisch und kompromisslos. Die Band stellt die Frage, ob Zärtlichkeit eine revolutionäre Kraft sein kann und begegnet patriarchalen Strukturen mit Verbundenheit statt nur mit Wut.

Zwischen performativer Hymnen-Dekonstruktion, visueller Körperpolitik und kollektiver Kreativität entfaltet sich eine Haltung, die nicht auf Repräsentation zielt, sondern auf echte Verbindung. Die Veröffentlichung des Albums ist für den 12. September geplant.

Im Interview erzählen KRAUS von queerer Utopie, künstlerischer Verantwortung und der Schönheit einer Intimität, die nicht weichgespült, sondern aufrüttelnd ist.

Im September erscheint euer neues Album "Terror durch Freundlichkeit". Was genau meint ihr mit dieser Formulierung – ist das eine neue Strategie queeren Widerstands: zärtlich, poetisch, aber radikal?

So ähnlich, ja! Es geht uns darum, ob Zärtlichkeit eine radikale Kraft sein kann. Jahrzehntelang haben wir versucht, das Patriarchat zu zerschlagen – mit Wut, die berechtigt ist. Aber vielleicht sind Haltungen wie gegenseitiges Halten und Verbinden der stärkere Weg. Es geht um die Frage, ob wir immer klar unterscheiden können, wann wir aufbauen oder zerstören. Und ja: Das gilt nie pauschal. Tone-Policing lehnen wir ab.

Ihr kündigt an, auf dem Album die Deutschlandhymne zu zerstören. Wie dürfen wir uns das vorstellen – musikalische Dekonstruktion, politische Provokation oder etwas ganz anderes?

Das müssen die Leute selbst hören. Aber ja, wir bedienen uns musikalischer Mittel, die die Hymne entlarven und zugleich spielerisch in neue Kontexte stellen. Es ist eindeutig politische Provokation – aber auch eine Einladung zum Nachdenken.

Was erwartet uns klanglich auf "Terror durch Freundlichkeit"? Wie würdet ihr euren Sound jemandem beschreiben, der euch noch nie gehört hat – Indiepunk trifft …?

Wir sind lyrisch und laut zugleich. Textlich verspielt, musikalisch vielschichtig – und dabei immer handgemacht. Wir nehmen alle Songs gemeinsam live auf, ohne digitale Optimierung. Das erzeugt eine rohe Energie, mit Ecken, Wärme und Kollektivgefühl.

Auf dem Album kooperiert ihr u. a. mit dem House of Brownies, dem Berliner Vulvaa-Kollektiv und der Künstlerin WIM. Was verbindet euch inhaltlich, und wie prägen diese Perspektiven eure Musik und Ästhetik?

WIM begleitet uns seit Anfang an – sie ist eine der besten Songwriter*innen, die wir kennen. Mit ihr haben wir "Gestern vorbei" geschrieben. Das House of Brownies bringt Performance-Energie rein, das Vulvaa-Kollektiv queere Körperpolitik. Gemeinsam schaffen wir Räume, die nicht auf Repräsentation beruhen, sondern auf echten Verbindungen. Das ist musikalisch und visuell spürbar, etwa im Video zu "Bonnie im Kleid".

Direktlink | Musikvideo: "Bonnie im Kleid"
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Ihr habt ein Musikvideo zu Nacktheit und Sexualität produziert – ohne in die Falle des Male Gaze zu tappen. Wie gelingt euch eine visuelle Erzählweise, die Selbstbestimmung und Sinnlichkeit zusammenbringt?

Awareness beginnt beim Konzept. Unser Team hatte eine Intimissi-Coach, Consentbeauftragte und klare Regeln. Aber entscheidend ist der Schnitt: Jede Szene wird hinterfragt – ist sie notwendig oder nur voyeuristisch? Wir haben zum Beispiel alle Nippel verpixelt, egal ob männlich oder weiblich gelesen, um sexistische Regeln auszuhebeln. Auf YouTube gibt's sogar eine unverpixelte Version. Das zeigt: Sinnlichkeit geht auch ohne Klischees.

Direktlink | Musikvideo "Zu radikal für Telegram"
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Schon euer erster Songfilm "Eure Kinder werden so wie wir" lief u. a. auf der Berlinale – welche Rolle spielt das Medium Film für eure Musik und Botschaften?

Musik ist unser Ausgangspunkt, aber Film hat eine eigene erzählerische Kraft. Eure Kinder ist ein 35-Minuten-Song über Jugend und Aufwachsen, mit einer Strophe pro Jahr. Daraus wurde ein Kinofilm, den wir bei Konzerten live begleiten. Film eröffnet emotionale Räume, die Musik allein manchmal nicht erreicht.

Mit dem SUPERZART Festival habt ihr ein intersektionales queerfeministisches Format geschaffen. Wie habt ihr dieses Konzept erarbeitet, und wie wurde es von der Community aufgenommen?

Die Idee kam aus unserem Song "Sex ist auch keine Lösung". Daraus entstand das Bedürfnis, queere Sexualität sichtbar und utopisch zu machen. Wir haben zwei Jahre lang entwickelt, ein diverses Team zusammengestellt und das Hamburger Schauspielhaus gewonnen. Dort konnten wir fünf Sparten realisieren – Konzerte, Talks, Sprache, Workshops, Performance. Die Hamburger Community hat das Festival gefeiert, wir sind jedes Jahr gewachsen und werden konkreter. Dieses Jahr waren fast 800 Menschen dabei.

Wie kann Kunst auf rechte Sprache und Akteur*innen reagieren, ohne die eigene Haltung zu verlieren? Ihr sprecht davon, Höcke erfolgreich zu unterbrechen – was meint ihr damit?

Wir waren im Theater in seinem Wahlkreis, während er draußen AfD-Wahlkampf machte. Vom Balkon haben wir gesungen – lauter als seine Anlage. Er musste die Rede unterbrechen, das war sichtbar irritierend. Klar, das überzeugt keine AfD-Wählenden. Aber es setzt ein Zeichen – für alle, die sich von solchen Leuten bedroht fühlen.

Direktlink | Musikvideo "Nachts und illegal"
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Mit dem Rio-Reiser-Preis und dem Panikpreis wurdet ihr für eure Live-Performances ausgezeichnet. Was bedeutet euch diese Anerkennung – und verändert sie eure Reichweite oder Haltung?

Das bedeutet uns viel. Wenn Künstler*innen wie Udo oder Ton Steine Scherben etwas in uns sehen, ist das berührend. Aber Haltung muss man selbst finden, immer wieder neu. Preise sind schön, aber nicht der Kompass.

Wenn ihr eine sexuelle Utopie entwerfen dürftet – also eine Gesellschaft, in der Lust und Körperlichkeit frei und respektvoll gelebt werden können: Wie würde die klingen, aussehen und sich anfühlen? Und welche Rolle spielt Musik darin?

Utopisch heißt für uns: zukünftig, nicht unrealistisch. So eine Gesellschaft wäre frei, sinnlich und nah. Menschen könnten sich zeigen – ohne Scham oder Rechtfertigung. Musik spielt darin eine zentrale Rolle: Sie kann Räume öffnen, in denen Verbundenheit entsteht, in denen man sich spürt und versteht.

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