https://queer.de/?54930
Serientipp
Outcast Pride
Die zweite Staffel der Netflix-Serie "Wednesday" bleibt ein faszinierendes, schauriges Coming-of-Age-Spektakel. Die Outcasts feiern sich in der Vielfalt ihrer Begabungen – und Lady Gaga setzt als Hellseher-Lehrerin ein queeres Highlight.

Lady Gaga und Jenna Ortega im zweiten Teil der zweiten Staffel von "Wednesday" (Bild: Netflix)
- Von
4. September 2025, 14:37h 4 Min.
Enid hat die Nase voll von Leichen. Während Wednesday sich wieder einmal kopfüber in Mordfälle stürzt, erklärt ihre Mitbewohnerin trotzig, sie befinde sich in ihrer "Freizeit-und-Spaß"-Ära – und die dulde keine Verbrechen. "Du wirst von einem Mörder verfolgt. Ich habe scharfe Zähne und Krallen, erinnerst du dich?", beschwichtigt sie ihre Freundin, um anschließend trocken hinzuzufügen: "Und später habe ich meine erste Fahrstunde." Dieser Dialog fasst schon ganz gut zusammen, wie "Wednesday" auch in der zweiten Staffel zwischen Coming-of-Age-Komödie und familienfreundlichem Gothic-Horror pendelt.
Tim Burton führt uns zurück an die Nevermore-Akademie, wo sich die sogenannten Outcasts tummeln – Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten, die von der Außenwelt als merkwürdig, fremd, ja, bedrohlich gelten. Hier lernen sie nicht nur, ihre Kräfte zu beherrschen, sondern auch Stolz darauf zu entwickeln. "Outcast Pride", nennt es der neue Schulleiter Barry Dort (Steve Buscemi), der nebenbei Feuer aus seinen Händen zaubern kann.
Eine deutliche queere Metapher
Dass die Serie zwar keine offenen queeren Beziehungen zeigt, aber in der Figur des Outcasts eine deutliche queere Metapher anlegt, ist kaum zu übersehen. Besonders, wenn die Schüler*innen gegen eine Truppe soldatenhafter Pfadfinder antreten, um einen Campingplatz zu erobern: Die testosterongesteuerten Fremden werden als stumpfsinnige Karikaturen inszeniert, während die Outcasts sich in der Vielfalt ihrer Begabungen feiern. Niemand muss sich erklären oder gar outen – ein schöner Bruch mit dem sonst so ritualisierten Coming-out-Narrativ.

Die "Normis" haben gegen die Outcasts keine Chance (Bild: Netflix)
Im Zentrum steht einmal mehr Jenna Ortega, die als Wednesday Addams eiskalt glänzt. Sie lacht erstmals, als sie von ihrer Großmutter einen Friedhof geschenkt bekommt. Farben lösen bei ihr eine Allergie aus, ihr Handybesitz ist undenkbar, und Gefühle dokumentiert sie nicht in Chats, sondern auf der Schreibmaschine. FOBI – "fear of being included" – bestimmt ihr Sozialleben, während sie mit stoischer Obsession Cello spielt: mal Prokofiev, mal eine düster arrangierte Version von "Zombie". Nicht aus Leidenschaft, sondern aus Faszination für das Streben nach Exzellenz. In geschickt montierten Szenen wird dieses Spiel zum Herzschlag der Serie.
Erfreulich: Tim Burtons Liebe zur Animation
Die Dynamik zwischen Enid und Wednesday schwankt zwischen zarter Komik und verschenkten Möglichkeiten. Vieles plätschert dahin, wo mehr schwarzer Humor den Ton hätte schärfen können. Doch wenn die beiden in einer Episode die Rollen tauschen, entfalten Ortega und Emma Myers plötzlich ein wunderbar pointiertes Spiel. Ebenso erfreulich: Burtons Liebe zur Animation, die etwa in der Stop-Motion-Erzählung eines Zombies aufscheint – ein brillanter Junge mit fragiler Pumpe, der sich ein mechanisches Herz baut.
|
Die Addams-Eltern bleiben dagegen ein verwirrendes, aber unterhaltsames Rätsel: Der Vater ist Sympathieträger, aber dramaturgisch bloßer Lückenfüller – "Fragst du als mein Anwalt oder als mein Vater?", heißt es etwa. Die Mutter bleibt eine mysteriöse Goth-Ikone, die mehr Profil vertragen könnte, während die Großmutter die Devise vertritt, Gefühle sollten tief vergraben und innerlich zerfressen werden. Tiefgang sucht man hier vergeblich, pointierteren Witz ebenso. Dass die größte Sympathie letztlich einer Hand gehört – "The Thing" -, spricht Bände.
Die zweite Staffel neigt dazu, ihre Story zu überladen
Nicht alles läuft rund: Pugsley (Isaac Ordonez), Wednesdays Bruder, bleibt erschreckend schlecht geschrieben und gespielt, seine Suche nach Freund*innen wirkt verzweifelt. Der Zombie taucht anfangs wie ein zielloser Plotfüller auf, bis ein späterer Twist das halbwegs rettet. Die zweite Staffel neigt dazu, ihre Story zu überladen: Sekten, Outcast-Forschung, Tylers Familiengeschichte, ratlose Nebenfiguren, Enids Entwicklung zur Alpha-Werwölfin.
Die queere Community braucht eine starke journalistische Stimme – gerade jetzt! Leiste deinen Beitrag, um die Arbeit von queer.de abzusichern.
Man möchte den Drehbuchautor*innen zurufen: Keep calm and don't wolf out! – so wie es in der Höhle steht, in der Werwölfe bei Vollmond weggesperrt werden. Dazu kommt ein World-Building, das sich ständig selbst neue Regeln aus dem Ärmel zieht. Warum Polizist*innen ausgerechnet die "Normis", also die Nicht-Outcasts, stellen müssen, bleibt völlig unlogisch.
Ein queeres Highlight setzt schließlich Lady Gaga mit ihrem Cameo als Rosaline Rotwood, einer Hellseher-Lehrerin aus den 1960ern, die frappierend an Gagas "American Horror Story"-Figur The Countess erinnert. Nicht nur optisch, auch musikalisch markiert sie einen Höhepunkt: Ihr Disco-Song "The Dead Dance" bekam von Tim Burton ein groteskes Musikvideo, gedreht auf der Island of the Dolls in Mexiko, wo Gaga zwischen grinsenden Puppen tanzt. In der Serie taucht das Stück mitsamt Choreografie auf – ein cleverer Verweis auf den TikTok-Hype um "Bloody Mary".
So taumelt die zweite Staffel zwischen überbordenden Ideen, genialen Einzelmomenten und erzählerischen Sackgassen – und bleibt doch ein faszinierendes, schauriges Coming-of-Age-Spektakel.
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
21:00h, One + ORF1 + SRF2:
Eurovision Song Contest 2026
Zweites Halbfinale des diesjährigen Eurovision Song Contest live aus Wien
Show, D 2026- 7 weitere TV-Tipps »
















