https://queer.de/?54955
Kommentar
Der unanständige Kampf des CDU-Professors gegen queere Menschen
Gleichberechtigung überfordere die Demokratie, behauptet der Historiker Andreas Rödder, der LGBTI-Community wirft er eine "staatliche Umgestaltung der Gesellschaft" vor. Vielleicht sollte er mal ins Grundgesetz schauen!

Andreas Rödder im September 2022 auf einem CDU-Parteitag in Hannover. Der Historiker ist Leiter der konservativen Denkfabrik "R21". Von Frühjahr 2022 bis September 2023 war er Vorsitzender der CDU-Grundwertekommission (Bild: IMAGO / Political-Moment)
- Von
6. September 2025, 07:24h 6 Min.
Andreas Rödder hat sich wieder einmal zu Wort gemeldet. Und wenn er das tut, ist das stets von der Art, bei der ich mich frage, wie so jemand Professor werden konnte. Denn kritisches Denken mit wissenschaftlichem Anspruch schließt bekanntlich selbstkritisches mit ein. Außer windschiefen Argumenten haben wir von dem bekennenden Konservativen und Verteidiger einer deutschen Leitkultur à la Union, an der er eine Zeitlang mitgestrickt hat, noch nichts wirklich Vernünftiges gehört – zumindest, wenn es die queere Community betrifft.
Der Vorteil: Es braucht nicht viel Anstrengung, um die Sinnverdrehungen und Widersprüche zu durchschauen und die schamlosen Absichten dahinter zu erkennen. Dass die sogenannten bürgerlichen Medien auf Rödder abfahren, spricht nicht gerade für sie. Aber sie schicken halt lieber einen polarisierenden Meinungsmacher wie Rödder in die Arena, um sich nicht selbst bekleckern zu müssen.
Eigentlich sollte es in dem Interview mit der "Neuen Zürcher Zeitung" vom 2. September (Bezahlartikel) um "Deutschlands heiklen Umgang mit Russland" gehen, denn Rödder ist Professor für neueste Geschichte in Mainz. Wäre es nur bei diesem Thema geblieben, aber ohne Seitenhiebe in Richtung queere Community ging es nicht: "Viele glauben, die Qualität der liberalen Demokratie messe sich an der Anzahl Queer-Klubs pro Quadratkilometer." Wer sind die "vielen", die das glauben? Für Rödder sind es "die Linken" oder anders gesagt die "Wokeness-Ideologie". Von woke habe ich schon oft gehört, bin aber noch nie jemanden mit einer solchen Selbstbezeichnung begegnet. Ist eben nur eine zweckdienliche Erfindung wie "Cancel Culture". Letztere wird, wie wir Tag für Tag erfahren, vorzugsweise von denen praktiziert, die sie gerne den sogenannten Woken unterstellen.
Queere Menschen sollen sich still und rechtlos in der Ecke verstecken
Rödder sieht ein Gespenst in der liberalen Demokratie umgehen – die Gefahr der Überforderung. Wer überfordert sie? Na, wer schon – die Woken, die nicht genug kriegen von Gleichberechtigung und Selbstbestimmung: "Aus einer Emanzipationsbewegung für bestimmte Lebensformen ist ein Modell für die staatliche Umgestaltung der Gesellschaft geworden. Diese Überspannung ist das Problem, nicht die Toleranz, die dem Ganzen zugrunde liegt." Merken wir uns hier mal den Begriff "Toleranz" – ich komme darauf zurück. Doch der Interviewer wollte es genauer wissen: "Blasen Sie da nicht ein Randphänomen auf?" Und Rödder antwortet:
Wenn an einer führenden deutschen Universität eine Biologin ihren Vortrag über zwei biologische Geschlechter nicht halten darf, weil das dem Diversitätskonzept der Universität widerspricht, so reden wir nicht mehr von einem Randphänomen: Man will die normativen Haltungen innerhalb der Gesellschaft verändern und implementiert dies über das Bildungssystem.
Das war vor gut drei Jahren (und in Wahrheit doch ziemlich anders) – aber aktuelle Beispiele sind Rödder offenbar nicht eingefallen. Auch so eine Methode: Einzelfälle zurechtzubiegen, aufzublasen, zu generalisieren und wie Trophäen durch alle Diskussionsforen zu schleppen. Man hat ja nur die paar Fälle. Und aus all dem wird dann noch konstruiert, dass die Woken schuld seien am Aufstieg der Rechten. Heißt das: Würden wir still und rechtlos uns in einer Ecke verstecken, wie es einmal war, gäbe es keine Rechten. So vielleicht? Aber gab es die früher nicht auch schon? Denn, wie Herr Rödder meint, würden wir den Bogen überspannen. Das spiele den Rechten in die Hände.
Rödder geht es ausschließlich um den eigenen Machterhalt
In Wahrheit geht es bei Rödder um was ganz anderes. Nämlich um den Erhalt der Heteronormativität und Heterosexualität als kultureller Standard, um die ängstlich behütete Zweigeschlechtlichkeit, um Monogamie und Kleinfamilie. Alles, was davon abweicht, sei zwar tolerierbar, aber bitteschön nur in der jeweils reservierten gesellschaftlichen Nische. Am Ende geht es also ganz banal um den eigenen Machterhalt, um Besitzstandswahrung, um Deutungshoheit, die bei der bürgerlich-konservativen Mitte angeblich in bewährten Händen liege.
Und er spricht wirklich nur von Toleranz, also von Duldung. Anerkennung? Fehlanzeige! Denn dann müsste sich Rödder ja angesichts sozialer Ungleichheit und von strukturellen Benachteiligungen und Diskriminierungen damit auseinandersetzen, wie berechtigt gesellschaftliche Veränderungen sind. Schließlich haben wir eine Verfassung, die Gleichbehandlung und Gleichberechtigung vorschreibt (mit den nach wie vor bekannten Verwirklichungsdefiziten) und gleich am Anfang sogar noch von der Unantastbarkeit der menschlichen Würde spricht.
Dass Rödder dabei nicht vor haarsträubenden Aussagen zurückschreckt, zeigt doch nur die ganze Schamlosigkeit seiner Haltung. Ein Beispiel: "Die extensive Verwendung von Begriffen wie 'menschenfeindlich' zeugt […] von Moralisierung als Methode der Exklusion." Diesen Satz nannte der Soziologe Wilhelm Heitmeyer in "Der Spiegel" vom 14. Januar 2021 (Bezahlartikel) zu Recht ungeheuerlich. Denn hier werde das Ausmaß an gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit wenn nicht geleugnet so doch ignoriert.
Reale gesellschaftliche Zustände werden als bloße Moralisierung herabgewertet, so Heitmeyer. Verzerrung von Realität gehöre zu Rödders Strategie: "Wenn Rödder sich nun gegen linke Identitätspolitik positioniert, dann verschweigt er gleichzeitig die konservative Identitätspolitik" und kommt schließlich noch zu so verstiegenen Aussagen wie dieser: "Je benachteiligter eine Person ist, desto stärker ist ihre Position. Benachteiligung wird dadurch attraktiv."
Inklusion wird als Bedrohung inszeniert
Die Ablehnung einer inklusiven Gesellschaft komplettiert das ideologische Weltbild von Andreas Rödder, der dies in seiner Münchner Denkfabrik R21 ("Denkfabrik für neue bürgerliche Politik") als rettenden Konservativismus verkauft. Schon 2014 durfte Rödder in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" über die Frage "Wohin führt die Kultur der Inklusion?" (Bezahlartikel) schwadronieren: "Anstelle des Primats selbstverantworteter Leistung, auf der das liberale Gesellschaftsmodell beruht, setzt die Kultur der Inklusion in erster Linie auf Nachteilsausgleich, Gleichstellung und moderierte Vielfalt." Die positiven Aspekte seien jedoch nicht das Entscheidende: "Denn der Schwerpunkt liegt nicht darin, Voraussetzungen für die Entfaltung individueller Leistung zu schaffen, die zwangsläufig zu unvorhersehbaren Ungleichheiten führen. Es gilt, die Gesellschaft im Sinne der Gleichstellung bestimmter Gruppen zu gestalten." Und was spricht dagegen? Der Machtverlust für Rödder & Co. – und deshalb inszeniert Rödder Inklusion als Bedrohung.
In seinen Debatten-Beiträgen geht der konservative Rödder also mit der Mode – erst gegen die Inklusion, dann gegen die gendergerechte Sprache, gegen Identitätspolitik und derzeit frontal gegen die Minderheiten selbst, die doch bitte dortbleiben sollen, wo sie seiner Meinung nach hingehören – irgendwo an den Rändern der Gesellschaft, wo die als konservativ vereinnahmte Mitte sie dulde. Ja, man ist schließlich tolerant, so lange die Grenzen beachtet werden. Und wer will schon mit einer gerechteren Gesellschaft überfordert werden!
Als ob man nur konservativ sagen müsse, damit die Zeit stehen bleibt. Jedenfalls lieferten angestaubte Ansichten noch nie ein gutes Argument. Was den Konservativen à la Rödder abgeht, ist offenbar die Fähigkeit zum dialektischen Denken. Denn wie heißt es bei Wolf Biermann ganz richtig? Nur wer sich ändert, bleibt sich treu. Aber dazu brauchte es nicht nur vorurteilsfreien Verstand, sondern vor allem auch Anstand. Und ich dachte immer, Anstand sei eine konservative Tugend. Offenbar ein Irrtum. Das Existenzrecht von Minderheiten und deren Anspruch auf Gleichstellung und Gleichberechtigung ist nun mal nicht in kontroversen Debatten verhandelbar. Wer nur tolerieren kann, der glaubt wohl auch, dass Menschen nach Klassen sortiert sind.














