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Kult-Sitcom

Vierzig Jahre "Golden Girls": Eine Wahlfamilie jenseits heteronormativer Rollenbilder

Am 14. September 1985 lief im US-Fernsehsender NBC die erste Episode der "Golden Girls". Die Serie wurde zum Kult – dank präzise gezeichneter Charaktere und Themen, die besonders in der queeren Community Anklang fanden.


Die "Golden Girls" im Wohnzimmer (v.l.n.r.): Rose (Betty White), Dorothy (Bea Arthur), Blanche (Rue McClanahan) und Sophia (Estelle Getty) leben zusammen in einer WG in Miami (Bild: IMAGO / United Archives)

Das mitternächtliche Zusammenkommen am Küchentisch ist das heilige Sakrament der "Golden Girls". Wie ein roter Faden zieht sich das Motiv durch die TV-Serie: eine Sitcom, die von vier älteren Damen in einer Wohngemeinschaft erzählt. Die Schauspielerinnen Beatrice Arthur als Dorothy, Estelle Getty als Sophia, Rue McClanahan als Blanche und Betty White als Rose verkörpern dabei vier unverwechselbare Persönlichkeitstypen, die sich zu einer Wahlfamilie zusammenschließen: eine Kombination, die für die Entstehungszeit der Serie revolutionär ist und der queeren Community als Idealbild für ein selbstbestimmtes, freies Leben jenseits heteronormativer Rollenbilder dient – vor allem schwulen Männern. Den Ausschlag dafür liefert der scharfzüngige, selbstironische und zugleich liebenswerte Humor, der sich zudem durch Übertreibung auszeichnet.

Ein Höhepunkt jeder Folge sind die abendlichen Küchenszenen, in denen die vier Protagonistinnen die Eindrücke des Alltags noch einmal Revue passieren lassen: Erfahrungen, Hoffnungen und Sorgen, die meist mit Sex, aber auch mit familiären, gesundheitlichen oder beruflichen Angelegenheiten zu tun haben. Es geht um gegenseitige Unterstützung, um das Spenden von Trost, um die Selbstvergewisserung als Individuen in einer Gemeinschaft – und sehr häufig kommt dabei ein im Kühlschrank gehorteter Käsekuchen auf den Tisch.

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Queere Dekonstruktion des christlichen Abendmahls

Es fällt nicht schwer, das Cheesecake-Ritual als queere Dekonstruktion des christlichen Abendmahls zu lesen – anstelle einer Hostie ist es der Käsekuchen, der geteilt wird. Dorothy erscheint dabei als Hohepriesterin, meist gehüllt in ein weites, mehrlagiges und mitunter wallendes Gewand, wobei sie die anderen in ihrer majestätischen Körperhaltung nicht nur physisch, sondern auch moralisch und intellektuell zu überragen scheint. Für jede Situation hat sie eine treffende und stets sarkastische Pointe parat: mit tiefer Stimme, schiefem Blick und hochgezogener Augenbraue.

Dorothys Mutter Sophia nimmt dagegen den Part einer kleinen dämonischen Figur ein: In Folge eines Schlaganfalls äußert sie sich stets unverblümt, ja fast blasphemisch zum jeweiligen Thema, wobei sie ihre wenig schmeichelhaften Ansichten nicht selten mit einem diabolischen Grinsen unterlegt. Die mit beiden Händen fest umklammerte Handtasche dient dabei als Requisit einer vermeintlichen Harmlosigkeit. Doch auch wenn die aus Sizilien eingewanderte Sophia die Befindlichkeiten ihrer Mitbewohnerinnen äußerst strapaziert, kommt sie damit immer durch.

Die aus den Südstaaten stammende Blanche wiederum gibt sich als selbstbewusste Sünderin, die ihren Körper zum Tempel der Lust stilisiert – selbst beiläufige Bemerkungen über männliche Attribute bringen ihr Blut in Wallung. Dabei bewegt sie sich stets geschmeidig, fast katzenhaft, mit wiegenden Hüften und einer Hand am Dekolleté. Blanche steht schon von Beginn der Serie an für eine feminine Sexpositivität, lange bevor der Begriff überhaupt populär wird. Dass sie ihr Alter leugnet, mindert die Wirkung nicht – und im Verlauf der Serie lernt sie, immer würdevoller mit dieser Frage umzugehen.


Gleich gibt's Cheesecake: Die "Golden Girls" in der Küche (Bild: NBC)

Rose hingegen ist die ewige Novizin: die Hände meist im Schoß, mit staunendem Blick, weit aufgerissenen Augen und vorgebeugtem Oberkörper. Sie nimmt jedes Wort für bare Münze, und trotz ihrer Redseligkeit über ihren Herkunftsort St. Olaf wird Rose für ihre Naivität und Güte hoch geschätzt.

Eine schwule Hauptfigur wurde wieder gestrichen

Die Figuren sind so präzise ausgearbeitet, dass sich ihre Wesenszüge in den meisten Dialogen schon nach wenigen Momenten offenbaren. Nur allzu deutlich wird das etwa in einer Cheesecake-Szene, in der Dorothy, Rose und Blanche über ihre allererste sexuelle Erfahrung sprechen. Dorothy berichtet, dass mit ihrem Liebhaber Stan bereits nach drei Sekunden alles vorbei war – ihre darauf folgende Schwangerschaft sei der einzige Beweis dafür gewesen, dass überhaupt etwas passierte. Rose hingegen bekennt, dass sie der Anblick des Geschlechtsteils ihres Gatten in der Hochzeitsnacht sehr überraschte – kannte sie doch bis dahin nur den entsprechenden Anblick von Hengsten und Bullen auf ihrer heimatlichen Farm. Blanche wiederum weiß nicht mehr genau, ob ihr erster Mann nun Billy, Bobby oder Ben war.

Diese Art von Humor über 180 Episoden hinweg in sieben Staffeln lebendig zu halten, ist nicht nur das Verdienst der Schauspielerinnen, sondern auch von Susan Harris, die die Sitcom entwickelt und durch ihre Drehbücher bis zur letzten Staffel geprägt hat. Bereits in der Serie "Soap" hatte Harris mit der von Billy Crystal verkörperten Figur des Jodie Dallas einen der ersten schwulen Charaktere im amerikanischen Fernsehen etabliert. Auch für die "Golden Girls" war ursprünglich eine ausdrücklich queere Hauptfigur vorgesehen: In der am 14. September 1985 im US-Sender NBC ausgestrahlten Pilotfolge gehörte Coco, der schwule Koch und Butler, als fünfter Mitbewohner zum Ensemble. Die Figur wurde jedoch unmittelbar danach aus dem Drehbuch gestrichen – einerseits, weil ein Hausangestellter nicht zum Grundton der progressiven, selbstbestimmten Wohngemeinschaft passt, andererseits, um Sophia stärker in den Vordergrund zu rücken.


Die Figur des schwulen Coco (Charles Levin) wurde bereits nach der ersten Folge wieder aus dem Drehbuch gestrichen (Bild: NBC)

Dorothy als Hauptidentifikationsfigur für Schwule

Zudem zeigte sich schnell, dass jene spitzen Bemerkungen, die ursprünglich für Coco vorgesehen waren, bei Dorothy ohnehin eine viel stärkere Wirkung entfalteten. Der schwule Drehbuchautor Marc Cherry, der erst später zum Team stieß, erklärte einmal bei einer Podiumsdiskussion: "Jeder gute Witz, den man Beatrice Arthur in den Mund legte, wirkte irgendwie schwul." Und so verwundert es kaum, dass Dorothy mit ihrem trockenen Humor zu einer Hauptidentifikationsfigur für schwule Männer mutierte – eine Rolle, die Beatrice Arthur sehr genoss, wobei sie sich eigenen Bekundungen zufolge sehr an den jüdischen Humor ihrer Heimatstadt New York erinnert fühlte. Ihre Figur kontrastiert effektvoll mit der temperamentvollen Blanche, deren hingebungsvolle Begeisterung für Männer ein ergänzendes Angebot zur schwulen Identifikation eröffnet. Letztlich wurden jedoch alle vier Protagonistinnen zu queeren Archetypen einer Wahlfamilie – jenseits heteronormativer Rollenbilder.

Der Erfolg der "Golden Girls" in der queeren Community beruht jedoch nicht nur auf der einzigartigen Figurenkonstellation, sondern auch auf Themen, die zum Zeitpunkt der damaligen Ausstrahlung als Tabu galten. Dazu zählen nicht nur Armut, Einsamkeit und Sex im Alter – sondern auch lesbische Sichtbarkeit, schwules Coming-out und die gleichgeschlechtliche Ehe. Dabei wird die Handlung von Nebenfiguren wie Dorothys lesbischer Freundin Jean oder Blanches schwulem Bruder Clayton angetrieben.

Es wäre nun ein Leichtes, so manche Dialoge mit den Maßstäben heutiger Sensibilitäten zu zerpflücken – spiegelte der Humor doch aller Progressivität zum Trotz gewisse Engstirnigkeiten, und Vorbehalte der 1980er Jahre in Bezug auf Körper und Identität wider. Doch damit würde man die Serie aus ihrem gesellschaftlichen und historischen Kontext reißen.

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Ein zeitloser queerer Klassiker

Letztlich mündete bei den "Golden Girls" alles, was von einem Teil der heutigen Generation leichtfertig als "Boomer-Humor" ausgelegt wird, in Akzeptanz, Vergebung und Nächstenliebe. Insofern sind Vergleiche der Käsekuchenrituale mit christlichen Praktiken beileibe nicht nur augenzwinkernd gemeint – wobei die Serie zu ihrer Zeit den kirchlichen Gemeinschaften in mancher Hinsicht weit voraus war. Die Soziologin Isabella Caldart etwa betont in ihrem Essay "Stigmata" die Bedeutung einer Episode aus dem Jahr 1990, in der die Serie ein unüberhörbares Zeichen gegen die Stigmatisierung von HIV-Betroffenen setzt – und das Jahre, bevor Hollywood mit "Philadelphia" nachzieht.

Längst gelten die "Golden Girls" in der queeren Community als ein zeitloser Klassiker, der auch nachfolgende Generationen begeistert. Dass ihre Resonanz bis heute anhält, zeigt sich nicht zuletzt in den üppig ausgestatteten "Golden Gmilfs"-Playback-Shows im Berliner BKA-Theater. Hier treten Dragqueens wie Jurassica Parka als Dorothy oder Margot Schlönzke als Rose in schauspielerisch überzeugender Überzeichnung wieder auf die Bühne – als Ritual, das Nostalgie, ironische Brechung und zeitgenössische Aneignung zugleich ist. So werden die "Golden Girls" nicht nur gefeiert, sondern immer wieder neu verhandelt – als Teil einer queeren Erinnerungskultur, die weit über die 1980er Jahre fortwirkt.


"The Golden Gmilfs" im Berliner BKA-Theater: Jurassica Parka als Dorothy, Margot Schlönzke als Rose, Ryan Stecken als Sophia und Tom Bola als Blanche (Bild: Jörn Hartmann)

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