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Sammlung von Vierzeilern

Beobachtungen eines schwulen Juden in Palästina

Der zeitlose Gedichtband "Quartette" des Juristen, Autors und Diplomaten Jacob Israël de Haan (1881-1924) funktioniert als Reisetagebuch und Liebesbekundung, hat aber auch zig philosophische Momente.


Der schwule Schriftsteller Jacob Israël de Haan wurde am 30. Juni 1924 aufgrund seiner politischen Haltung von der zionistischen Untergrundorganisation Hagana ermordet (Bild: wikipedia)
  • Von Christopher Filipecki
    23. August 2025, 15:56h 4 Min.

Es ist rund 100 Jahre her – und plötzlich aktueller denn je: Am 30. Juni 1924 wird Jacob Israël de Haan in Jerusalem von einem Auftragsmörder getötet. Er ist Jude und verließ einige Jahre zuvor seine Heimat, die Niederlande, um sich als Diplomat für die Freilassung jüdischer Gefangener unter anderem in Russland einzusetzen. Er vertritt schließlich in Palästina das Interesse der Orthodoxen, um diplomatisch und friedlich einen Lösungsweg zur Erringung eines eigenen Staates Israel zu finden. Dieses Engagement kostet ihm schließlich mit nicht einmal 43 Jahren sein Leben.

De Haan, 1881 in Smilde geboren, ist Rechtsanwalt, Jurist und Journalist, wird posthum aber besonders für seine Arbeit als Dichter und Schriftsteller bekannt. Neben seinen Kolumnen und seiner Berichterstattung aus Jerusalem, die er den niederländischen Zeitungen "Algemeen Handelsblad" und "De Groene Amsterdammer" zukommen lässt und so seine letzten fünf Lebensjahre dokumentieren, bekommen seine "Quartette" (Amazon-Affiliate-Link ) – im Original "Kwatrijnen" – besonders viel Aufmerksamkeit. Diese lassen sich seit wenigen Monaten nun endlich auch in der deutschen Übersetzung von Olaf Knechten lesen.

Wer nach mir kommt und liest diese Quartette,
Wird zittern, wenn er erst versteht
Mein Herzeleid und wie es mir ergeht,
Während ich singend mich durchs Leben rette.

Von "Abreise" bis "Das Ende"


"Quartette" ist in der Bibliothek rosa Winkel des Männerschwarm Verlags erschienen

In "Quartette – Lyrisches Tagebuch einer Emigration" finden 792 durchnummerierte Vierzeiler ihren Platz, beginnend bei dem ersten namens "Abreise" sowie konsequent endend mit "Das Ende". Dazwischen begibt man sich mit de Haan auf eine große Reise. Die führt sowohl durch mehrere Länder, sogar Kontinente, aber noch mehr durch seine Gedankenwelt. Ob Beobachtungen auf hoher See oder am Land an heißen Tagen, ob allein kurz vorm Schlafen oder hellwach im politischen Diskurs, ob direkt hoffnungsvoll an Gott gerichtet oder völlig verzweifelt nach innen gekehrt – de Haan lässt tief blicken.

Einen klaren roten Faden gibt es nicht. Sowieso ist es natürlich eine Herausforderung, sich jedes Mal nach vier Versen auf einen neuen Gedanken einzulassen. Die Kurzgedichte wechseln zwischen Paar-, Kreuz- und umarmenden Reimen, sind mal metaphorischer, mal sofort zu entschlüsseln. Einige Gedichte haben wiederholende Titel, so heißen Nr. 203 und 204 beide "Schönheit", haben aber unterschiedliche Aussagen.

Verliebt in junge Araber

Neben den Konflikten mit seinen politischen Gegnern spricht de Haan schonungslos über sein sexuelles Begehren. Schon in der Niederlande veröffentlicht er homo­erotische Werke, die provozieren und zu Eklats führen – und auch hier verliebt er sich in junge Araber wie Adil Effendi, der immer wieder auftaucht und sein Herz zum Schmelzen bringt. "Quartette" funktioniert als Reisetagebuch und Liebesbekundung, hat aber auch zig philosophische Momente, die sich in Geburtstagskarten oder zu anderen nachdenklichen wie melancholischen Anlässen zitieren lassen.

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Dass das Leben um ihn herum an Schwere zunimmt, ist nicht zu überlesen. Trotzdem bleibt de Haan bis zum Ende hoffnungsvoll und verträumt. Da man schon vor dem Beginn weiß, dass seine Biografie tragisch endet, bekommen so manche Beschreibungen einen bittersüßen Beigeschmack. Um den Kontext klarer zu haben, gibt es neben einer kurzen Einleitung ein rund zwölfseitiges Essay von Dr. Ido Harari zum Abschluss, der sich an der Uni in Jerusalem tiefer mit der Materie beschäftigte.

Ein untypisches Leseerlebnis, das durch den Gaza-Krieg eine Metaebene bekommt, die betroffen macht. Poetik, die durch den vierzeiligen Rhythmus leichtfüßig erscheint, inhaltlich aber kompromisslos erschlägt. De Haan schreibt zwischen seiner Heimweh nach Holland, seinen liebestrunkenen Gefühlen, dem Bekennen zum Glauben und dem nie eintreffenden und doch so herbei gesehnten Frieden.

Nie war ich so glücklich im Leben
Wie in diesem Auf und Ab der Gezeiten.
Doch nie sah ich so nah daneben
Den Tod das Leben begleiten.

Infos zum Buch

Jacob Israël de Haan: Quartette: Lyrisches Tagebuch einer Emigration. Übersetzt von Olaf Knechten. Bibliothek rosa Winkel Band 83. 240 Seiten. Männerschwarm Verlag. Berlin 2025. Hardcover: 26 € (ISBN 978-3-86300-083-7). E-Book: 18,99 €

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