Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?54866

Buchtipp

Queeres Lesen und postkoloniales Zuhören

Es geht um Privilegien, Herkunft und globale Ungleichheit: Der Roman "Das schöne Lächeln von Riambel" von Priya Hein spricht das Einfühlungsvermögen der Leser*innen auf unvergleichliche Weise an.


Die Schriftstellerin Priya Hein wurde in Mauritius geboren. Nach zwei Jahrzehnten in Deutschland lebt sie mit ihrer Familie wieder in dem Inselstaat im Südwesten des Indischen Ozeans (Bild: Florence Guillemain)
  • Von Luise Erbentraut
    30. August 2025, 06:41h 5 Min.

Mit "Das schöne Lächeln von Riambel" (Amazon-Affiliate-Link ) liegt nun erstmals die deutsche Übersetzung eines Romans im Gutkind Verlag vor, der bereits international Anerkennung fand. Die in Mauritius geborene Autorin Priya Hein hat das Buch im Juni vor fünf Jahren als direkte Antwort auf den Backlash zur Black-Lives-Matter-Bewegung und aus ihrer Perspektive als Woman of Color geschrieben. Das Ergebnis ist ein eindringliches Werk, das sowohl über die Geschichte als auch über die Art, wie sie erzählt wird, das Einfühlungsvermögen der Leser*­innen auf unvergleichliche Weise anspricht.

Bereits die englische Originalfassung wurde unter dem Titel "Riambel" mit dem Prix Jean Fanchette (2021) sowie dem Prix Athéna (2023) ausgezeichnet. Damit reiht sich das Buch in eine Literaturtradition ein, die sich kritisch mit postkolonialen Strukturen und ihrer Wirkung auf Alltag, Sprache und Körper auseinandersetzt. Jean Fanchette selbst, nach dem einer der Preise benannt ist, wird im Roman zitiert und gewürdigt. Seine Auseinandersetzung mit der komplexen, kulturell verwobenen Geschichte des Inselstaats Mauritius setzt sich in Priya Heins Roman nicht nur im Inhalt, sondern auch im Stil spürbar fort.

Von der non-konformen Erzählung zur kollektiven Tragkraft


"Das schöne Lächeln von Riambel" ist am 28. August 2025 im Gutkind Verlag erschienen

"Das schöne Lächeln von Riambel" ist allerdings kein Roman im klassischen Sinne und will es auch gar nicht sein, wie die Autorin einleitend festhält. Auf 174 Seiten verteilen sich 67 kurze Kapitel, unter denen sich auch Gedichte, Rezepte und sogar Lieder finden. Indem die mauritischen Autor*­innen und Künstler*­innen, deren Werke hier wertgeschätzt werden, nicht namentlich zugeordnet werden, wird eine kollektive Erfahrung deutlich, die sich im Narrativ wiederfindet.

Die Geschichte handelt nämlich von der 15-jährigen Noémi, die unter den Bedingungen postkolonialer Armut und patriarchaler Strukturen aufwächst. Dabei folgt die Erzählung nicht nur ihr durch ihren Alltag, in die Schule, in die Arbeit, sondern auch ihrer Mutter, Großmutter und ihrer Schwester. Damit erhält das Narrativ einerseits die kollektive Tragkraft der Erfahrungen von Women of Color, andererseits rücken auch mütterliche und großmütterliche Bezugspersonen zwischen Fürsorge und Konflikt ins Zentrum – eine Beziehungscharakteristik, die auch die Geschichte vieler BIPoC Queers prägt.

Mehrsprachigkeit als Klassenfrage

Bemerkenswert ist auch, wie Hein Sprache nicht nur als Werkzeug des eigenen Schreibens verwendet, sondern als Instrument (post-)kolonialer Machtdynamiken aufzeigt. Wo der Wechsel zwischen Ich- und Du-Erzählung das Einfühlen in die Protagonistin intensiviert, zeigt der gezielte, partielle Einsatz der Kreolsprache Morisyen und von Französisch auf, wie Sprache Identität, Zugehörigkeit auch schmerzlich prägen kann.

Hier dürfen, sollen und müssen manche Wörter unübersetzt stehen bleiben, andere sich aus dem Kontext erschließen lassen und wieder andere dann erklärt werden. Weil sich dadurch nämlich verstetigt, wann wer welche Sprache auf welche Weise spricht, wer verstanden werden möchte, und wer, wie selbstverständlich, davon ausgeht, dass diese*r jenige*r verstanden zu werden hat. So werden koloniale Sprachspuren spürbar, ohne dass sie erklärt werden müssen. Mit Ausdrücken wie "le thé sous la varangue" (auf Deutsch etwa der Tee unter der Veranda) auch kulturelle Praktiken, die der kolonialen Oberschicht vorbehalten sind, aber nach wie vor auf dem Rücken von Women of Color ausgetragen werden. Mehrsprachigkeit wird hier also nicht als kosmopolitische Zierde, sondern als politische Aussage eingesetzt.

Resonanzräume jenseits von Repräsentation

Zwar ist das Buch nicht explizit queer, aufgrund seiner nonkonformen Erzählweise ist es jedoch eine lohnenswerte queere Lektüre. Über die Empathie, die die Leser*innen aufbauen, gestalten sich hier Resonanzräume, die über Repräsentation hinausgehen und Solidarität ermöglichen.

Priya Hein liefert damit auch eine wichtige und beispiellose Methode, sich zusammenzufinden, einander zuzuhören und füreinander einstehen zu können, ohne gleiche Identitätsmerkmale voraussetzen zu müssen – etwas, das die queere Community ohnehin ausmacht oder ausmachen sollte, von der Art und Weise aber auch noch etwas lernen kann. Denn gerade in Lebensrealitäten von queeren, oft kosmopolitischen Beziehungen kreuzen sich vielschichtige Geschichten. Perspektiven, die direkt von den Auswirkungen kolonialer Gewalt geprägt sind, geraten im deutschsprachigen Kontext immer noch allzu leicht in den Hintergrund.

Worte, die dahin gehen, wo es weh tut

"Das schöne Lächeln von Riambel" stellt genau diese Perspektiven in den Mittelpunkt. Es erzählt nicht über BIPoC-Erfahrungen, sondern aus ihnen heraus – sprachlich, emotional wie politisch. Queere Leser*innen, die sich mit Fragen von Privilegien, Herkunft und globaler Ungleichheit auseinandersetzen, finden in der Lektüre ein Gegenüber, das ungeschönt preisgibt, ohne anzuklagen. Heins Sprache zeigt, wie solidarisches Lesen und Lernen gelingen kann: Nicht durch Aneignung oder Fetischisierung, sondern durch emotionale Verbundenheit.

Auch wenn der Titel "Das schöne Lächeln von Riambel" anderes vermuten ließe, geht Priya Hein mit ihren lebendigen Worten dahin, wo es weh tut. Sie spart dabei nicht an schmerzlichen Beschreibungen davon, wie Begehren unter strukturellen Machtverhältnissen zur Lebensgefahr wird, und kommt dabei ohne Polemik aus. Wer allerdings von Fetischisierung, sexualisierter Gewalt, Femizid, Drogen und Abtreibung nichts wissen will, hält das falsche Buch in den Händen.

Infos zum Buch

Priya Hein: Das schöne Lächeln von Riambel. Roman. Übersetzt von Mirjam Nuenning. 176 Seiten. Gutkind Verlag. Berlin 2025. Gebundene Ausgabe: 24 € (ISBN 978-3-98941-022-0). E-Book: 19,99 €

Informationen zu Amazon-Affiliate-Links:
Dieser Artikel enthält Links zu amazon. Mit diesen sogenannten Affiliate-Links kannst du queer.de unterstützen: Kommt über einen Klick auf den Link ein Einkauf zustande, erhalten wir eine Provision. Der Kaufpreis erhöht sich dadurch nicht.

10.01.26 | Buchtipp
Trans und autistisch
06.01.26 | Neues Buch
Ein Glas-Dildo für Nonnen
05.01.26 | Fußballerin des Jahres 2024
Ann-Katrin Berger veröffentlicht Autobiografie
03.01.26 | Mentale Gesundheit
Ein queerer Aufruf zur Sensibilität
-w-