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Kinostart

Goldener Spätsommer, dunkle Geheimnisse

Vergiftete Pilzpfanne statt Familienglück: Der schwule Regisseur François Ozon stellt in seinem neuen Film viele moralische Fragen. "Wenn der Herbst naht" verwebt gekonnt Tragikomödie, Melodrama und Krimi – das Urteil überlässt er ganz dem Publikum.


Giftpilze für die Pfanne: Michelle (Hélène Vincent) bereitet das Essen für ihren Besuch vor (Bild: FOZ / France 2 Cinéma / Playtime)

Der Spätsommer hat eine ganz eigene Magie. Es ist nicht mehr so krachend heiß, sondern angenehm warm. Die Sonne hat schon leicht an Kraft verloren, aber sie wärmt noch. Nur morgens kann es manchmal wieder etwas frisch werden. Zum ersten Mal seit Wochen zieht man dann besser eine leichte Jacke an, die man zwei Stunden später schon nicht mehr braucht.

"Wenn der Herbst naht": Der Titel des neuen Films von François Ozon weckt eine Fülle an Assoziationen. Wenn der Herbst naht, färben sich die allerersten Blätter an den Bäumen. Die Sonne taucht sie in ein goldenes Licht. Das Wetter lädt zum Waldspaziergang ein, zum Pilze sammeln, die Kürbisse im Garten sind erntereif. Ein letzter großer Schluck vom Sommer, ehe die trübe Jahreszeit beginnt. Es ist diese Stimmung, in der der neue Film des ungemein produktiven schwulen Franzosen spielt.

Michelle freut sich auf den Enkel


Poster zum Film: "Wenn der Herbst naht" startet am 28. August 2025 bundesweit im Kino

Besonders schön muss der Spätsommer im Burgund sein. Dort lebt Michelle seit einigen Jahren in einem kleinen, wahnsinnig gemütlichen Haus. Der Kamin ist an, die Holzmöbel sind nicht altbacken, sondern strahlen Wärme aus. Sie packt extra eine Tischdecke aus.

Denn ihre Tochter Valérie hat sich angekündigt. Und wichtiger noch, sie hat ihren Sohn Lucas dabei. Beide leben in Paris, die Wohnung hat die Mutter ihrer Tochter überlassen. Michelles Enkel soll eine Woche bei seiner Oma verbringen. Sie freut sich auf den Familienbesuch, alles soll perfekt sein. Also geht sie mit ihrer besten Freundin Marie-Claude in den Wald, um Pilze fürs Abendessen zu sammeln.

Pilzvergiftung – Unfall oder Absicht?

Doch die Tochter Valérie kommt genervt an. Sie hat mit dem Rauchen aufgehört, ist gereizt und dünnhäutig. Sie telefoniert mit ihrem Noch-Mann, der aber schon ausgezogen ist und in Dubai lebt. Das hebt die Laune auch nicht gerade. Dabei hat sich Michelle doch so viel Mühe gegeben. Ihr vergeht der Appetit. Und der Enkel mag keine Pilze.

Glück für die beiden. Denn Valérie landet im Krankenhaus – Pilzvergiftung. Kann ja mal passieren, alles nochmal gut gegangen. Oder wird Michelle langsam senil? Die Tochter ist überzeugt: Ihre Mutter wollte sie umbringen. Sie reist sofort ab, Lucas nimmt sie mit, Michelle bleibt allein zurück.

Tragikomödie, Melodrama und Krimi in einem

Unterdessen kommt der Sohn von Marie-Claude aus dem Gefängnis frei. Michelle mochte Vincent immer, sie unterstützt den jungen Mann bei seinem Neuanfang. Der möchte sich dafür bei ihr revanchieren und sucht das Gespräch mit ihrer Tochter Valérie, weil sie so sehr darunter leidet, ihren Enkel nicht mehr zu sehen. Doch die Begegnung überlebt Valérie nicht. Und das ist nicht die einzige Leiche im Film.

"Wenn der Herbst naht" lässt sich schwer einem Genre zuordnen. Vielmehr bewegt sich das Werk zwischen Tragikomödie, Melodrama und Krimi – mit mal stärkeren und schwächeren Ausschlägen. Die lustigen Momente zieht es dabei vor allem aus absurden Situationen und fein geschliffenen Dialogen. Der Film folgt dabei aber keinem typischen Muster eines seiner Genres. Ja, die Polizei ermittelt nach dem Tod von Valérie, aber es geht nicht klassischerweise darum, wer was getan hat.

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Fassbinder ist Ozons großes Vorbild

Überhaupt bleibt der Film in den entscheidenden Momenten vage – weil auch das Publikum keinen richtigen Wissensvorsprung hat. Es gibt Hinweise, Andeutungen, verdächtige Kommentare – aber keine Indizien. Und etwa nach der Hälfte wird klar, wie Michelle eigentlich ihr Haus und die Wohnung in Paris finanzieren konnte, was alles noch einmal in ein etwas anderes Licht rückt. Oder gehen wir hier unseren eigenen Vorurteilen auf den Leim?

François Ozon ist ein Meister des queeren Kinos, Filme wie "Sommer 85", "Peter von Kant" oder "Eine neue Freundin" brachten queere Geschichten auf die internationalen Leinwände. Das verbindet ihn mit seinem großen Idol Rainer Werner Fassbinder. Ozon ist auch fast so produktiv wie er, fast jährlich kommt ein neuer Film ins Kino. Und nur ein paar Tage, nachdem "Wenn der Herbst naht" in Deutschland startet, feiert schon sein nächstes Werk Premiere in Venedig: "Der Fremde" ist eine Adaption des Camus-Romans.

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Viel Unmoral – doch kein Urteil

"Frankreichs ewiges Kino-Wunderkind", wie ihn der "Spiegel" schon vor 20 Jahren nannte, mag aber auch ungewöhnliche, durchsetzungsstarke Frauen. Und die sind in "Wenn der Herbst naht" besonders präsent. Michelle, einfach grandios gespielt von Hélène Vincent, und ihre beste Freundin und alte Kollegin Marie-Claude (nicht weniger fantastisch: Josiane Balasko) ergänzen einander wie zwei Puzzleteile.

Michelle wirkt eher zurückhaltend und lieb, die dauerqualmende Marie-Claude auch mal schroff und griesgrämig. Doch in beiden steckt deutlich mehr: Widersprüche und große Zweifel – an sich selbst und ihren Kindern. Haben sie alles richtig gemacht?

Was "Wenn der Herbst naht" dabei besonders gut macht: Der Film präsentiert eine ganze Reihe an Unmoral und Zweifelhaftem, Lügen, Halbwahrheiten und Intrigen. Das geht schon ganz am Anfang los, als Michelle der Predigt des Pfarrers über die Heilige Hure Maria Magdalena zuhört, der ihre Sünden vergeben wurden. Doch das Urteil überlässt der Film dem Publikum. Die Sympathien schwanken dabei, es gilt sorgfältig abzuwägen. Denn ein Lächeln ist nicht immer ehrlich. Es kann vergiftet sein, genau wie die Pilzpfanne.

Infos zum Film

Wenn der Herbst naht. Tragikomödie. Frankreich 2024. Regie: François Ozon. Cast: Hélène Vincent, Josiane Balasko, Ludivine Sagnier, Pierre Lottin, Sophie Guillemin, Malik Zidi, Garlan Erlos. Laufzeit: 102 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: Weltkino. Kinostart: 28. August 2025
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