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Buchtipp
Ein queerer Blick auf die Kunstgeschichte
Die Kunstwelt war und ist oft noch immer kein queerfreundlicher Ort. Offen queere Motive waren selten. Das neue Buch "Eine kurze Geschichte der queeren Kunst" der britischen Kuratorin Dawn Hoskin setzt dem etwas entgegen.

In ihrem Buch "Eine kurze Geschichte der queeren Kunst" würdigt Dawn Hoskin auch Tamara de Lempickas ikonisches Werk "Tamara in a Green Bugatti" (Bild: Wikipedia)
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24. August 2025, 09:26h 4 Min.
Andy Warhol, Frida Kahlo, David Hockney: Es gibt ein paar Künstler*innen, die einem schnell einfallen, wenn es um queere Kunst geht. Möchte man in der Geschichte weiter zurückgehen, wird das schon deutlich schwieriger. Die Kunstwelt – Schaffen, Handel, Ausstellung und wissenschaftliche Beschäftigung – war lange Zeit keine queerfreundliche Umgebung. Queere Kunstschaffende konnten höchstens kodiert arbeiten, offen queere Motive waren selten bis unmöglich.
Dass die Kunstgeschichte jedoch voll von queerer Kunst ist, beweist der Einführungsband der britischen Kuratorin Dawn Hoskin. Sie hält sich für ihr Vorhaben dankenswerterweise nicht lange mit theoretischen Debatten auf – etwa der Frage, was genau queere Kunst eigentlich ist. Queerness habe "oft, aber nicht ausschließlich, mit den Biografien der Kunstschaffenden zu tun", schreibt sie.
Ein Band für eine breite Zielgruppe

"Eine kurze Geschichte der queeren Kunst" ist am 21. August 2025 im Laurence King Verlag erschienen
Ihr Ziel: Der Band soll "queere Resonanzen finden, heteronormative Interpretationen sprengen und Gemeinsamkeiten in Ausdruck und Erleben erkunden". Und, gleich vorneweg: Das ist ihr im Großen und Ganzen sehr gut gelungen.
Dafür gliedert Dawn Hoskin ihr Werk in vier Abschnitte: Kunstrichtungen, Werke, Wendepunkte sowie Themen. Sie richtet sich dabei an ein breites Publikum: Sie definiert Queer, aber auch Epochenbegriffe wie Barock und Klassizismus. Wer sich noch nicht so gut in der Kunstgeschichte (oder mit Queerness) auskennt, wird hier gut abgeholt. Kunstkenner*innen können die Teile überfliegen.
Antike und Mittelalter werden ausgelassen
Die Epocheneinführungen sind knapp, aber gelungen. Befremdlich ist jedoch, dass der Band mit der Renaissance beginnt. Die Antike mit ihren päderastischen Abbildungen oder Sappho-Fresken wird genau wie das Mittelalter ausgelassen, ohne auch nur zu erklären, weshalb. Das widerspricht dem eigentlichen Vorhaben, verborgene queere Inhalte zu finden. Dabei lassen sich auch mittelalterliche Kunstwerke queer lesen. Die "Sehnsucht nach der Antike" findet zumindest im Wendepunkte-Abschnitt statt.
Den Fokus auf Kunstwerke und Künstler*innen ab der Moderne zeigt auch, dass mit Michelangelos David nur ein Renaissance-Werk im zweiten Abschnitt Platz findet. Das ist schade, wo die Renaissance durchaus queere Anknüpfungspunkte bietet, genau wie die Werke der Alten Meister.

Blick ins Buch (Bild: Laurence King Verlag)
Stimmige Interpretationen ohne Floskeln
Die Werke, die Dawn Hoskin jedoch präsentiert, sind eine sehr gelungene Mischung aus ikonischen Werken wie Tamara de Lempickas "Tamara in a Green Bugatti", Frida Kahlos Selbstporträt und Tom of Finlands Zeichnungen sowie weniger bekannten und nicht-westlichen Künstler*innen wie dem Inder Bhupen Khakhar oder Xiyadie aus China.
Neben Malerei nimmt sie auch Skulptur, Videokunst, Fotografien und Installationen in den Blick. Bei manchen Werken steht die Biografie der Kunstschaffenden im Vordergrund. Manchmal beschreibt und interpretiert Dawn Hoskin das Werk dagegen – sehr stimmig, ohne auf kuratorische Floskeln zurückzugreifen. Hier und da nimmt sie theoretische Fragen auf, bleibt dabei aber verständlich und knapp.
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Queere Kunst war immer schon Teil der Kunstgeschichte
Nicht nur Werke und Kunstschaffende zu zeigen, sondern auch Themen, ist eine hervorragende Idee. Denn so wird deutlich, dass queere Kunst bestimmte Schwerpunkte setzt – die weit über Diskriminierung hinausgehen: Von "Masken" über "Wahlfamilien" und "Safe Spaces" bis zu "Kunstgeschichte neu schreiben". Für einen Vergleich noch besser wäre gewesen, je Thema nicht nur ein Werk abzudrucken, sondern mehrere.
Ärgerlich sind einige Formulierungen: Die Sprache ist überwiegend rücksichtsvoll und sensibel, Begriffe wie "Transmensch" und "intersexuell" sollten gerade in so einer Publikation jedoch nicht auftauchen, zumal sie leicht durch angemessenere Begriffe ersetzt werden können.
"Eine kurze Geschichte der queeren Kunst" (Amazon-Affiliate-Link ) ist dennoch eine sehr gelungene und leicht zugängliche Einstiegslektüre für alle, die ihren queeren Blick auf Kunst, Künstler*innen und Kunstgeschichte erweitern und fundieren wollen. Das Buch von Dawn Hoskin liefert viele Inspirationen für eine vertiefte Lektüre und kann Wissenslücken schließen. Besonders ist dabei der erweiterte Blick über die etablierte eurozentrische Kunstgeschichte hinaus, der auch indigene und Schwarze Kunst berücksichtigt. Der Band beweist: Queere Kunst war immer schon Teil der Kunstgeschichte – sichtbar sein durfte sie nur selten.
Dawn Hoskin: Eine kurze Geschichte der queeren Kunst. Ein Überblick über die wichtigsten Kunstrichtungen, Werke, Themen und Wendepunkte. Übersetzt aus dem Englischen von Katrin Höller. 224 Seiten. Laurence King Verlag. Berlin 2025. Taschenbuch: 22 € (ISBN 978-3-96244-436-5)
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