Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?54968

"Getrennte Räume"

Trauer um die große schwule Liebe

Pier Vittorio Tondellis letzter Roman "Camere separate" von 1989 besitzt in Italien bis heute Kultstatus. Zum 70. Geburtstag des an den Folgen von Aids verstorbenen Schriftstellers liegt jetzt eine deutsche Übersetzung vor.


Italienischer Kultautor der 1980er Jahre: Pier Vittorio Tondelli starb 1991 an den Folgen von Aids (Bild: privat)
  • Von Nathanael Di Battista
    7. September 2025, 11:10h 4 Min.

Der mit nur 36 Jahren viel zu früh an den Folgen von Aids verstorbene Schriftsteller Pier Vittorio Tondelli ist in der italienischen Literatur nach wie vor ein großer Name. Sein letzter Roman "Camere separate" von 1989 besitzt in Italien bis heute Kultstatus. 2025 wäre Tondelli 70 Jahre alt geworden. Der Gutkind Verlag nahm dies zum Anlass, den Autor auch im deutschsprachigen Raum zugänglich zu machen. Mit Hinrich Schmidt-Henkel, der bereits Autoren wie Michel Houellebecq, Édouard Louis oder Jon Fosse ins Deutsche übertrug, gewann der Verlag einen Übersetzer erster Güte. Doch wie hat dieser schwule Klassiker die letzten drei Jahrzehnte überstanden?

Nun muss man zugestehen, dass der Roman von 1989 ist. Anders jedoch als queere Klassiker wie Christopher Isherwoods "A Single Man" (1964), dessen Werk Tondelli offenkundig kannte und aufgreift, bleibt "Getrennte Räume" (Amazon-Affiliate-Link ) in vielerlei Hinsicht ein Kind seiner Zeit. Besonders zeigt sich das an der (heillos toxischen) Liebesbeziehung zwischen Tondellis Protagonisten Leo, einem renommierten italienischen Autor, und Thomas, einem jungen deutschen Musiker aus München.

Thomas ist vor zwei Jahren gestorben


Der Roman "Getrennte Räume" ist Ende August 2025 im Gutkind Verlag erschienen

Ihr Verhältnis (oder vielmehr Verhängnis) nimmt einen himmelhochjauchzenden Anfang, als der unerfahrenere Thomas dem etwas älteren Leo nach einem ungeschickten ersten Flirt bei einem Konzert von einer Empore im Pariser Zenith – im wahrsten Sinne des Wortes – in die Arme springt. Momente der Wonne, die jedoch von den ersten Seiten an mit einem dunklen Schleier überzogen sind: die Stationen von Thomas und Leos Beziehung entfalten sich nämlich im Rückblick, denn "Thomas – oder zumindest alles, was auf Erden diesen Namen trug und für [Leo] und alle, die Thomas liebten, in diesem Namen enthalten war – ist nicht mehr da. Thomas ist tot."

Der Tod von Thomas liegt bei Einsetzen der Handlung bereits zwei Jahre zurück. Leo wiederum versucht, all die Erinnerungen und die tiefe Trauer von sich abzuschütteln, indem er tut, was er, wie sich zeigt, eigentlich auch schon zu Thomas' Lebzeiten in der Beziehung getan hat: als rastloser Kosmopolit die Welt bereisen – nun jedoch nicht nur stets fliehend vor Verantwortung, sondern auch "vor dem Entsetzen darüber, dass er Thomas verloren hat." Ob in Paris, Berlin, München, New York, Mailand, London oder sogar Duisburg – überall holt ihn dieser Verlust ein. Für die Lesenden bleibt er jedoch ein vager Schatten: Damit die behauptete große Liebe spürbar würde, hätte Tondelli deutlicher erzählen müssen, woraus sie sich speiste. Stattdessen konzentriert er sich auf die barocke Ausschmückung von Leos desolatem Innenleben, wo sich prunkvolle, schwergewichtige Sätze aneinanderreihen.

Coming-out im Beichtstuhl

Der immer wieder mit-thematisierte, in ewigem Clinch zu queeren Lebensentwürfen stehende Katholizismus spiegelt sich streckenweise in einem sakralen Pathos. Nicht selten streift das den Kitsch. Leo, von indoktriniertem Selbsthass geplagt, trifft schließlich die kathartische Entscheidung, "das Leben selbst als Liturgie" zu feiern. In einer paradigmatischen Szene enthüllt er seine unorthodoxen Leidenschaften einem Priester bei der Beichte. Im Kontext der Entstehungszeit im katholisch geprägten Italien hatten solche Einsprengsel vor allem 1989 natürlich große Sprengkraft.

Diese Radikalität, wenngleich nicht subtil, schindet auch noch heute Eindruck. Selbiges gilt für den scharfen Blick, mit dem Tondelli soziale Milieus und feine Unterschiede skizziert. Denn Leo befindet sich mit Thomas in einem ständigen Ringkampf, der auch aus ihren Klassenunterschieden herzurühren scheint. Leo ist bereits ein halbwegs erfolgreicher Schriftsteller, als er und Thomas sich kennenlernen. Thomas hingegen ist ein mittelloser Musiker, der ein karges Einzimmerapartment in Paris bewohnt. Bei gemeinsamen Reisen kommt Leo für Unterkünfte und Verpflegung auf, was zu Streitigkeiten führt. Liegt hierin am Ende sogar die Ursache für die ständige Bipolarität aus extremer Nähe und räumlicher Distanz zwischen ihnen – oder, wie Leo selbst die Beziehung definiert, für die titelgebenden "getrennten Räume"?

Fraglos hat Tondelli mit seinem unfreiwillig letzten Roman ein üppig-ambitioniertes und durchaus lesenswertes Zeitzeugnis geschaffen: Mit Trauer, Verlust, Einsamkeit und Ortlosigkeit widmet er sich Themen, die universell anschlagen. Doch wo das Buch niederschmetternd sein will, kippt es bisweilen ins Larmoyante. Wie Leo selbst mäandert "Getrennte Räume" zwischen den Zeiten, Assoziationen und Erinnerungen. Die literarische Stringenz eines Isherwood erreicht Tondelli jedoch nicht.

Infos zum Buch

Pier Vittorio Tondelli: Getrennte Räume. Originaltitel: Camere separate. Roman. 240 Seiten. Aus dem Italienischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Gutkind Verlag. Berlin 2025. Gebundenes Buch: 25 € (ISBN 978-3-98941-034-3). E-Book: 19,99 €

Informationen zu Amazon-Affiliate-Links:
Dieser Artikel enthält Links zu amazon. Mit diesen sogenannten Affiliate-Links kannst du queer.de unterstützen: Kommt über einen Klick auf den Link ein Einkauf zustande, erhalten wir eine Provision. Der Kaufpreis erhöht sich dadurch nicht.

-w-