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Interview
"Wenn wir auf die Perspektiven der Marginalisierten verzichten, geht uns als Gesellschaft viel verloren"
Wir sprachen mit Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda über das Gender-Verbot von Staatsminister Weimer, den Kulturkampf von rechts, den neuen queeren Denk-Ort der Hansestadt und die Gentrifizierung auf dem queeren Kiez.

Carsten Brosda (SPD) leitet seit Februar 2017 die Behörde für Kultur und Medien in Hamburg (Bild: Hernandez / Behörde für Kultur und Medien)
- Von Marcel Malachowski
25. August 2025, 11:32h 7 Min.
Herr Brosda, Sie haben Kulturstaatsminister Weimers Anweisung zur gendergerechten Sprache heftig widersprochen. Warum?
Aufgabe der Kultur- und Medienpolitik ist es, die Freiheit von Kunst und Medien zu schützen und die Räume dafür freizuhalten, dass sie sich entfalten und entwickeln können. Kultureinrichtungen sprechen nicht in staatlichem Auftrag, auch dann nicht, wenn sie staatlich gefördert werden. Sie sind frei und müssen frei bleiben, und das bezieht sich aus meiner Sicht nicht nur auf die Inhalte, die sie zeigen, sondern auch darauf, wie sie ihr Publikum ansprechen möchten. Weimers Empfehlung für Kultureinrichtungen droht diese Freiheit einzuschränken.
Aber auch in Hamburg gab und gibt es ja auch Versuche durch politische Initiativen, gegen gendergerechte Sprache vorzugehen. Wie betrachten Sie diese Vorhaben in Ihrer eigenen Stadt?
Ich bin immer wieder fasziniert davon, wie sehr sich einige darüber aufregen können, dass andere versuchen, eine Sprache zu verwenden, die möglichst alle einbezieht. Ich würde mir wünschen, dass wir da alle etwas gelassener und offener werden. In der Hamburger Verwaltung jedenfalls gab und gibt es keine bindenden Vorschriften zur Verwendung von Genderstern oder anderen Sonderzeichen. Dass Initiativen darauf mit Verboten reagieren wollen, sagt viel darüber aus, wie diese Debatte momentan geführt wird. Ich finde, alle sollen so sprechen und schreiben, wie sie es für richtig halten. Es ist nicht die Aufgabe staatlicher Institutionen, vorzugeben, wie sich Sprache zu entwickeln hat oder wo der Fortschritt enden soll. Sprache verändert sich ständig. Sie entwickelt sich dadurch, dass wir sie sprechen. Und diesem Prozess sollten wir einfach mal vertrauen und sehen, wohin er uns in Sachen gendersensibler Sprache führt.
Nun würden einige jedoch sagen, es gibt ja wichtigere Themen als ein Gendersternchen. Aber warum ist gerade dieses Thema so wichtig?
Das Thema ist wichtig, aber auch hochgradig emotional aufgeladen. Diese beiden Aspekte sollten man aber trennen. Wichtig ist die Beschäftigung mit gendersensibler Sprache deshalb, weil sich in ihr eine sich ändernde Sichtweise auf uns als Gesellschaft zeigt: Mit der Abkehr vom generischen Maskulinum verschaffen wir allen nicht-männlichen Personen Sichtbarkeit. Männer dominierten lange alle Bereiche des öffentlichen Lebens. Das ändert sich glücklicherweise, und mit der Verwendung des Gendersterns oder anderen Formen gendersensiblen Sprachgebrauchs machen wir das auch in der Sprache deutlich.
Die Aufregung, mit der die Debatten über das Gendern geführt werden, kann ich nicht nachvollziehen. Aus meiner Sicht spricht nichts gegen einen entspannten Umgang mit der Sprache. Wie gesagt: Ich finde, dass alle so sprechen und schreiben sollten, wie sie möchten. Und als offene, vielfältige Gesellschaft sollten wir es auch aushalten können, dass nicht alle anderen so sprechen, wie wir es selbst für richtig halten, ohne uns gleich in Verbotsdebatten zu verirren.
Aber sehen Sie denn einen Kulturkampf von rechts in der heutigen Gesellschaft? Auch einige in Ihrer Partei formulierten dies ja so in den letzten Monaten…
In den vergangenen Jahren ist deutlich geworden, dass rechte und rechtspopulistische Kräfte das Feld der Kultur zunehmend für sich beanspruchen und dort die Deutungshoheit gewinnen wollen. Sie haben erkannt, welch große Bedeutung die Diskussion kultureller Fragen haben kann, weil damit Themen verhandelt werden, in denen es oft im Kern darum geht, wie wir als Gesellschaft zusammenleben und auf welche gemeinsamen Werte wir uns dabei verständigen wollen. Mit verschiedenen Strategien versuchen rechte Akteur*innen, Debatten zu beeinflussen, aber auch die Kulturpolitik für ihre Zwecke zu nutzen und beispielsweise Fördermittel an die Bedingung zu knüpfen, dass kulturelle Angebote das Heimatgefühl stärken oder die regionale Identität fördern. In den USA sehen wir aktuell, wie weit das gehen kann, zum Beispiel an der Einflussnahme Donald Trumps auf die Museen und seinem Versuch, die Geschichte der USA auf eine ganz bestimmte Weise erzählen zu lassen. Für unsere Demokratie kann das zu einer ernsthaften Gefahr werden, der wir gemeinsam entgegentreten müssen. Und zwar indem wir zeigen, um wie viel attraktiver eine Gesellschaft ist, deren Kultur offen und vielfältig, freiheitlich und demokratisch, solidarisch und inklusiv ist.
Wie wichtig ist denn gerade die queere Community für Hamburg? Die Kulturszene der Stadt, aber auch das Alltagsleben wurde ja nun seit gut hundert Jahren auch von Queers mitgeprägt. Mit Corny Littmann gab es sogar den ersten offen schwulen Präsidenten eines großen und legendären Fußballvereins, dem FC St. Pauli…
Hamburg hat eine vielfältige und lebendige queere Community, die nicht nur die Kultur mitprägt, sondern auch das Leben der ganzen Stadtgesellschaft. Corny Littmann und andere Queers, die in der Öffentlichkeit stehen, tragen viel zu Repräsentation und Sichtbarkeit bei. Das halte ich nach wie vor für wichtig. Dass das wirkt, sieht man zum Beispiel an dem Modell der Hamburger Ehe, mit der sich die Hansestadt schon früh für die rechtliche Gleichstellung queerer Paare eingesetzt hat. Aber auch darüber hinaus brauchen wir alle Perspektiven, sowohl in der Kultur als auch in der Gesellschaft. Das umfasst alle marginalisierten Gruppen. Wenn wir auf ihre Perspektiven verzichten, geht uns als Gesellschaft viel verloren. Daran müssen wir zusammen weiterarbeiten, damit Hamburg auch in Zukunft eine vielfältige und offene Stadt bleibt.
Aber je attraktiver eine Stadt wird, desto teurer wird sie ja auch… In Berlin etwa haben queere, aber auch nicht-queere Clubs und Treffpunkte seit der Pandemie wirtschaftlich zu kämpfen. Einige mussten schon schließen, weitere folgen. Wie kann in Hamburg verhindert werden, dass queere Orte, aber auch die Hamburger*innen, ob queer oder nicht, aus der Innenstadt verdrängt werden?
Auch in Hamburg spüren die Clubs die Folgen der Corona-Pandemie noch immer. Hinzu kommen allgemeine Preissteigerungen – die wirtschaftliche Lage ist nicht einfacher geworden, keine Frage. In Hamburg gehört die Clubkultur zur DNA der Kulturstadt, deshalb verstärken wird gerade die Förderung für Livemusikclubs. Auch Standortthemen waren in den letzten Jahren wichtig. Vor dem Hintergrund einer sich verändernden Stadt mussten für einige Clubs neue Standorte gefunden werden, was in den meisten Fällen auch gut gelungen ist.
Aber nicht nur die Clubs sind wichtige Orte, die wir unbedingt in den Zentren unserer Städte brauchen. Für die queeren Communitys wird im Herzen Hamburgs ein neuer Ort entstehen, der auch ein neuer Treffpunkt werden soll: der Denk-Ort für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt, an der Ecke Neuer Jungfernstieg / Lombardsbrücke. Die Hamburger LSBTIQ*-Communitys haben das Projekt initiiert, die Stadt setzt es jetzt in enger Abstimmung mit ihnen um. Bei einem künstlerischen Wettbewerb wurde das Kunstwerk "Pavillon der Stimmen" vom Studio Other Spaces ausgewählt, das in den nächsten Monaten errichtet werden soll, als sichtbarer Raum für Respekt und Anerkennung von Vielfalt. Ich hoffe, wir können mit dem Denk-Ort einen Beitrag dazu leisten, dass Hamburg ein Ort für bleibt, in dem alle willkommen und sicher sind. Das halte ich gerade in dieser Zeit, in der eine Regenbogenflagge zum Politikum wird und es wieder mehr Anfeindungen und Angriffe gegen queere Menschen gibt, für sehr wichtig.
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Hamburg gilt ja je her als die liberalste, weltoffenste und kosmopolitischste Stadt Deutschlands. Woran liegt das eigentlich?
Das hat einiges mit der Geschichte der Stadt zu tun. Als Hafenstadt war Hamburg über Jahrhundert ein Zentrum des internationalen Handels, in dem nicht nur Waren, sondern auch Menschen aus vielen Teilen der Welt und unterschiedlichen Kulturen aufeinandertrafen. Menschen, die hier leben, haben durch den Hafen und Handel schon immer raus in die Welt geguckt und dabei gleichzeitig dem eigenen Land den Rücken gekehrt. Vielleicht prägt das genauso sehr wie der Umstand, dass durch das "Tor zur Welt" auch viele Menschen hinein in die Stadt kamen, die das Zusammenleben in Hamburg in den letzten Jahrhunderten mitgeprägt haben.
Aber man darf sich nichts vormachen: Auch in der Hamburger Stadtgeschichte gibt es bis in jüngere Tage hinein viele unschöne Beispiele dafür, dass es mit der Toleranz und der Liberalität dann doch manchmal nicht so weit her ist. Selbstverständlich ist gar nichts. Immerhin: Heute leben in Hamburg Menschen mit vielen unterschiedlichen Herkünften in Freiheit und Vielfalt miteinander. In Gesprächen stelle ich immer wieder fest, dass es auch zum Selbstbild vieler Hamburger*innen gehört, weltoffen und tolerant zu sein. Das sind hier Werte, auf die wir uns als Stadtgesellschaft verständigen können.
Und last but not least noch die wichtigste Frage für alle echten Hamburger*innen: Jubeln Sie mehr mit dem HSV oder mit St. Pauli?
Als gebürtiger Gelsenkirchener kenne ich darauf nur eine Antwort: Schalke 04!















