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"Das kriegen wir schon hin"

Zu Besuch bei Berlins erstem trans Chor

Trans Sänger*innen sammeln selbst in queeren Chören nicht nur positive Erfahrungen. Im Trans* Chor Plänterwald haben sie einen Safe Space gefunden. Hier gibt es keine feste Einteilung in eine Stimmgruppe, sondern ein fluides Spiel mit ihren Wünschen und Bedürfnissen.


Der Trans* Chor Plänterwald wurde 2022 gegründet (Bild: Jyn Rimmele)
  • Von Merlin Ferox
    30. August 2025, 06:34h 6 Min.

"Seit ich angefangen habe, zu transitionieren, bin ich in der Musik und insbesondere in der Gesangspädagogik auf das Problem gestoßen, dass man halt nicht weiß, wie man mit trans Stimmen eigentlich umgehen muss." Chorleiterin Rika besitzt eine gelassene Ausstrahlung, cool würde man vielleicht sagen. Wenn sie aber das elektronische Piano für die Probe anschaltet, weicht die Coolness einer beinahe verletzlichen Konzentration. "Ich hab mal eine halbe Chorleiterausbildung an einer Berufsschule für Musik in Bayern gemacht, das hab ich abgebrochen. Eigentlich aus dem Grund, dass meine Dozentin nicht wusste, was sie mit meiner Stimme anfangen kann."

Als Rika Jahre später in Berlin Tina trifft, die sich auch mit trans Stimmbildung auseinandersetzt, war die Idee für den trans Chor geboren: "Und dann habe ich angefangen, meine eigenen Chor-Arrangements zu basteln, aus queeren oder nicht so queeren Popsongs."

Freiheit für Fehler und Ungeschliffenheit


Probe beim TCP 22 (Bild: Jyn Rimmele)

Der Trans* Chor Plänterwald, kurz TCP 22, agierte und blühte das erste Jahr unter dem Arbeitstitel "Angelic frogs". Die engelsgleichen Frösche waren ein liebevolles Bild, welches Freiheit für Fehler, Ungeschliffenheit, aber auch Wachstum öffnete. Der Chor trifft sich seit 2022 jeden Donnerstagabend in einem mit Holzöfen ausgestatteten Projektraum. Dieser entstand vor einigen Jahren als trans feministisches Gruppenprojekt "Failing femmes". Ein trotziger Name, welcher schon am Eingangstor des Wagenplatzes, auf welchem das kleine Projekthaus steht, "queer punk ain't dead" schreit.

"Oft ist es so, dass die Leitung eines Chores keine Ahnung hat, wie man mit einer trans Person umgeht, die in einen Chor kommt, und dass diese Person eventuell eine Stimmdysphorie erlebt. Und wie man da am besten hilft." Im Trans* Chor Plänterwald steht daher nicht die feste Einteilung in eine Stimmgruppe auf dem Plan, sondern ein fluides Spiel mit den Wünschen und Bedürfnissen der Sänger*­innen. Für Rika als Chorleiterin liegt der Schlüssel darin, mehr Zeit in Stimmbildung zu setzen und trans Stimmen, und deren Wunsch zu singen, ernst zu nehmen.

"Das kriegen wir schon hin, aber du musst diese und jene Technik lernen!" ist der Leitsatz jeder Probe. "Meistens dauert die Stimmbildung nicht lang. Das ist eigentlich sehr spezifisch für trans weibliche Leute. Die meisten trans männlichen Leute, die sagen, ich will tiefer singen, nehmen oft irgendwann Testo. Das hauptsächliche Problem, mit dem ich konfrontiert werde, ist 'Ich will höher singen als das, was meine Stimme so normalerweise macht'. Dann geht man rein und sagt, okay, wir bauen jetzt mal deine Kopfstimme aus mit dieser und jener Übung, damit du dich wohler fühlst, damit du ein bisschen Angst verlierst."

Schlechte Erfahrungen in queeren Chören gemacht

Die Erfahrungen der Sänger*­innen in bisherigen Chören sind dabei so unterschiedlich wie auch ermüdend ähnlich. "Selbst in den queeren Chören hatte sich oft noch niemand über transfeminine Stimmen Gedanken gemacht", berichtet Tina, ein Gründungsmitglied des Chores. "Egal wie ich damit umgegangen bin, ich fand es immer ziemlich unangenehm."

Im besten Fall fühlt sich die Sänger*in nur unwohl und schlägt sich durch. Die Chormitglieder berichten aber auch von trans Menschen, die aus Chören geworfen oder so schlecht unterrichtet wurden, dass sie bei Konzerten nur die Lippen mitbewegen sollten.


Im Trans* Chor Plänterwald singen erstaunlich viele mehr als drei Oktaven (Bild: Jyn Rimmele)

Rika erklärt, dass die starre Einteilung in feste Stimmgruppen nach Geschlecht eine Idee der Moderne ist: "In der Renaissance wurde in der Kirche alles von cis Männern gesungen, weil Frauen in der Kirche nicht singen durften. Das bedeutete, dass die Stimmeinteilungen weitaus flexibler waren, als es heute im Chor praktiziert wird." Die Vorstellung der Natürlichkeit, so argumentiert die Chorleiterin, beschränkt die Sänger*­innen, trans oder nicht, in ihren Fähigkeiten dazuzulernen und sich kreativ auszuprobieren.

Wenn ein Chor transinklusiv sein möchte, kann er zuerst die Stimmgruppen öffnen. Die vergangenen Erfahrungen sind trotzdem oft ernüchternd. Weitere Sänger*­innen berichten, dass ihre stimmbildende Reise, ob mit Hormonen oder ohne, in der Bewerbung bei Chören als Problem statt als Chance ausgelegt wurde. Schade – im Trans* Chor Plänterwald singen erstaunlich viele mehr als drei Oktaven. Und das durch konstante Übung ohne große Anstrengungen.

Flexible Willkommenskultur

Neben der offenen Stimmeinteilung ist die flexible Willkommenskultur das, was den trans Chor von anderen Chören zu unterscheiden vermag. "Ihr seid erst mal alle willkommen, und wir kriegen es schon irgendwie hin mit eurer Stimme. Es ist egal, ob ihr direkt traumhafte Sänger seid oder nicht. Der Anspruch ist, dass wir Spaß haben und dass wir alle dabei sein können. Singen kann man nämlich lernen!" Das Traurige sei, führt Rika aus, dass vielen trans Menschen diese Möglichkeit verwehrt werde.

Nicht nur der direkte Ausschluss von trans Stimmen blockiert Zugang zu Kunst, sondern auch die finanziell prekäre Lage der trans Community. Deswegen träumt Rika von einem bedingungslosen Grundeinkommen. Trans Menschen müssten genug abgesichert sein, um Raum für Kunst in ihrem Leben zu haben. Sich diesen Raum zu nehmen und trans Bedürfnissen zu zentrieren, ist für die Chormitglieder daher auch politischer Aktivismus. Schließlich ist das gemeinsame Singen nicht nur Erfüllung des menschlichen Kreationsdrangs, sondern auch zum Ort von gegenseitiger Hilfe und Ausbau der trans Community geworden. "Für viele von uns ist der Chor auch ein soziales Event, in dem man neue Freunde kennenlernt."

Ein solidarisches Netzwerk

Auf der Basis neuer Freundschaften entstand ein solidarisches Netzwerk. "Kaum etwas schweißt so sehr zusammen, wie eine Harmonie gemeinsam aufzubauen und deine eigene Stimme inmitten vieler zu hören. Das künstlerische Ideal im Chor ist Einheit. Eine, die uns gut tut. Sie bildet Gemeinschaft."

Auch die gemeinsamen Check-in Runden haben im Aufbau des Projektes dazu beigetragen, einander verletzlich kennenzulernen. Jede Woche mit anderen trans Menschen zusammenzukommen, ist für die Sänger*innen ein unvergleichliches Gefühl. So entschieden sich die Gründungsmitglieder, bewusst Gemeinschaft zu schaffen, welche mit Beginn des Projekts bis heute viel von "Wie wollen wir hier miteinander sein?" Gesprächen, Konfliktmoderation und Sorgearbeit ausgebaut wurden. Die Schönheit der vielen trans Stimmen unterstützt die Sänger*innen währenddessen, ihre eigene Stimme zu wertschätzen und ihr Potenzial zu erkennen.

Für die Chor-Vorständlerin Patti ist die Arbeit mit ihrer eigenen Stimme ein wichtiger Teil ihrer Transition geworden. Sie kümmert sich mit anderen Aktiven gewissenhaft um die Struktur und Awareness-Arbeit: "In meiner Utopie wären alle Dinge im Leben wie im Chor: Wir nehmen die Teile der existierenden Strukturen, die wir gut finden, und werfen den Rest weg. Wir machen was wir wollen und passen aufeinander auf."

Auftritte auf Demos und in Bars

Mittlerweile tritt der Chor auf Demos, in queeren Bars oder Hinterhöfen auf. Ein Verein wurde schon gegründet, für die Zukunft wünscht sich der Chor Finanzierung. Außerdem "mehr Kreativität, mehr Schöpfung, mehr Kunst in unserem Leben. Das wäre was. Nicht nur in unserem Leben, sondern in allen", merkt Rika an.

Obwohl der Chor trans Bedürfnisse in den Vordergrund stellt, sind alle Menschen willkommen, so die offizielle Satzung. Rika: "Manchmal ist man sich ja auch nicht sicher. Ich wusste nicht mein ganzes Leben, dass ich trans bin! Und wenn da eine Schwerkraft ist, die jemanden zu uns zieht, dann soll die Person unbedingt vorbeikommen. Dann gehörst du auf jeden Fall da hin. Komm einfach wie du bist."

-w-