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Interview

"Lanas Geschichte ist heute aktueller denn je"

Wir sprachen mit Regisseur Tristan Ferland Milewski über die dreiteilige Doku-Serie "Die Küblböck-Story – Eure Lana Kaiser", die ab Dienstag in der ARD-Mediathek gestreamt werden kann.


Die dreiteilige Doku-Serie "Die Küblböck-Story – Eure Lana Kaiser" zeigt die berührende Lebensgeschichte von Lana Kaiser, die als Daniel Küblböck durch die Castingshow "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS) berühmt wurde (Bild: BR / picture alliance / dpa / Armin Weigel)

Im September 2018 ging auf einem Kreuzfahrtschiff vor der Küste Neufundlands die Passagierin Lana Kaiser über Bord und galt als auf See verschollen, Jahre später wurde sie für tot erklärt. In Deutschland sorgte der Fall deswegen für Aufsehen, weil Kaiser, die sich erst kurz vor ihrem Ableben als trans sichtbar gemacht hatte, einem Millionenpublikum als Daniel Küblböck bekannt war. Nach der Teilnahme bei "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS) 15 Jahre zuvor war Kaiser eine Weile lang einer der prominentesten Pop- und Medienstars des Landes.

Der Berliner Regisseur Tristan Ferland Milewski ("Dream Boat") zeichnet mit der dreiteiligen Dokumentation "Die Küblböck-Story – Eure Lana Kaiser" (produziert von Beetz Brothers Film Production und ab 26. August 2025 in der ARD Mediathek zu sehen) nun diese ungewöhnliche und berührende Lebensgeschichte nach – und spricht im Interview auch über die Schwierigkeit der respektvollen Namens-Verwendung.


Regisseur Tristan Ferland Milewski (Bild: privat)

Herr Ferland Milewski, welchen persönlichen Bezug haben Sie zur Geschichte von Daniel Küblböck oder korrekter gesagt: Lana Kaiser?

Wie so viele andere in den frühen 2000ern auch habe ich die erste Staffel von "Deutschland sucht den Superstar" verfolgt, mit der sich Lana in Prinzip in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt hat. Mich hat schon damals beeindruckt, wie selbstbewusst und unerschrocken sie von Anfang an Geschlechtergrenzen und -erwartungen über Bord geworfen hat. Regeln, Stereotype, das hat sie alles nicht interessiert. Auf der anderen Seite hat sich mir aber auch eingebrannt, wie toxisch die Gesellschaft darauf zum Teil reagiert hat. Da brach über diesen ja noch sehr jungen Menschen ungehemmt eine Unmenge Queer­feindlichkeit herein. Das hat mich schon damals sehr beschäftigt, und ich fand es unglaublich spannend, diese Geschichte aus der heutigen Perspektive noch einmal neu zu betrachten.

Was macht sie denn im Jahr 2025 noch relevant?

Im Grunde ist Lanas Geschichte heute aktueller denn je, schließlich ist Hass auf queere Menschen und auf alle, die nicht in eine konstruierte Norm passen oder passen wollen, so weit verbreitet wie lange nicht. Mich erschreckt es, wie Hetze dieser Tage immer mehr normalisiert und zum Teil der politischen Diskurse wird. Auch organisierter Hass im Netz ist heute an der Tagesordnung – und Lana war wahrscheinlich die erste Person in Deutschland, der das widerfahren ist. Sie war in vielen Aspekten ihrer Zeit voraus, finde ich.

In welcher denn?

Zum Beispiel sagte sie in einem Fernsehinterview ganz selbstverständlich: "Ich fühle mich nicht männlich, ich fühle mich nicht weiblich, ich fühle mich gut." Heute würde man wohl sagen, dass sie sich da non-binär präsentiert hat. Auch ihr Umgang mit dem Hass war immer sehr empowernd, zum Beispiel wie sie sich den Buh-Rufen bei "DSDS" entgegengestellt hat. Mit ihrer unerschrockenen Art war sie ein Vorbild für viele und hat vielleicht einigen queeren Menschen in den Medien heute die Türen geöffnet. Aber in den Medien wurde sie, die sich nie hat in irgendwelche Schubladen pressen lassen, immer ziemlich eindimensional dargestellt. Deswegen war es mir nun ein Anliegen, sie noch einmal in ganz vielen Facetten neu erlebbar zu machen.

Hätte Sie es in der heutigen Medienlandschaft leichter?

Ich glaube definitiv, dass es für Lana als queere Entertainerin heutzutage einen Platz in den Medien geben würde. Ich glaube, dass ihre vielen Talente Zeit ihres Lebens unterschätzt wurden, sie war lustig und schlagfertig und hat später auch Gesangs- und Schauspielunterricht genommen. Im Bezug auf die queere Community gibt es heute ein größeres gesellschaftliches Bewusstsein und mehr Wissen, und sie war da in den Medien sicherlich eine der Vorreiterinnen. Andererseits sind der Backlash und der Rechtsruck groß, Positionen wie Toleranz und Vielfalt, die eigentlich zur gesellschaftlichen Mitte gehören sollten, werden zunehmend als "linksextrem" geframt. Diese gesellschaftliche Stimmung könnte Lana sicherlich auch heute zu spüren bekommen. Eine Bühne hätte sie aber auf jeden Fall, und sie würde von vielen gefeiert werden. Davon bin ich überzeugt.

Apropos queere Community: Ausgerechnet dort war die Unterstützung damals nicht annähernd so stark wie etwa seitens der vielen heterosexuellen Hausfrauen unter den Küblböck-Fans. Warum?

Das ist eine interessante Frage. Ich glaube, die Community war damals einfach an einem anderen Punkt. Zumindest die weißen, schwulen, cis Männer hatten sich gerade etwas mehr ihren Platz in der Mitte der Gesellschaft erkämpft. Die große HIV-Krise war einigermaßen in den Griff gekriegt worden, und es war ein bisschen Ruhe eingekehrt. Jetzt ging es ums Heiraten, ums Dazugehören und Angepasst-Sein. In dieses gemäßigte, ruhige Bild passte eine Lana Kaiser nicht hinein, vielen war sie zu laut, zu queer, zu unangepasst. Für viele queere Jugendliche allerdings war sie meiner Meinung nach aber auch eine absolute Hoffnungsträgerin, die sich mit ihrer zwar nicht immer klar benannten, aber unübersehbaren Queerness einen festen Platz in den Mainstream-Medien sicherte. Einige von ihnen kommen in "Die Küblböck-Story – Eure Lana Kaiser" deswegen auch zu Wort, Riccardo Simonetti etwa oder der Künstler Philipp Gufler, der als Teenager großer Lana-Kaiser-Fan war und ihre Konzerte als echten Safe Space beschreibt. Später hat er ihr zwei Kunstwerke gewidmet, die großen internationalen Erfolg hatten.

Nach welchen Kriterien haben Sie überhaupt entschieden, mit wem Sie für die Serie sprechen?

Wichtig war uns in erster Linie, mit Personen zu sprechen, die Lana nahestanden und uns mitnehmen konnten auf eine Reise durch ihr Leben, um Lana als Menschen besser kennenzulernen. Viele Menschen in Lanas Umfeld haben natürlich sehr schlechte Erfahrungen gemacht mit reißerischer Berichterstattung und waren erstmal vorsichtig. Es überzeugte sie dann, dass unser Ansatz ein anderer war. Wir sprechen unter anderem mit Lanas Vater, der Jugendbetreuerin, die Lanas Bezugsperson war, als sie von zuhause aus und in eine Wohngruppe gezogen ist, oder auch ihrem langjährigen Ex-Freund, der viel Spannendes über Lana in späteren Jahren zu erzählen hat. Aus dem DSDS-Umfeld ist der Juror Thomas Stein dabei und Gracia Baur, die in jener Zeit Lana näherstand als irgendwer sonst. Außerdem Olivia Jones, die sie im "Dschungelcamp" kennen lernte, wonach die beiden unzertrennlich waren. Auch war es uns wichtig, dass Menschen die Geschichte aus heutiger Perspektive einordnen, sei es die Journalistin Anja Rützel oder eben Ricardo Simonetti, der genau wie Lana als gender-nichtkonformer Teenager in Bayern aufgewachsen ist.

Abgesehen von queeren, in den entsprechenden Diskursen bewanderten Gesprächspartnern wie Simonetti oder Gufler betreiben fast alle Ihre Gesprächspartner*innen das sogenannte Deadnaming. Sprich: Statt Lana Kaiser zu sagen, verwenden sie den alten, eigentlich abgelegten Namen. Wie sind Sie damit umgegangen, dass immer wieder der Name Daniel Küblböck fällt?

Mit dieser Frage habe ich mich sehr, sehr intensiv beschäftigt. Mir selbst ist es wichtig, nur den Namen Lana Kaiser zu verwenden, weil ich Lanas Selbstauskunft ernstnehme und respektiere. Vor den Interviews habe ich mit allen Gesprächspartner*innen sehr lange über dieses Thema gesprochen. Fast alle Personen, die ihr nahestanden, sagten, dass sie Lana leider nie als Lana kennen lernen konnten und es sich für sie daher komisch anfühlt, den Namen Lana zu verwenden, wenn sie von der damaligen gemeinsamen Zeit sprechen. Sie verwendeten allerdings den Namen Lana, wenn es um die neuere Zeit ging. Fast alle versicherten, dass sie Lanas Weg respektieren und – hätte Lana weiterleben können – sie auf ihrem Weg unterstützt hätten, an ihrer Seite gewesen wären. Die Angelegenheit ist wirklich komplex und herausfordernd, weswegen es für mich essentiell war, dass die Serie das Thema Deadnaming explizit thematisiert und außerdem auch eine Expertin zu Wort kommt, die mit etlichen Falschinformationen und Vorurteilen aufräumt, die rund um das Thema Transidentität gerade in Sachen Lana Kaiser kursierten.

-w-