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Anthologie

Ein Mosaik lesbischer Lebenserfahrung

Wendepunkte aus lesbischer Perspektive: Die 24. Ausgabe des Jahrbuchs "Mein lesbisches Auge" zeigt, dass Veränderungen keine Ausnahmen sind, sondern das eigentliche Kontinuum.


Fotografie aus der neuen Ausgabe von "Mein lesbisches Auge" (Bild: Lilith Terra / Lesbisches Auge 24)
  • Von Luise Erbentraut
    17. August 2025, 11:48h 6 Min.

Unter dem Titel "Umbrüche, Wendepunkte" setzt das jüngst veröffentlichte Jahrbuch "Mein lesbisches Auge" (Amazon-Affiliate-Link ) seine Zeitgenoss*innenschaft lesbischen Lebens fort. Auf rund 270 Seiten kommen 34 Beobachter*innen sapphischer Realitäten zu Wort und Bild. Der Sammelband schenkt sowohl etablierten Namen wie Koschka Linkerhand, Yoko Tawada und Volcano DeLa-Grace Gehör als auch Debütant*innen. Bei genauerem Blick in die Kurzbiografien scheint sich hier eine Szene zu versammeln, die in literarischer und künstlerischer Praxis in jedem Fall auf die ein oder andere Weise erprobt ist und von einem akademischen Hintergrund aus in verschiedene Richtungen strebt.

Der thematische Fokus "Wendepunkte" schließt Veränderungen in mehrfacher Hinsicht ein: Wo das Vorwort auch gegenwärtige politische und gesellschaftliche Veränderungen wie den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine sowie den Klimawandel einbezieht, nähern sich die Beiträge dem Schwerpunkt überwiegend autobiografisch an. Die 24. Ausgabe von "Mein lesbisches Auge" steht damit nicht nur numerisch in einer Reihe mit den vorherigen Editionen, die seit den 1980er Jahren "Einblicke in das lesbische Lieben und Leben" dokumentieren. Neben wiederkehrenden Motiven wie Kennenlernen, Lieben, Trennen und Neubeginn kristallisieren sich jedoch auch Schwerpunkte heraus, die als kollektive Wendepunkte lesbar werden.

Lebensveränderungen zwischen Bildungsbiografien


"Mein lesbisches Auge 24: Umbrüche, Wendepunkte" ist im Konkursbuch Verlag erschienen

Ein zentrales Motiv vieler Beiträge ist die Kindheit, die Jugend, das Coming-out samt wachsender lesbischer Selbsterkenntnis. Biografische Einschnitte, die sich schon in der 21. Ausgabe unter dem Titel "Herkunftsgeschichten" fanden, tauchen nun im neuen thematischen Licht der Wendepunkte erneut auf. Die Erzählung "Der Auszug" von Lizzy Faßbinder etwa schildert den Moment des Verlassens des patriarchalen Elternhauses noch vor dem Abitur – und verdeutlicht so das Ausziehen als Aufbruch und Loslösung, die gleichzeitig eine Form der Selbstermächtigung darstellen.

Heidi von Plato beschreibt in "Crazy for you" das erste lesbische Verliebtsein während der Pubertät auf dem Gymnasium, das durch das elterliche Umfeld der ersten Liebe unterbunden wird. In beiden Texten zeigt sich ein wiederkehrender Subtext: Der überwiegende Teil der Autor*­innen scheint aus einem bildungsbürgerlich geprägten Milieu zu stammen. Und auch das Studium selbst taucht in Regina Nösslers – eine der Herausgeberinnen – nicht chronologischen Wendepunkten auf.

Vom Wendepunkt zur Zeit der Wende

Am Begriff der "Wende" zeigt sich aber zwischen den Zeilen noch ein weiteres Motiv, das die Ausgabe bewegt. Historisch aufgeladen verrät es nämlich auch, je nachdem, woran Leser*in dabei als Erstes denkt, etwas über deren sozial-geografische Verortung innerhalb Deutschlands. Wer dabei zuerst 1989, Mauerfall und Umbruch im Kopf hat, wird nicht enttäuscht, denn überraschenderweise schenkt der Band dieser Erlebniswelt mal mehr mal weniger explizit Aufmerksamkeit. Anja Müllers dokumentarischer Beitrag etwa bringt die ersten Jahre der "Wendezeit" zwischen 1989 und 1990 in Fotografie und Wort ins Gedächtnis zurück.

In "Die heimliche Geliebte" spricht Michaela Regus von Berlin als gemarkter, geteilter Stadt, die in ihrer Unstetigkeit ihren Reiz findet. Karen-Susan Fessel wiederum verknüpft in ihrer Kurzgeschichte "Georgenberg" die Wende mit der biologischen Abstammung vom Vater. Indem die Frage, wie es sich zu einem verstorbenen, leiblichen Vater zu positionieren gilt, der einen zeitlebens vertuschte, hier mit der Zeitgenoss*­innenschaft des Mauerfalls verknüpft wird, werden auch die ambivalenten Gefühle deutlich, die sich in viele familiäre Biografien eingeschrieben haben.

Tod, Abschied und Erinnerung

Aber nicht nur in Karen-Susan Fessels Beitrag wird der Tod als existentielle Verschiebung der Perspektive deutlich. Traude Bührmann widmet sich in "Zur Hausarbeit des Ablebens" einem eher tabubehafteten Thema: dem Schreiben eines Testaments. Der Text beschreibt diesen Akt mit einem Hauch Selbstironie als bewussten Übergang zwischen Leben und Tod, den es formal abzuarbeiten gilt. Francis Kaufmanns Erinnerung "Kopfsachen" schließlich verwebt das Auftauchen und Verschwinden einer Freund*­innenschaft mit dem Tod als Prozess, der auch verbinden kann und gerade dadurch überdauert.

Poesien der Veränderung in Wort und Bild


Fotografie aus dem neuen Band (Bild: anastasia kuba: Nothing but light / Lesbisches Auge 24)

Während der Großteil des Bandes damit aus Prosa besteht, werden die Texte von visuellen Beiträgen durchbrochen, die selbst eigene kleine Erzählungen entfalten. Anja Müllers analoge Porträts etwa fangen nicht nur Menschen, sondern auch Lebensabschnitte ein. Ihre dokumentarischen Bilder der Wendezeit wirken dabei fast wie Gegenpole zu den poetischen Schwarzweiß-Landschaften von Claudia Gehrke und Wiebke Kahn sowie den farbintensiven Gemälden von Minette Dreier und Margarete Leube.

Unter den Bildbeiträgen ist außerdem Lilith Terras Aktporträt-Serie hervorzuheben, in der sich weibliche Identität und Sexualität im Spannungsverhältnis zur Mutterrolle neu verhandeln. Unter den lyrischen Beiträgen bleibt vor allem Sabine Küsters "Gezeiten" im Gedächtnis, das den Sammelband eröffnet. "Fruchtwasserblase & Styx" werden bei ihr zur markanten Metapher für die "Ursuppe" des "Fluiden Sein" (S. 12).

Wendepunkte des Lesbianismus

Die Frage nach lesbischer Identität wird im Band nicht nur retrospektiv gestellt, sondern auch im Spannungsfeld mit queeren, genderdiversen Perspektiven ausgelotet. Bereits die letzte, 23. Ausgabe von "Mein lesbisches Auge" sah sich mit dem Widerspruch konfrontiert, sowohl gender-variierende Perspektiven bereits seit Beginn einzubeziehen als auch "ein wenig Transphobie" in einzelnen Stimmen zuzulassen. Gerade damit zeigt der Sammelband aber auch auf, dass lesbisches Leben und Lieben kein in sich geschlossenes Regelwerk befolgt und sich ebenso kontinuierlich – ja sogar in sich strittig – fortbewegt.

Als kaum merkliches oder kontrovers relevantes Detail zeichnet sich das auch in der inkohärenten Handhabung des Genderns ab: Mal werden die Autor*­innen neutral als Mitwirkende angesprochen, an anderer Stelle erscheint das Binnen-I und an noch anderen Stellen taucht das Gender-Sternchen auf – von eher klassischen, lesbisch-feministischen Positionen bis hin zu queerfluiden, non-binären Perspektiven ist damit nahezu alles vertreten. Das explizite Einbeziehen von inter und nichtbinären Positionen zeigt: Hier wird Lesbischsein nicht nur in seiner Entwicklung, sondern auch in seinem Verhältnis zu Queerness thematisiert. Die Sichtweisen variieren nicht nur zwischen den Beiträgen, sondern auch innerhalb einzelner Texte. Yoko Tawadas Beitrag "Eine leere Flasche" pointiert dabei auch die Frage nach den Pronomen des sprechenden Subjekts zwischen der japanischen und deutschen Sprache.

Am deutlichsten zeigt sich diese übergreifende Bewegung jedoch in Volcano DeLa-Graces Beschreibung des eigenen Lebenswegs. In einem Mutterhaus aufgewachsen, in dem lesbisch zu sein scheinbar als höchste Anerkennung galt, hinterfragt Volcano in späteren Jahren genau die Festschreibungen zwischen chromosomalen (Um-)Ordnungen, Gender und Sexualität. Queerness wird hier weniger als Identität denn als Lebensart verstanden, die sich stetig im Wandel befindet.

Wendepunkte, die nur rückblickend sichtbar werden

Mit der Zusammenführung unterschiedlichster lesbischer Narrative, Positionierungen und Perspektiven wird deutlich, dass den Sammelband eine Reflexion über die Zeit selbst umgreift. Indem die meisten Beiträge autobiografisch zurückblicken, zeigt sich, dass Brüche, Ecken, Kurven des Lebenswegs sich erst im Nachhinein als markante Wendepunkte erkennbar machen. Im gegenwärtigen Erleben selbst wirken sie oft so fließend, chaotisch und widerständig gegenüber einer klaren emotionalen Einordnung. Vielleicht haben Wendepunkte als solche gerade das mit der Idee von Queerness gemein.

Insgesamt ergibt sich in der 24. Ausgabe von "Mein lesbisches Auge" ein Mosaik lesbischer Lebenserfahrung, das über eine Handvoll Dekaden hinweg zeigt, dass Veränderungen keine Ausnahmen sind, sondern das eigentliche Kontinuum. Der diesjährige Sammelband ist damit eine weitere wichtige Zeug*­innenschaft lesbischen Lebens der letzten Jahrzehnte.

Infos zum Buch

Anne Bax, Petra Brumshagen, Koschka Linkerhand, Tina Stroheker, Julia Dankers (Hrsg.): Mein lesbisches Auge 24: Umbrüche, Wendepunkte. 300 Seiten. Konkursbuch Verlag. Tübingen 2025. Taschenbuch: 18 € (ISBN 978-3-88769-924-6)

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