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Queerfilmfestival
Verliebt und vernarrt in den verschwundenen Callboy
In einer queeren Bar verliebt sich Gabriel in Adriano. Als der Escort nicht mehr auftaucht, beginnt eine besessene Suche. "Alles was brennt" zeigt, wie nah Liebe und Verzweiflung sein können – und dass Sex jede Erklärung ersetzen kann.

Szene aus "Alles was brennt": Das Drama des brasilianischen Regisseurs Felipe Sholl gehört zu den Highlights beim diesjährigen Queerfilmfestival (Bild: Salzgeber)
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6. September 2025, 13:47h 4 Min.
Oscar Wilde eignet sich nicht nur jederzeit für ein launiges Zitat. Sein einziger Roman "Das Bildnis des Dorian Gray" ist offenbar auch eine ganz hervorragende Unterlage, um eine großzügige Line Koks zu ziehen. So machen es Gabriel und Adriano zumindest – tagsüber, nachts, morgens zum Aufstehen.
Gabriel arbeitet als Literaturdozent, da bietet sich dieses literarische Fundament an. Der Roman, ein Inbegriff des schwulen Narzissmus, kommentiert aber auch die zwei Männer: Statt wie sonst üblich von einem Spiegel schnupfen sie direkt vom Buchdeckel. Wer ist mehr in sich verliebt?
Die Wahlfamilie spendet Trost
Dabei kam Gabriel eigentlich nach Rio de Janeiro, um vor seiner Familie zu fliehen. Mit im Gepäck: die Asche seiner toten Großmutter. Sie war die Einzige, die ihn als schwulen Mann verstand. Doch gleich bei seinem ersten Besuch im "Glória" lernt er Adriano kennen. Anfangs tapst er noch schüchtern durch den Club, die Kamera folgt ihn. Dann ein Blick auf Adriano – und von Zurückhaltung ist keine Spur mehr.
Im "Glória" treffen die queere Community und Sexarbeiter*innen aufeinander. Der Club ist plüschig, das rötliche Licht heruntergedimmt, die Tapeten verschnörkelt – und die Leute fürsorglich. Man kennt sich, man passt aufeinander auf. Hier lebt die Wahlfamilie. Sie wird dir Trost spenden, auch wenn du genau die Fehler begehst, vor denen sie dich gewarnt hat.
Konfliktlösung beim Ficken
Auch der Sexarbeiter Adriano ist im "Glória" bestens bekannt. Die Besitzerin wettet gleich darauf, dass der Neue mit den süßen blonden Locken und den vielen Tattoos mit ihm rumgemacht hat. Das hat er. Die beiden Männer beginnen eine Beziehung, deren Kitt Sex und Drogen sind. Von beidem haben sie mehr als genug und gesund wäre. Auch Konflikte versuchen sie meist, im Bett zu lösen. Eine gestöhnte Entschuldigung muss da genügen – und führt die ansonsten herrschende Sprachlosigkeit vor.
Das brasilianische Drama "Alles was brennt" zelebriert dabei die mehr als ansehnlichen Körper der zwei Darsteller Caio Macedo (Gabriel) und Alejandro Claveaux (Adriano): Sie haben wilden Sex miteinander, die Kamera fängt das stimmungsvoll und genüsslich ein. Das ist zweifellos sexy. Ist jede Szene für die Handlung relevant? Kaum. Aber den Sexpartner nimmt man Gabriel ehrlicherweise auch deutlich eher ab als den Literaturdozenten.
Drogen halten die Beziehung zusammen – und zerstören sie
Adriano zieht Gabriel in seinem selbstzerstörerischen Strudel mit hinab. Eine Eskalation folgt auf die nächste, in den Emotionen gibt es nur Extreme. Das hat fast Opernqualität – passenderweise erklingt gegen Ende auch eine Arie.
Irgendwann verschwindet der Callboy, unerwartet und einfach so. Für Gabriel beginnt eine verzweifelte Suche. Er ist besessen von seinem Partner, trotz allem. Die Ungewissheit und Spurlosigkeit quälen ihn – es entwickelt sich eine gefährliche Tortur. Doch er gibt nicht auf. Liebe und Verzweiflung können Hand in Hand gehen. Drogen und Sex können eine Beziehung genauso zusammenhalten wie zerstören.
Ein junger und hübscher Schwuler entflieht seiner Heimat, in der großen Stadt lebt er ein hedonistisches Leben aus Party, Drogen und Sex: Auf diese seit Jahren immer wieder aufgewärmte und um diverse Abzweigungen garnierte Formel des schwulen Kinos verlässt sich auch "Alles was brennt"-Regisseur Felipe Sholl. Der Film erinnert zudem an ein anderes brasilianisches Drama: "Baby" erzählte erst kürzlich eine ganz ähnliche Geschichte.
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Das Leben spielt nachts
Der "Teddy"-Preisträger bringt jedoch noch etwas Poesie mit hinein: Gabriel dreht kleine Filme von seiner neuen Heimat Rio de Janeiro für seine verstorbene Oma, in denen er mit ihr spricht. Das sind kurze und rohe Momente, die dem Drama noch eine etwas andere Note geben.
Es gab schon originelleres queeres Kino, das mehr zu sagen hatte. Doch so manche gestalterische Ideen – etwa Gabriels direkter Blick in die Kamera – überzeugen. "Alles was brennt" vermittelt zudem auf ästhetischer Ebene viele Stimmungen. Wohlig warme Gelb- oder eiskalte Blautöne dominieren. Die Stadt und ihre Räume werden nur selten am Tag gefilmt, das Leben findet nachts statt. Der Tag dient nur der Erholung von den Eskapaden der Nacht.
Alles was brennt. Drama. Brasilien 2024. Regie: Felipe Sholl. Cast: Caio Macedo, Alejandro Claveaux, Diva Menner, Alan Ribeiro, Jade Sassará, Sandro Aliprandini. Laufzeit: 103 Minuten. Sprache: portugiesisch-spanische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 18. Verleih Salzgeber. Im September 2025 beim Queerfilmfestival
Links zum Thema:
» "Alles was brennt" beim Queerfilmfestival 2025
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» auf sissymag.de
00:05h, Arte:
Kurzschluss
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