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Interview mit YouTube-Star "darkviktory"

Mik, woher kommt die Begeisterung für queere Animes?

Der queere YouTuber darkviktory gilt als eines der Urgesteine der deutschen YouTube-Szene. Im Interview spricht er darüber, wie sich die Plattform verändert hat, warum ihm queere Aufklärungsarbeit besonders am Herzen liegt und weshalb auch nicht-queere Menschen große Freude an queerer Animationskunst finden.


Marik Roeder, besser bekannt als Mik, zählt zu den reichweitenstärksten queeren Content Creators in Deutschland (Bild: Nico Abrell)

Über eine halbe Million Menschen folgen dem Hauptkanal "darkviktory" des Animationskünstlers Marik Roeder, besser bekannt als Mik, auf YouTube. Damit zählt er nicht nur zu den reichweitenstärksten queeren Content Creators Deutschlands, sondern auch zu den Pionier*innen: Seine Karriere begann bereits vor rund 16 Jahren. Doch Mik war seiner Zeit allgemein stets ein Stück voraus. Schon früh setzte er sich für queere Themen ein und schuf mit seinen Videos eine Plattform für Sichtbarkeit und Aufklärung.

Zu seinen populärsten Projekten gehört zweifellos die erfolgreiche Reihe "TubeClash", in der laut "TubeClash Wiki" zwei Teams aus jeweils fünf ausgewählten YouTubern – den sogenannten Clashern – auf einer Insel gegeneinander antreten. Einige Episoden verzeichneten bereits über vier Millionen Aufrufe. Ein beachtlicher Erfolg – insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Manga- und Anime-Szene in Deutschland erst seit wenigen Jahren im Mainstream angekommen ist.

Bekannt ist Mik aber auch durch seine Beziehung mit Kostas Weiß, vielen besser bekannt als "Kostas Kind". Im Gespräch erzählt er, warum der öffentliche Druck auf ihre Partnerschaft mitunter herausfordernd sein kann, weshalb er die kreative Zusammenarbeit mit Kostas besonders schätzt – und was ihn gelegentlich an YouTube frustriert. Ein Gespräch über die Anfänge, aktuellen Entwicklungen und Zukunftspläne.

Mik, du betreibst deinen YouTube-Kanal bereits seit Oktober 2009 – also seit fast 16 Jahren. Wie würdest du sagen, haben sich YouTube und die Welt der Mangas und Animes in dieser Zeit verändert?

Als ich angefangen habe, waren meine Animationen und Anime-Parodien noch ein absolutes Nischenprodukt – und trotzdem Teil der YouTube-Subkultur, da YouTube selbst Subkultur war. Hier hatten sich früher Nerds und Videobegeisterte, Meme-Fans und Otakus getroffen, um alles Mögliche auszutauschen – Parodie-Synchros, Fandubs, Anime-Musikvideos zu edgy Linkin-Park-Songs. Heute ist YouTube einfach eine große Plattform, auf der jeder ist – von Kleinkind bis Großeltern. Das heißt aber auch: Durch die Professionalisierung der letzten Jahre gibt es qualitativ hochwertigeren Content als nur Hobby-Meme-Videos. Die Monetarisierungs-Optionen heute machen es möglich, dass wir Anime-Iceberg-Videos und Manga-Deepdives bekommen, die Dokumentarfilmlänge haben und die so niemals im Fernsehen laufen würden.

Was würdest du als Highlight und was als Lowlight deiner bisherigen Karriere bezeichnen?

Für mich war "Secondhand Toyfriend" mein Highlight – die Buchreihe, die ich mit meinem Boyfriend Kostas Kind zusammen geschrieben habe, in der sich zwei Jungs kennenlernen, weil der eine vom anderen ein Sextoy via Kleinanzeigen kauft. Der Schreibprozess, die Buchtour, aber vor allem der Inhalt, bedeuten mir alles. Denn obwohl die Prämisse so enorm laut und absurd klingt, versteckt sich dahinter eine sehr ehrliche und einfühlsame Geschichte über Selbstfindung, Queerness und Beziehung, die viele Elemente unserer eigenen Beziehung spiegelt. Gerade in Buch 2, das jetzt im August erscheint, sind Kostas und ich wirklich in Bereiche vorgestoßen, die uns selbst an die Grenzen gebracht haben: Wie weit kann man in einer Partnerschaft aufeinander zugehen, und ab wann sind Kompromisse nicht mehr tragbar, weil man für die andere Person zu viel von sich selbst aufgibt? Der gesamte Schreibprozess hat uns selbst wachsen lassen – als Paar, als Individuen und als Kreative.

Deine Videos erreichen sehr unterschiedliche Reichweiten – von rund 20.000 Views bei neueren Clips bis zu 4,6 Millionen bei "TubeClash" vor zehn Jahren. Wie wichtig sind dir solche Zahlen? Treffen dich niedrige Views oder gehst du damit ganz entspannt um?

Sie ärgern mich hin uns wieder, aber treffen tun sie mich nicht. Die Sache ist die: Ich weiß im Vorfeld ziemlich gut, welche Videos funktionieren werden und welche eher weniger. Und trotzdem gibt es Themen, die sind nicht sexy, auf die passt kein hottes Thumbnail oder ein provokanter Titel – und trotzdem sind sie wert, erzählt zu werden. Daher plane ich immer so, dass sich mein Schaffen im Gesamten querfinanziert und die leichten Unterhaltungsvideos, die gut gehen und sich vielfach klicken, den aufklärenden Wissenscontent querfinanzieren. Darum spreche ich eher vom Ärger: Klar, wäre ich happy, wenn diese Art Content genauso viel Aufmerksamkeit erzielen würde wie ein Clip, in dem ich über mein erstes Mal rede, oder ich große YouTuber in animierter Form gegeneinander antreten lasse – aber der Mensch ist der Mensch ist der Mensch. Ich versuche trotzdem weiterhin beides, solang ich es mir leisten kann.

Direktlink | Ankündigung der "TubeClash"-Jubiläumstour
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Im Gegensatz zu deinem Partner Kostas steht bei dir nicht deine Person im Vordergrund, sondern die Geschichten, die du erzählst. Hast du manchmal das Bedürfnis, stärker selbst vor der Kamera zu stehen?

Überhaupt nicht. Tatsächlich war der Erfolg von "TubeClash" mir eine große Lehre – denn damit kam auch der Hype um meine Person und das quasi über Nacht. Wir hatten keine Zeit, uns wirklich darauf vorzubereiten. Heute kennt man den Begriff "Influencer" und weiß, was damit verbunden ist, aber wir waren die erste Generation "YouTube-Stars" und plötzlich in der "Bravo" und auf Zeitschriften-Covern. Zur diese Zeit konnten wir nur selten vor die Tür gehen, ohne auf unsere Videos angesprochen oder nach einem Foto gefragt zu werden. Kostas hat das nie viel ausgemacht – aber mich als Introvert hat das so gestresst, dass ich irgendwann einfach nicht mehr das Haus verlassen habe und regelrecht paranoid und schlussendlich depressiv wurde. All das war ein großer Motivator, ein Jahr nach London zu ziehen, um Abstand zu all dem zu gewinnen. Das hat geholfen, alles in Perspektive zu rücken. Da habe ich entschieden, dass ich mich lieber in animierter Form zeigen will, statt vor der Kamera. Ich bin zwar auf meinem Musical-Kanal noch zu sehen, aber da geht's auch nicht um mich als Person, sondern um die Kunstform. Wenn ich Fans von "DeadBoyWalking" treffe, freue ich mich eher, dass ich mich über Shows auszutauschen kann. Man merkt, es ist gar nicht so einfach, rauszufinden, wie man sich mit sowas wohl fühlt.

Bleiben wir kurz bei Kostas: Es gibt queere Beziehungen, wie die von Nikolas Puschmann und Lars Tönsfeuerborn, die u. a. an dem Druck der Öffentlichkeit zerbrochen sind. Spürt ihr manchmal auch äußeren Einfluss auf eure Beziehung – und wie geht ihr damit um?

Klar, seit Beginn. Leute wollen wissen, wer ist top, wer ist bottom, wann heiratet ihr endlich – und und und… Und natürlich kommt ein gewisser Druck mit Aussagen wie "Wenn ihr euch trennt, hab ich den Glauben an Liebe verloren". Aber let's be honest: Queere Kids haben nicht unendlich viel Repräsentation und Vorbilder, nach denen sie sich richten können. Von daher kann ich die Neugier nachvollziehen und versuche, gemeinsam mit Kostas, auch so gut es geht, genau das zu bieten: eine Art Orientierung. Darum reden wir sehr offen über unsere Beziehung, über Grenzen, über Sex – denn gerade in dem Bereich gibt es wenig gute Aufklärung für queere Kids. Dabei ist Wissen so wichtig, denn es schützt: vor Krankheiten, vor Übergriffen, vor Vereinsamung und Isolation. Ich denke, es ist ein Privileg mit großer Verantwortung, ein Vorbild für andere queere Menschen sein zu können.

Ein gemeinsames Projekt von euch war die bereits erwähnte, sehr amüsante Dildo-Geschichte "Secondhand Toyfriend". Wie ist es für dich, mit deinem Partner kreativ zusammenzuarbeiten – und welche gemeinsamen Projekte habt ihr noch in Planung?

Es ist die beste Zusammenarbeit, die ich bisher erlebt habe – denn wir ticken sehr ähnlich: Wir arbeiten kreativ, aber dabei diszipliniert und strukturiert. Dadurch, dass wir uns blind vertrauen, sind Feedbacks ehrlich und konstruktiv. Wir haben dieselben Werte und sind uns dadurch einig, wenn es um Moral und beherrschende Ideen von Geschichten geht. Es ist fast lächerlich, dass wir für "Secondhand Toyfriend Vol. 2" einfach drei Monate am Stück von morgens bis abends jeden Tag aufeinandersaßen, um zu plotten und zu schreiben – und statt uns zu streiten, uns gegenseitig hochgezogen und motiviert haben, wenn es mal Hänger gab. Ich glaube, nur weil wir so funktionieren, konnte das Buch so ehrlich und gut werden wie es letztendlich wurde. Klar, gibt's immer dieses Burnout-Gefühl nach so einem Großprojekt – aber ich bin ganz ehrlich, ich wäre schon wieder ready für das nächste gemeinsame Buch. (lacht)

Die Faszination für queere Mangas und Animes ist aktuell deutlich spürbar. Wie erklärst du dir, dass etwa Boys-Love-Reihen im Manga-Bereich so beliebt sind – sogar bei Menschen, die sich selbst nicht als queer identifizieren?

Das hat verschiedene Gründe: Kein anderes Medium bietet für queere Menschen eine so unglaublich hohe Anzahl an queeren Geschichten – und ist dabei so abwechslungsreich in seinen Facetten und Themen. Da hat man neben den verschiedensten Gay-Mafia- und Slice-of-Life-Stories auch lesbische Will-They-Won't-They-Geschichten – und für jedes Alter ist etwas dabei: von süßer Romanze bis zum hartem Toxic-Love-Sex. Dann gibt's aber auch Titel wie "The Gender of Mona Lisa" zum Beispiel – in denen es um eine Welt geht, in der jeder erstmal geschlechtslos auf die Welt kommt, oder selbst Animes wie Sailor Moon, in dem die maskulinen Körper der Starlights während der Verwandlung zu weiblichen transitionieren. All das in Bewegtbild oder als Manga mit Bildern und kleinen Sprechblasen – also einfach zugänglich für ganz viele Menschen.

Dann gibt es natürlich die große heterosexuelle weibliche Leserschaft von Boys Love, die in diesen Geschichten einen Safe Space finden, der sie Geschichten erleben lässt, die sie nicht unter Druck setzen. Es gibt keine direkten Rollenerwartungen: "So musst du sein, dass ein Mann dich will" – da es in diesen Geschichten zwar um Liebe – und manchmal Sex – geht, aber nicht um sie selbst. Es eröffnet außerdem Möglichkeiten, dunklere Themen und Dynamiken zu ergründen, weil das Machtgefälle Mann-Frau nicht existiert. Ob es richtig ist, das auf schwule Beziehungen zu projizieren, ist eine andere Diskussion, aber es ist eine Erklärung, warum Boys Love heterosexuelle Frauen ansprechen kann. Natürlich gibt es neben diesem auch genug andere individuelle Gründe.

Aktuell läuft deine Crowdfunding-Kampagne für "Sukkers: Queer Vamps Bite Back" – und mit rund 90.000 Euro hast du das ursprüngliche Ziel von 15.000 Euro bei Weitem übertroffen. Worum geht es in dem Projekt genau?

"Sukkers" wird ein Dark Comedy Adventure, in dem es um Viktor geht. Der stürzt sich eines Nachts von einer Brücke, weil er seinen Boyfriend verloren hat. Aber noch im Fall beißt ihn ein kleiner Vampirjunge aus Mitleid – Sam – und verdammt Viktor so zur ewigen Unsterblichkeit. Nur dürfte Viktor "eigentlich" gar nicht existieren – die Old Sukkers – ein Bund alter, konservativer Vampire hat ein Verwandlungsverbot verhängt, da sie kontrollieren wollen, wer Vampir sein darf und wer nicht. Viktor und Sam fliehen in den Londoner Untergrund und trommeln eine Gruppe queerer Vampire aus allen möglichen Epochen zusammen. So formen sie den Widerstand, um für ihr Recht auf Existenz zu kämpfen. Die Geschichte setze ich mit meinem Animationsstudio um. Sie erscheint in achts Parts – sogenannten Drops – und formt am Ende einen zusammenhängenden Animationsfilm.

Direktlink | Video zur Crowdfunding-Kampagne für "Sukkers"
Datenschutz-Einstellungen | Info / Hilfe

Auf der Crowdfunding-Seite erwähnst du, dass "Queer History" eine zentrale Rolle spielt – auch um zu zeigen, dass Queerness kein Trend, sondern ein historisch verankerter Teil der Menschheit ist. Wie setzt du das in "Sukkers" um? Gibt es konkrete Bezüge zur realen queeren Geschichte?

Wir wälzen seit geraumen Monaten alle möglichen Bücher zur queeren Geschichte, um zu filtern, auf welche Aspekte, Personen und Zeiten wir das Spotlight richten wollen. Ursprünglich ging es bei "Sukkers" um eine Gruppe schwuler Vampire – aber je mehr man in das Thema eintaucht, desto schneller wird klar, dass man nicht über LGB-Historie sprechen kann, ohne das TQ+ mitzusprechen. Die Kategorien, in denen wir heute denken, lassen sich manchmal nur schwer auf Queerness in der Vergangenheit anwenden. Daher wird der Fokus gar nicht stark auf einzelnen "bekannten Persönlichkeiten" wie Oscar Wilde liegen, sondern viel eher auf der Zeit-Epoche selbst – und ihren Aggressoren. Warum war die Antike offener, was die Akzeptanz homoerotischer Beziehungen anging, und wie viel von dem Mythos stimmt eigentlich? Wann begann die gezielte Verfolgung von Queerness, wie, warum und durch wen? Und was bedeutet das für uns heute?

Versteht mich nicht falsch, es gibt tonnenweise konkrete Fälle, die wir referenzieren werden, Personen die genannt werden, auftauchen können etc. – aber dennoch ist mir das Verständnis dafür wichtiger, woher Ausgrenzung kommt, und dass Queerfeindlichkeit Menschen gemacht ist – und zwar mit System. Wir sind natürlich – der Hass ist es nicht. Der ist eine Waffe.

Viele kreative Menschen träumen davon, ein Buch oder Videoprojekt umzusetzen – scheitern aber oft am Durchhalten. Welche Tipps hast du für sie, gerade wenn es ums Dranbleiben und Nicht-Aufgeben geht?

Ich denke, jedes Projekt sollte aus einer inneren Überzeugung umgesetzt werden: Überlege und formuliere genau, was du sagen willst – und weshalb. Lass das dein Motor sein. Sei ein bisschen delulu, denn das ist jede schriftstellende Person im Sinne von: "Die Welt braucht meine Geschichte!"

Aber im Endeffekt ist Planung und Handwerk das A und O. Storytelling ist eine Kunst, die man lernen kann – so wie jede Kunst. Je mehr man weiß, desto weniger verliert man sich im Prozess, weil man Tools erlernt, die einen aus Schreibblockaden rausholen, helfen, die Geschichte spannender zu erzählen, indem man einfach die Bausteine neu anordnet oder gewisse Dinge streicht. Im Endeffekt ist Kreativarbeit genau das – Arbeit. Solang man davon träumt, ist es ein Ideal, sobald du es lebst, deine Realität. Manchmal probiert man was, und merkt, als Traum hat es mir besser gefallen – und dann lässt man es wieder. Und auch das ist okay. Druck ist eine Sache, die hilft im richtigen Maß, aber zerstört im Übermaß. Finde die Mitte, in dem du dir Ventile schaffst – und das sind in meiner Erfahrung: Handwerk, Zeitmanagement, Disziplin und viel, viel Zeit mit lieben Leuten als Ausgleich, um Kreativität wieder aufzutanken.

-w-