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Buchtipp

Als queere Person in der AfD-Familie: Es bleibt nur der Bruch

Im neuen Buch "Meine Familie, die AfD und ich" verhandelt Leonie Plaar eine Erfahrung, die kein Einzelfall ist. Es ist eine Familiengeschichte, zerfressen von aussichtslosen Diskussionen, menschenverachtenden Sätzen, Lügen und Ideologien.


Leonie Plaar, Jahrgang 1992, ist queer, politische Aktivistin, Historikerin, Influencerin – und Tochter eines AfD-Mitglieds (Bild: Promo)

Leonie Plaar erzählt vom Coming-out in der Provinz – eine Erfahrung, die viele queere Menschen teilen, die auf dem Land aufgewachsen sind. Ihre Eltern wischen ihre Identität zunächst als Phase vom Tisch; schon als Jugendliche überfällt sie die "hilflose Angst, unsichtbar gemacht zu werden". Als Tochter eines AfD-Mitglieds verbringt sie ihre Kindheit inmitten von Verwandten, die immer tiefer in den Sumpf aus rechtspopulistischen und -extremen Weltbildern hineingezogen werden. Während ihres Coming-outs dämmert ihr zum ersten Mal, "dass hier kein sicherer Ort für meine Identität war, obwohl ich das zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Worte fassen konnte".

In "Meine Familie, die AfD und ich" (Amazon-Affiliate-Link )verhandelt Plaar eine Erfahrung, die kein Einzelfall ist. Es ist eine Familiengeschichte, zerfressen von endlosen, aussichtslosen Diskussionen, von menschenverachtenden Sätzen, Lügen und Ideologien. Sie beschreibt, wie sie sich gezwungen sieht, den Kontakt zu ihrer Familie weitgehend abzubrechen – und stattdessen aufklärenden Content für Social Media zu produzieren. Sie will ihre Geschichte nicht länger als Scheitern gelesen wissen, sondern als Aufruf: Mut zu machen, Empathie zu wecken, Ressourcen klug einzusetzen – und das Schweigen derer zu brechen, die sich in endlosen, fruchtlosen Diskussionen mit AfD-Wählenden verfangen, machtlos gegenüber deren Radikalisierung, aber entschlossen, die Normalisierung einer rechtsextremen Partei nicht einfach durchzuwinken.

Wenn der Streit vom Politischen in Private kippt


"Meine Familie, die AfD und ich" ist am 10. September 2025 im Goldmann Verlag erschienen

Klar benennt sie – unter Einbezug ihrer eigenen Positionalität als weiße, queere, deutschsprachige cis Frau -, dass Selfcare, so richtig das Bedürfnis nach Schutz und Rückzug auch ist, nicht zum Vorwand für Kapitulation werden darf. Denn: Von Rassismus Betroffene haben nicht die Option, sich wegzuducken. Wir schulden es den Verletzbarsten unserer Gesellschaft, den Kampf gegen den erstarkenden Rechtsradikalismus nicht aufzugeben.

Plaar, die als "Frau Löwenherz" im Netz bekannt ist, zeigt, wie der Streit mit der Familie vom Politischen ins Private kippt. Es reicht nicht, einfach nur Falschbehauptungen zu widerlegen – man muss den Spieß rhetorisch umdrehen, Fragen stellen, die ins Mark treffen. Wieder und wieder erklärt sie ihren Verwandten – allen voran ihrem Erzeuger (wie sie ihn nur noch nennt, so weit geht die Entfremdung) -, wie queer­feindlich die AfD ist, wie tief sie im Sumpf der "Anti-LGBTIQIA*-Propaganda der rechtsextremen Medienmaschinerie" steckt. Am Ende bleibt die absurde wie traurige Tatsache: Ihr eigener Vater unterstützt eine Partei, die ganz konkret seine Tochter bedroht.

Plaar: Alice Weidel wird irgendwann fallen gelassen

Besonders scharf analysiert sie das Paradox, dass die AfD sich nach außen als nicht homophob gerieren muss, während sie gleichzeitig queer­feindliche Politik am laufenden Band produziert. Offene Homophobie lässt sich öffentlich kaum mehr verkaufen – während Gewalt gegen Queers steigt und Transfeindlichkeit fröhlich weiter eskaliert. Bei Alice Weidel formuliert Plaar die These, dass sie irgendwann von ihrer eigenen Partei fallen gelassen wird; bis dahin instrumentalisiert Weidel das Thema und verklärt Homophobie zum "Migrationsproblem". Damit kapituliert sie nicht nur vor der Realität, sondern spuckt auch auf die Kämpfe, denen sie ihre Rechte verdankt. Plaar hält dagegen: "Wie lautstark wir Alice Weidel auch kritisieren mögen, wir werden immer auch für ihre Rechte mitkämpfen."

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Ebenso betont sie, wie massiv das Internet – im Gegensatz zu physischen Räumen – für Jugendliche zum Motor der Radikalisierung wird. Die rechte Propaganda funktioniert erschreckend gut, weil sie einfache Antworten auf komplexe gesellschaftliche Fragen bietet. Plaar zitiert den früheren AfD-Pressesprecher Christian Lüth: "Je schlechter es Deutschland geht, desto besser für die AfD." Deutlich macht sie den Unterschied zwischen Meinung und gezielter Desinformation: künstlich konstruierte Feindbilder, die Migrant*innen und queere Menschen gleichermaßen treffen. Ihnen wird eine angebliche Ursprungsnation entgegengestellt, in der einzig Platz für die patriarchale, heteronormative Kleinfamilie ist – sexistisch, rückwärtsgewandt, exklusiv.

Plädoyer für die Wahlfamilie

Und ja: Wer sich schon intensiv mit Faschismus und Rechtspopulismus beschäftigt hat, findet in "Meine Familie, die AfD und ich" keine großen Enthüllungen. Aber genau darin liegt die Kraft des Buches: Es ist ein Sprachrohr für all jene, die gezwungen sind, ihre Bratkartoffeln am selben Tisch mit radikalisierten Familienmitgliedern zu essen. Am Ende zieht Plaar ein Fazit, das in queeren Biografien längst gelebte Praxis ist: Wer vor der eigenen Familie Scham oder Angst empfindet, findet seine Wahlfamilie in den Freund*innen. Blutsverwandtschaft kann man sich nicht aussuchen – Familie schon.

Infos zum Buch

Leonie Plaar: Meine Familie, die AfD und ich. Wie Rechtsextremismus uns entzweit – und wie wir dagegenhalten. 192 Seiten. Goldmann Verlag. München 2025. Taschenbuch: 18 € (ISBN 978-3-442-32003-5). E-Book: 14,99 €

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