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Interview

"Ich rede über Analverkehr wie übers Kuchenbacken"

Vor Millionenpublikum präsentierte Marius Baumgärtel kürzlich sein Produkt zur Vorbereitung auf Analverkehr bei "Die Höhle der Löwen". Wir sprachen mit ihm über den Pitch, warum wir offener über Sex sprechen sollten – und wie er auf die Idee zu "anuux" kam.


Der schwule Berliner Marius Baumgärtel hat das Nahrungsergänzungsmittel "anuux" für gesunden Analverkehr entwickelt (Bild: Andrada Predescu)

Sein Auftritt in der beliebten Vox-Show "Die Höhle der Löwen" sorgte für ordentlich Aufsehen: Schließlich werden den Investor*innen rund um Judith Williams und Ralf Dümmel nicht alle Tage Produkte zum Thema Analverkehr präsentiert – und schon gar nicht so charmant wie von "anuux"-Gründer Marius Baumgärtel. Stichwort: "Vögelfutter" (queer.de berichtete).

Baumgärtel, der auch die Firma "Queere Haushaltshilfe" betreibt, brachte damit ein vermeintliches Tabuthema vor ein Millionenpublikum und zeigt: Es ist wichtig, darüber zu sprechen – denn oft herrschen noch Unsicherheit oder Berührungsängste. Zwar kam es nicht zum Deal mit den Löw*innen, doch Baumgärtel blickt positiv auf die Erfahrung zurück.

Was sein Umfeld zu seinem Auftritt sagte, ob er heute etwas anders machen würde und wie die Idee zu "anuux" überhaupt entstand, erzählt er im Interview mit queer.de.

Mit "anuux" hast du ein Produkt entwickelt, das Analverkehr hygienischer und entspannter machen soll. Was war der Auslöser für diese Idee – und wie bist du vom Gedanken zur Umsetzung gekommen?

In meinen Zwanzigern arbeitete ich in einem Verein für chronisch kranke Menschen und stieß dort erstmals auf die Folgen von Dauermedikation – etwa HIV-Medikamente, die zu Darmentzündungen führten. Wir beantragten Toilettenschlüssel für öffentliche Toiletten, damit Betroffene wieder am gesellschaftlichen Leben teilnehmen konnten. Später sah ich bei Freunden, wie viel Zeit sie für Spülungen brauchten – Spontanität war ausgeschlossen. Nach eigenen gesundheitlichen Problemen begann ich mit Ballaststoff-Experimenten, aber die Wirkung war instabil. So entstand die Idee zu "anuux".

Viele Menschen empfinden Unsicherheit oder Scham rund um das Thema Analverkehr. Was möchtest du ihnen mit deinem Produkt und deiner Kommunikation mitgeben?

Ich spreche das Thema locker an – wie ein Gespräch übers Kuchenbacken. Viele reagieren mit Kichern oder ziehen sich zurück. Ich selbst war mit 18 überrascht, als ich von Darmspülungen hörte. Ich möchte zeigen: Scham ist unnötig. Analverkehr betrifft viele, auch Heteros. Selbstsicherheit hilft beim Dating und Experimentieren.

Du hast bewusst ein vermeintliches Tabuthema ins Rampenlicht gerückt. Warum ist es deiner Meinung nach gerade heute wichtig, über Sexualität und Körperfunktionen offen zu sprechen – auch im Fernsehen?

Es gibt immer mehr Formate zur sexuellen Bildung. In meiner Jugend gab es nur "Dr. Sommer" – sehr heteronormativ. Heute kann ich Wissen weitergeben, besonders zu den vielfältigen Spielarten der Liebe und worauf man achten sollte.


Marius Baumgärtel in der Vox-Show "Die Höhle der Löwen" (Bild: RTL / Bernd-Michael Maurer)

Dein Pitch in "Die Höhle der Löwen" war offen, queer und sexpositiv. Wie hast du dich auf diesen Moment vorbereitet – und was war dir in der Darstellung besonders wichtig?

Mir war wichtig, das Thema locker und souverän zu präsentieren. Die Gespräche auf Stadtfesten und Messen haben geholfen. Ich wollte nicht als Quoten-Schwuler auftreten. Das Produkt stammt aus der queeren Community, ist aber für alle sexpositiven Menschen gedacht. Sichtbarkeit entsteht, wenn wir als normal wahrgenommen werden – und unsere Themen ebenso. Gerade in der aktuellen politischen Lage wollte ich mich als Bürger und Unternehmer zeigen, nicht als TV-Karikatur. Auch um Vorurteile abzubauen – meine eigene Oma ist Schwulenhasserin.

Obwohl es keinen Deal gab, war die Resonanz der Investor*innen erstaunlich positiv. Was nimmst du aus dem Auftritt für dich persönlich und für dein Unternehmen mit?

Meine Haltung passt zum Nischenprodukt. Wir öffnen uns mit neuen Varianten für den breiteren Markt. Ich habe erkannt, dass ich mich stärker auf meine Kernaufgaben konzentrieren muss – deshalb gebe ich jetzt Aufgaben ab. Bis Jahresende wird umgestellt.

Du hast erwähnt, dass dein Produkt besonders auf BDSM-Messen gut ankommt. Welche Rückmeldungen bekommst du aus der queeren Szene – und wie unterscheiden sie sich von denen außerhalb?

Die hetero-geprägte BDSM-Szene ist neugierig und positiv. Innerhalb der queeren Community ist das Feedback gemischt – von Skepsis bis Begeisterung. Ältere bleiben bei der klassischen Analdusche, Jüngere sind offener. Wir nehmen jedes Feedback ernst und haben das Produkt entsprechend weiterentwickelt: größere Packungen, Beutel statt Dose, geänderte Einnahmeempfehlung. Letzten Sommer haben wir den Inhalt um 50 Prozent erhöht – ohne Preissteigerung. Dass es Nachahmer gibt, zeigt: Wir haben einen Nerv getroffen.

Und wie hat dein persönliches Umfeld – Familie, Freund*innen, vielleicht auch Nachbar*innen – auf "anuux" reagiert? Gab es offene Gespräche, irritierte Blicke oder sogar neue Fans deiner Produktidee?

Meine konservative Familie reagierte überraschend positiv. Nachbar*innen waren begeistert. Viele haben sich für mich gefreut – auch jene, die mir anfangs abgeraten hatten.

In der Sendung sprachst du auch über die Schwierigkeiten, dein Produkt online zu bewerben – Stichwort "Shadow Bans". Wie erlebst du die digitale Zensur queerer Inhalte und wie gehst du damit um?

Ich beobachte das seit Jahren. Erst wurden lesbische Inhalte geshadowbanned, dann verschwanden queere Zielgruppen. Heute reicht schon jugendfreie Erotik für eine Sperrung. Gerade jetzt müssen wir sichtbar bleiben – und andere mitnehmen, damit unsere Rechte und unsere bunte Gesellschaft erhalten bleiben.

Wenn du die Chance hättest, nochmal in die "Höhle der Löwen" zu gehen – würdest du etwas anders machen? Oder war gerade die Mischung aus Offenheit, Humor und Haltung dein Schlüssel zur Sichtbarkeit?

Ich war ganz bei mir – klar und natürlich. Freunde und Nachbarn sagten, ich sei genauso aufgetreten wie privat. Ich würde es genauso wieder machen. Und auch dann zu meinen Werten stehen, selbst wenn es wieder ein "No Deal" gäbe.

Und zuletzt: Wenn du Judith Williams wirklich ins KitKat begleiten würdest – was wäre dein Outfit der Wahl?

Kunstleder, schwarz, geschnürte Weste und schwarze Hose. Mein Accessoire? Judith an meiner Leine. (lacht)

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