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Buchtipp
Eine queere Punkerin im Visier der Stasi
Wenn Pissen zur Revolte wird: Der neue DDR-Roman "Mauerpogo" von Sonja M. Schultz erzählt – basierend auf wahren Begebenheiten – von jugendlichem Widerstand und lesbischer Liebe in einem perfiden System.

Archivbild: Ostberliner Punks 1982 am Leninplatz in Friedrichshain (Bild: IMAGO / Photo12)
- Von Luise Erbentraut
6. September 2025, 13:17h 4 Min.
Nach "Hundesohn" lässt Sonja M. Schultz mit "Mauerpogo" (Amazon-Affiliate-Link ) einen Roman folgen, der selten treffender zeigt, dass die DDR ein anderes Land war und links manchmal zwei entgegengesetzte Richtungen bedeutet.
Entlang von über 360 Seiten stolpern wir der 14-jährigen Jo durch die Stadt Eisenwerda hinterher – einer Stadt, die nicht nur so klingt, als hätte sie es tatsächlich geben können. Dabei erleben wir ein Coming-of-Age, das im jugendlichen Aufbegehren mehr erzählt als von der ersten großen Liebe, Auseinandersetzungen mit Familie, Schule und Freund*innenschaften. Denn in dieser Geschichte, die die DDR in ihrer Repressionslogik in Erinnerung ruft, wird jeder Schritt zum Anecken an ein totalitäres Systems.
Familie zwischen Plattenbau und Laube

Der Roman "Mauerpogo" ist im August 2025 im Blumenbar Verlag erschienen
Direkt im Einstieg werden wir in die Schulrealität des ehemaligen Ostens geworfen – und damit auch in Rituale, die den Staat in seiner Ideologie festigen sollten. Darunter die Jugendweihe, die das säkulare Pendant zu Firmung und Konfirmation bildet und hier nicht nur den Übergang zum Erwachsenenalter markiert, sondern auch das Widerspiel zwischen Privatem und Politischem – weil Jo sich nämlich gerade dort traut mit ihren frisch grün gefärbten Haaren aufzutauchen.
Durch die lebendige Sprache, mit der Sonja M. Schultz uns in eine jugendliche Wahrnehmung zurückholt, konterkariert sie zugleich die gewaltsamen Mittel, mit denen das gesellschaftliche System im Verlauf der Geschichte seine Ordnung kontinuierlich aufrechtzuerhalten versucht. Zum Beispiel, wenn Jos Menstruation das erste Mal während einer Atombomben-Übung einsetzt und das Übungsgelände zum Spießrutenlauf auf der Suche nach "Russentorpedos" – Tampons – wird. Dadurch zeichnet Schultz einen atmosphärischen Absurdismus, der sich durch das ganze Buch zieht und zwischen süß-bitterem Humor und Tragik wie der titelgebende Tanz unentwegt hin und her springt. Mit dem Risiko, dass es auch mal weh tut.
Auch Jos Familie lernen wir bereits auf den ersten Seiten kennen: eine kleine Schwester, die innerhalb der Geschichte über sich hinauswachsen darf, ein staatstreuer großer Bruder, der es kaum erwarten kann, in der Volksarmee zu dienen, eine Mutter, die ganz entsprechend des ostdeutschen Ideals der Mutterrolle neben Arbeit, Haushalt und Sorgearbeit die Kinder mit liebevoller Strenge erzieht, und eine Oma, die im selben Haus in einer der oberen Etagen wohnt und sich den Nachmittag mit Unterhaltungsfernsehen und Sekt-Trinken versüßt. Ebenso lernen wir Jos Vater kennen, einen Künstler, der nicht mehr auftreten darf, seit ihm die Erlaubnis dazu entzogen wurde, und trotzig in der Laube wohnt, weil deshalb der Haussegen schiefhängt.
Punk in der DDR: Paragrafen, Pogo, Prozession
Richtig los geht es, als Jo ein Poster findet und das erste Mal mit der Punkszene in Berührung kommt. Aber kein Coming-of-Age ohne Liebesgeschichte und keine Liebesgeschichte ohne Tumult: Jo lernt nämlich Ratte kennen, die Schlagzeug spielt. Um ihr zu imponieren und Kontakt herzustellen, gibt Jo vor, eine eigene Band zu haben, die noch wen am Schlagzeug sucht. Schnell findet sie sich mit ihren Freunden Frankie und Klemmse zusammen, und schon sind sie eine Punkband ohne Namen.

Sonja M. Schultz, geboren 1975, veröffentlichte 2019 ihren Debütroman "Hundesohn" (Bild: Maurus Knowles)
Aus Leichtsinn und Provokation wird jedoch zunehmend Ernst: Jo macht zuerst Bekanntschaft mit der Volkspolizei, anschließend mit der Stasi, und jedes noch so kleine Symbol, jeder unüberlegte Satz wird bis ins Skurrile verdreht, um geahndet werden zu können. Hier werden Sonja M. Schultz' ausführliche Recherchen und die Authentizität des Romans besonders deutlich, denn in den Jahren 1982 und 83, in denen wir auch Jo und ihre Band durchs Chaos begleiten dürfen, hatte es das Staatsregime tatsächlich besonders auf Punks abgesehen und jedes äußerliche Detail nach Paragraf 220 als "Herabwürdigung staatlicher Organe und Persönlichkeiten" ausgelegt.
Ebenso realitätsnah greift Schultz in der Schilderung auch auf, dass viele Jugendbewegungen, alternative Szenen und alle, die dem System zuwiderliefen, Zuflucht in der evangelischen Kirche fanden. Vielleicht ist es gerade deshalb auch ein bisschen schade, dass die Herausforderungen lesbischer Beziehungen in der DDR hinter dem Punksein nahezu gänzlich in den Hintergrund verschwinden. Andererseits heißt das Buch aber eben auch "Mauerpogo". Die Energie des Punks überträgt Sonja M. Schultz sprachlich also umso expliziter. Hier wird unverhohlen gesoffen, geschwitzt, geschrien und gepinkelt.
Am Ende ist "Mauerpogo" nicht nur ein Roman über jugendliche Revolte in einem perfiden System, sondern auch eine Geschichte über unverblümten Zusammenhalt. Denn während Jo und ihre Freund*innen immer tiefer in die Mühlen der Stasi geraten, zeigt sich, dass selbst eine Familie, die zu Beginn zwischen Laube und Plattenbau vom Konformismus zerrieben scheint, im entscheidenden Moment dem Widerstand zur Stütze wird.
Sonja M. Schultz: Mauerpogo. Roman. 368 Seiten. Blumenbar Verlag. Berlin 2025. Gebundene Ausgabe: 22 € (ISBN 978-3-351-05137-2). E-Book: 16,99 €
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