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Buchtipp
Prozentrechnen lernen mit der "Schwuchtelskala"
Weil der Vater meist schwieg, macht sich Xavier Le Clerc in seinem Roman "Ein Mann ohne Titel" auf die Suche nach dessen Geschichte. Er stellt Verbindungen zu sich selbst her – und zeigt, wie Kolonialismus, Arbeitsmigration und Homophobie nachwirken.

Xavier Le Clerc wurde 1979 in Algerien geboren und wuchs in der Normandie auf. Nach einem Studium der Soziologie und Literaturwissenschaften lebt er heute in Paris, wo er das Schreiben mit seiner Arbeit in der Modebranche verbindet (Bild: Francesca Mantovani)
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16. August 2025, 08:39h 4 Min.
Gedichte schreiben: 80 Prozent Schwuchtel. Sechs Milchtüten schleppen können: Nur 20 Prozent Schwuchtel. Im Kinderzentrum nur mit Mädchen spielen: Volle 100 Prozent Schwuchtel. Xavier Le Clerc lernt als Kind, zwischen sieben und zehn, was Prozentrechnen heißt. Und was eine Schwuchtel ist. Sein zwei Jahre älterer Bruder erklärt ihn dazu, inklusive "Schwuchtelskala" in Prozent.
Der Junge ist anders, er fällt auf. Er ist höflich, zurückhaltend, hat eine Mädchenstimme, geht in die Bibliothek, wo er Bücher neben sich aufstapelt, weil es zu Hause außer dem Telefonbuch keine Bücher gibt. Es geht das Gerücht um, er sei adoptiert. Er hat viele Geschwister, fühlt sich zu Hause aber immer allein.
Hunger, Krieg und Pflicht – ein Leben lang
Der Franzose Xavier Le Clerc, 1979 in Algerien geboren, erzählt in "Ein Mann ohne Titel" (Amazon-Affiliate-Link ) auch seine eigene Geschichte. Er verbindet sie jedoch mit der Suche nach der Identität seines Vaters. Der Ausgangspunkt dafür wiederum sind die Aufzeichnungen des Schriftstellers Albert Camus, der im damaligen Französisch-Nordafrika geboren wurde und im Mai 1939 die Kabylei erkundete.
Zu dieser Zeit war Xavier Le Clercs Vater, Mohand-Saïd Aït-Talbet, gerade einmal zwei oder drei Jahre alt, auch er ein Kabyle, der in dieser nördlichen Region Algeriens aufwuchs. Vielleicht ist Camus ihm begegnet? Dann hätte er ein ausgezehrtes Kind gesehen, das "von Geburt an mit Hunger, Krieg und Pflicht konfrontiert" war.
Schulden und Existenzängste

Der Roman "Ein Mann ohne Titel" ist 2024 im Merlin Verlag erschienen
Die Armut ist auch nach dem Umzug nach Frankreich ein steter Begleiter. Mohand-Saïd Aït-Talbet wird nie zu einer Schule gegangen sein, er wird in Frankreich zunächst auf Baustellen schuften, später bei einem Stahlwerk in der Normandie. Er ist Analphabet, Schulden plagen ihn, Existenzängste sowieso. Und das stete Gefühl, nie dazugehören zu können.
1979, sechs Monate nach Xavier Le Clercs Geburt, bot der bürgerliche Staatspräsident Valéry Giscard d'Estaing allen Migrant*innen eine Rückkehrprämie von 10.000 Franc an. Eine "bescheidene Summe", nach heutiger Kaufkraft sind das etwas mehr als 4.200 Euro.
Seine Mutter hatte unzählige Fehlgeburten
Der Vater entscheidet sich stattdessen für die Familienzusammenführung. Was, wenn er das Geld genommen hätte? Dann wäre Xavier Le Clerc in der Kabylei aufgewachsen, er hätte sich "vielleicht früher oder später zu den tausenden Ertrunkenen an den Ufern des Mittelmeers gesellt", hält er nüchtern fest.
Überhaupt ist sein Stil eher beschreibend als interpretierend, stellenweise in starken Metaphern, manchmal im Stil einer Reportage. Er schreibt zurückgenommen, nicht ausschweifend, aufs Wesentliche konzentriert – denn das hat es schon in sich. Wie er etwa schildert, dass er seine Mutter "nie mit flachem Bauch gesehen" hat, sie "unzählige Fehlgeburten hatte, ohne sich jemals Zeit zu nehmen, Trübsal zu blasen", dann ist das in seiner blanken Beschreibung krass genug.
Ein neuer Name – Verleugnung oder Chance?
Wie andere französische Gegenwartsautor*innen macht Xavier Le Clerc einmal mehr deutlich, wie sehr die Klassenzugehörigkeit das Leben prägt. Damit steht er in einer Reihe mit Nobelpreisträgerin Annie Ernaux, Didier Eribon oder Édouard Louis.
Mit dem letztgenannten teilt er ein wichtiges Detail: So wie er als Eddy Bellegueule geboren wurde und seine Klassenflucht mit einem Namenswechsel einherging, ist auch Xavier Le Clerc ein selbstgewählter Name; geboren wurde er als Hamid Aït-Talbet – ein Name, der "dahinschmelzen sollte wie Eis an der Sonne". Ausführlich reflektiert er darüber, ob er mit dem neuen Namen seine Familie verleugnet, und leitet die Entscheidung für Xavier Le Clerc ausführlich her.
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Wenn Armut, Migration, Rassismus und Homophobie aufeinandertreffen
Auffallend ist eine weitere Ähnlichkeit zu einem französischen Gegenwartsautor, der über die Verschränkungen, die eine Identität konstituieren, schrieb: Marouane Bakhti beschreibt in "Wie man aus der Welt verschwindet" https://www.queer.de/detail.php?article_id=53076, dass sein Vater seine Gedichte verbrennt. Xavier Le Clerc verbrennt seine Gedichte jedoch selbst, nachdem sein Bruder sie gefunden und kichernd vorgelesen hatte. Mit Blick auf all diese Autor*innen zeigen sich Kontinuitäten, wenn Armut, Migration, Rassismus und Homophobie aufeinandertreffen.
Xavier Le Clercs Werk ermöglicht es, in das Leben von Vater und Sohn und ihre komplexe Beziehung einzutauchen. Es lässt darüber hinaus aber aufs große Ganze schließen: "Ein Mann ohne Titel" erweitert den Blick auf Frankreich im 20. Jahrhundert; ein Land, das geprägt war von Arbeitsmigration und Abweisung, von Ausbeutung und Armut. Viele Aspekte sind auch für Deutschland relevant und lassen so manche Konflikte besser verstehen.
Xavier Le Clerc: Ein Mann ohne Titel. Roman. Übersetzt aus dem Französischen von Christiane Kayser. 116 Seiten. Merlin Verlag. Gifkendorf-Vastorf 2024. Gebundenes Buch: 24 € (ISBN 978-3-87536-347-0)
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