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Fotografie

"Kleidung dient vor allem dazu, dass man sie ablegt"

Todd Paris zeigt in seinem ersten Fotoband "Day Dreaming" nackte Männerkörper als Kunstwerke. Im Vorwort erklärt er, wie er seine Models rekrutiert und was Aktfotos von Nackt-Selfies unterscheidet. Wir veröffentlichen den aufschlussreichen Text als exklusive Leseprobe.


"Day Dreaming" stößt das Tor zu einer Welt auf, in der nackte Körper zu Kunstwerken werden. Mehr Bilder aus dem Buch zeigen wir in der unten verlinkten Galerie (Bild: Todd Paris)
  • Von Todd Paris
    23. August 2025, 09:02h 6 Min.

Meine Mutter und ihr Bruder waren noch Kinder, als ihnen mein Großvater eine Dunkelkammer einrichtete. Ihre halbe Jugend verbrachten sie mit dem Entwickeln selbstgeschossener Fotos – ganz die alte Schule. Später arbeitete meine Mutter eine Zeitlang als Fotomodell, und nach der Hochzeit war die Kamera meines Vaters ihr ständiger Begleiter. Unser gesamtes Familienleben, jeder Ausflug wurde festgehalten und bei Diaabenden an die Wohnzimmerwand projiziert, zur Freude von Freunden und Verwandten.

Wenig überraschend zog es auch mich zur Fotografie. Einen entsprechenden Abschluss strebte ich zwar nicht an. Aber während meines Studiums in Stanford und an der UCL A belegte ich immer wieder Kurse im Fotolabor, um mich mit Schwarz-Weiß-Fotografie und den technischen Finessen der Bildbearbeitung vertraut zu machen.

Als um 2007 anspruchsvollere Bildbearbeitungsprogramme auf den Markt kamen, war ich sofort Feuer und Flamme. Analoge Verfahren waren mir soweit vertraut, aber was digitale Bildbearbeitung anging, war ich blutiger Anfänger. Ich nahm mir vor, erst dann nach Models Ausschau zu halten, wenn ich mich technisch sicher fühlte, und so entstanden in den nächsten Jahren unzählige Selbstporträts, während ich mich durch Berge von Büchern über Studiofotografie, den richtigen Umgang mit Models, Bildbearbeitung und fotorealistische Malerei wühlte.


Der Bildband "Day Dreaming" ist am 19. August 2025 bei Salzgeber erschienen

Irgendwann war ich bereit für den nächsten Schritt und machte mich an die Einrichtung meines Fotostudios. Um Platz zu schaffen, musste der Flügel weichen, den ich Jahre zuvor angeschafft hatte, als meine große Leidenschaft die freie Improvisation war. Glücklicherweise fand sich sofort ein Käufer.

Auf der Suche nach Models, die meine Vision teilten, tummelte ich mich auf Craigslist, Model Mayhem und Instagram. Meine Grundregel war: keine Fotosession ohne vorheriges Treffen. Einmal, weil man dem Internet nicht trauen kann, und dann, weil ich sie dadurch als Personen mit ihren ganz individuellen Wünschen, Zielen und Eigenheiten kennenlernen konnte, was die Arbeit im Studio immens erleichtert.

Gelegentlich werde ich für Modefotos angefragt, aber solche Angebote schlage ich meist höflich aus. In meinen Augen dient Kleidung vor allem dazu, dass man sie ablegt – ein Zwischenstopp auf dem Weg zum eigentlichen Ziel.

Eine andere Frage, die ich gelegentlich zu hören bekomme: "Wer, bitteschön, will denn Aktfotos machen? Und was sind das für Leute, die sich dafür hergeben?" Dabei ist es durchaus nichts Ungewöhnliches, den menschlichen Körper in seiner Nacktheit zu zeigen: Correggio, Caravaggio, Rodin, Michelangelo, Donatello, Cézanne, Manet, Degas und Picasso, sie alle haben ihn in ihren Werken verherrlicht, und nur im Mittelalter wurde seine Darstellung – weil nach christlichem Verständnis alles Fleisch sündhaft ist – aus dem Kulturleben verbannt.

Freundlicherweise änderte sich das mit der Renaissance, aber angesichts der gegenwärtig tobenden Kulturkämpfe kann man nur hoffen, dass uns kein neues dunkles Zeitalter bevorsteht.

Aktfotos von mir selbst zu machen war lehrreich – ich weiß um meine Schokoladenseiten, und wichtiger noch: wie verletzlich man ist, wenn man nackt posiert. Ohne diese gesteigerte Empfindlichkeit für mein eigenes Abbild würde es mir am Gespür für die Empfindlichkeiten meiner Models fehlen; ohne diese Erfahrung könnte ich mich nicht im selben Maße in sie einfühlen.

Models entscheiden sich aus ganz unterschiedlichen Gründen fürs Modellstehen: einer hatte vor kurzem den Krebs besiegt und suchte nach künstlerischen Ausdrucksformen, um seinen wiedergewonnenen Körper zu feiern; ein anderer, aufgewachsen in den entlegensten Appalachen, hatte endlich seinem Drang nach der Großstadt nachgegeben und wollte das Großstadtleben in all seinen Facetten kennenlernen; einer hatte allzu lang auf einer Ranch in Oregon gearbeitet und nun den Sprung nach Hollywood gewagt, um es mit dem Show-Business wenigstens versucht zu haben; einer war Maler und Bildhauer und wollte sich und seinen Körper in einem anderen künstlerischen Medium ausprobieren; ein anderer hatte sich in den Kopf gesetzt, einmal um die ganze Welt zu reisen und finanzierte sein Abenteuer, indem er an jeder Station Modell stand, selbst wenn's damit nur fürs Couchsurfen reichte; ein anderer war Luftakrobat in einem Wanderzirkus und wollte sein reiches Repertoire jeder Erdenschwere spottender Posen im Bild festgehalten sehen; manche wollten den fotografischen Nachweis, dass die Monate intensiven Bodybuildings nicht umsonst gewesen waren; einige empfanden ihre Körper als entstellt (durch Narben, Vitiligo, Muttermale) und wollten ihre Scheu überwinden; andere waren mit Recht stolz auf ihre schönen Körper und wollten sich unbedingt zeigen; wieder andere wollten ihre Portfolios um Aktaufnahmen ergänzen; und die übrigen posierten für Aktfotos, weil sie darin eine Herausforderung sahen, der sie nicht länger ausweichen durften, wenn sie irgendwann zu ihrem wahren Ich finden wollten.

In der Welt der sozialen Medien sind Selfies und sogar Nackt-Selfies allgegenwärtig. Doch selbst, wenn heute jeder jederzeit einen Schnappschuss machen und Filter drauflegen kann – zu wirklichen Fotografien werden Bilder erst durch einen einzigartigen Blickwinkel, durch sorgfältig komponierten Bildaufbau, Ausleuchtung, Inszenierung. Ich gebe meinen Models immer Regieanweisungen, um sie in imaginäre Welten zu versetzen, und bitte sie dann beispielsweise, einen Punkt an der Wand zu fixieren, als gäbe es dort, hoch oben auf dem zerklüfteten Fels, eine brennende Burg zu sehen – oder einen Engel, der inmitten eines blendenden Strahlenkranzes herabsteigt aus düsteren Himmeln. Solche fantastischen Details sollen Emotionen wachrufen, und die besten Aktmodels zeichnen sich dadurch aus, dass ihre Körper ganz Ausdruck dieser Emotion werden.

Meine Aufgabe besteht im Wesentlichen darin, sie ansprechend auszuleuchten und auf ihre Fantasiereisen zu schicken – eine Inszenierung, die sich in der digitalen Nachbearbeitung vollendet.

Und hier unterscheide ich mich von anderen Fotografen. Zuletzt war es geradezu Mode, Bildern einen rauen, unfertigen, scheinbar unbearbeiteten Look zu geben, und ich hoffe sehr, dass dieser Trend bald der Vergangenheit angehört. Mir ging es immer darum, meine Models bestmöglich in Szene zu setzen, alles soll kunstvoll sein und kunstvoll wirken – und keine falsche Natürlichkeit vorspiegeln. Ich arbeite meist in Farbe, weil ich es liebe, Filter zu mischen, mit vielfarbigem Licht zu malen, und verwende dunkle Hintergründe (und zuweilen Nebel), weil sich dadurch noch intensivere Farbwirkungen einstellen. Die Bilder werden bewegter, dramatischer – und damit sollte klar sein, welches Fach ich tatsächlich studiert habe.

Bei Aufträgen für Zeitschriften oder die Werbeindustrie ist die Reihenfolge immer gleich: Erst kommt das Moodboard – dann sucht man nach einem Model, das diesen Vorgaben entspricht. Ich verfahre genau umgekehrt: Ausgangspunkt meiner Arbeiten ist stets das individuelle Model, sie sind Herz, Seele und Körper meines Werks, um sie herum erschaffe ich meine Welten.

Auch früher schon haben mich gute Freunde immer wieder ermutigt, meine Fotografien in unterschiedlichen Formaten zu zeigen, ob als gerahmte Drucke in Bars oder als Dialeuchtkästen in großen Galerien. Darum freut es mich, allen, die meine Vision des jungen männlichen Körpers teilen und zugleich die haptischen Qualitäten von Papier schätzen, dieses, mein erstes Buch zu präsentieren.
Todd Paris – 2025

Die Veröffentlichung dieses Texts erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Künstlers und der Salzgeber Buchverlage. "Day Dreaming" und viele weitere spannende nicht-heteronormativen Fotobände, Romane und DVDs sind unter anderem erhältlich im Salzgeber.Shop.

Infos zum Buch

Todd Paris: Day Dreaming – Visions of Youth and Beauty. Fotoband. Format 24 cm x 32 cm. 160 Seiten. 103 Abbildungen in Farbe. Salzgeber Buchverlage. Berlin 2025. Hardcover: 59 € (ISBN 978-3-95985-714-7)
Galerie:
Day Dreaming
11 Bilder
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