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Literatur
Wiederentdeckung eines queeren Klassikers
Der Roman "Getrennte Räume" von Pier Vittorio Tondelli handelt von zwei Männern und dem schmerzhaften Versuch, mit Verlust, Distanz und Erinnerung umzugehen – jetzt gibt es eine Neuauflage.

Pier Vittorio Tondellis Bücher begleiteten das Erwachsenwerden vieler italienischer Lesben und Schwuler in den 1980er Jahren (Bild: privat)
- 28. August 2025, 11:32h 3 Min.
Mit "Getrennte Räume" ist im Gutkind Verlag ein Roman erschienen, der in Italien längst Kultstatus hat, in Deutschland aber bislang kaum wahrgenommen wurde. Pier Vittorio Tondelli schrieb das Buch 1989, zwei Jahre vor seinem frühen Tod an Aids. Es ist sein literarisches Vermächtnis – und zugleich ein erschütternd aktuelles Zeugnis queerer Lebens- und Liebeserfahrungen am Ende des 20. Jahrhunderts.
Im Zentrum des Buches steht Leo, ein italienischer Schriftsteller, der den Tod seines Geliebten Thomas, eines jungen Münchner Musikers, nicht verkraftet. Thomas stirbt an den Folgen einer Krankheit, die nie beim Namen genannt wird, aber unübersehbar auf die Aids-Krise verweist. Leo flieht vor der Trauer: nach Paris, Berlin, New York, Mailand, sogar nach Duisburg. Doch wohin er auch reist, die Erinnerungen an Thomas sind allgegenwärtig.
Authentisches queeres Zeugnis der 1980er Jahre

"Getrennte Räume" ist als gebundene Ausgabe, als E-Book sowie als Hörbuch erhältlich
Der Titel "Getrennte Räume" verweist auf die Distanz in ihrer Beziehung – räumlich, emotional, existenziell. Es ist eine Liebesgeschichte ohne Happy End, ein Roman über Intimität und Fremdheit, über Nähe, Verlust und das Unvermögen, den eigenen Schmerz zu bändigen. Tondelli schreibt poetisch, melancholisch, manchmal brutal ehrlich. Sein Erzähler ist ein Mann, der nicht in der Lage ist, seine Liebe zu leben – und der sich doch ein Leben ohne sie nicht vorstellen kann.
"Camere separate" erschien 1989 in Italien und sorgte für Aufsehen: Tondelli, damals schon ein gefeierter Autor der jungen italienischen Literatur, brach mit gängigen Erzählmustern und schrieb eine queere Liebesgeschichte in einer Zeit, in der Homosexualität und Aids in der Öffentlichkeit meist tabuisiert oder stigmatisiert wurden.
Der Roman war nie laut oder kämpferisch, sondern intim und verletzlich – gerade dadurch wurde er zu einer leisen Provokation. Viele Kritiker*innen lasen ihn als "Schwulenroman", andere als universelles Buch über Verlust und Liebe. Heute, mehr als dreißig Jahre später, lässt sich darin beides wiederfinden: ein authentisches queeres Zeugnis der 1980er Jahre und ein zeitloses literarisches Requiem.
Der Autor Pier Vittorio Tondelli wurde 1955 in Correggio, einer Kleinstadt in der Emilia-Romagna, geboren. Mit seinem Debüt "Altri libertini" (1980) erregte er großes Aufsehen: Das Buch wurde wegen "Obszönität" zunächst beschlagnahmt, später aber zu einem Kulttitel der italienischen Popliteratur.
Zwischen katholischer Erziehung und queerer Befreiung
Tondelli bewegte sich zwischen Provinz und Großstadt, zwischen katholischer Erziehung und queerer Befreiung, zwischen Journalismus, Theater und Prosa. Er schrieb über Rockmusik, Subkulturen, Drogen, das Lebensgefühl einer Generation. Seine Bücher begleiteten das Erwachsenwerden vieler italienischer Lesben und Schwuler in den 1980er Jahren. 1991 starb Tondelli mit nur 36 Jahren an den Folgen von Aids. "Getrennte Räume" ist sein letzter Roman – und sein persönlichstes Werk.
"Getrennte Räume" (Amazon-Affiliate-Link ) ist mehr als nur ein Roman über zwei Männer. Es ist ein Buch über Liebe und Tod, über die Unmöglichkeit, zusammenzuleben – und die Unmöglichkeit, ohne den anderen weiterzumachen.
Mit der deutschen Neuerscheinung wird Pier Vittorio Tondelli endlich auch hierzulande dorthin gerückt, wo er hingehört: in den Kanon queerer Weltliteratur. (dd/pm)
Pier Vittorio Tondelli: Getrennte Räume. Originaltitel: Camere separate. Roman. 240 Seiten. Aus dem Italienischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Gutkind Verlag. Berlin 2025. Gebundenes Buch: 25 € (ISBN 978-3-98941-034-3). E-Book: 19,99 €
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