https://queer.de/?55057
Kinostart
Sterben und neu geboren werden
Der argentinische Spielfilm "Kill the Jockey" verhandelt komplexe Themen wie Macho-Sport, queere Identität, familiäre und gesellschaftliche Erwartungen – und stellt die Transition der Hauptfigur als selbstverständliche Entwicklung dar.

Nach ihrer Transition entdeckt Dolores eine neue Nähe zu sich selbst (Bild: Rei Pictures)
- Von
14. September 2025, 06:13h 4 Min.
"Sterben und neu geboren werden" – so lapidar antwortet Abril auf die verzweifelte Frage ihres Lebensgefährten Remo, was er tun müsse, damit sie ihn wieder lieben könne. Dieser Satz wird zum programmatischen Leitmotiv von "Kill the Jockey", einem argentinischen Film, der bei den Filmfestspielen von Venedig 2024 Premiere feierte. Dort war er nicht nur für den Hauptpreis im Wettbewerb nominiert, sondern auch für den Queer Lion. Hier soll es um Transformation, Identität und Ambiguität gehen – zentrale Themen der queeren Filmästhetik. Doch der Film schafft es nur teilweise, diese Versprechen einzulösen.
Luis Ortega erzählt hier die Geschichte von Remo (Nahuel Pérez Biscayart), einem einst brillanten Jockey in Buenos Aires, der dem Glanz der Pferderennbahn längst entsagt hat. Seine Drogensucht und ein folgenschwerer Unfall bringen ihn ins Abseits. Als er bei einem Rennen stürzt und ein wertvolles Pferd dabei verendet, wird Remo ins Krankenhaus gebracht – doch er entkommt und verschwindet in den Labyrinthen der argentinischen Hauptstadt. Sirena (Daniel Giménez Cacho), ein mächtiger Gangsterboss, für den Remo und seine Partnerin Abril arbeiten, setzt ein Kopfgeld auf ihn aus. Abril (Úrsula Corberó), selbst schwanger und zwischen ihrer Karriere und der Verantwortung für Remo hin- und hergerissen, macht sich auf die Suche.
Skurrile Erzählung von Verwandlung

Poster zum: "Kill the Jockey" startet am 18. September 2025 bundesweit im Kino
Was folgt, ist eine skurrile, manchmal beinahe surreale Erzählung von Verwandlung: Remo wird zu Dolores. Die Transition wird im Film nicht als dramatisches Spektakel inszeniert, sondern als eine selbstverständliche Entwicklung, in der die Gesellschaft der Hauptfigur mit Respekt und Wohlwollen begegnet – eine seltene, erfreuliche Darstellung von trans Identität im Kino.
Doch so vielversprechend dieser Subtext auch ist, "Kill the Jockey" selbst bleibt an der Oberfläche der Charaktere hängen: Die Figuren wirken trotz des spannenden Grundstoffs wenig greifbar, fast wie Puppen in einem skurrilen Marionettentheater, das mehr Stil als Substanz bietet. Der Film scheint sich in einer Art stilistischer Lähmung zu befinden – seine Inszenierung erinnert an das stockende Tempo und die merkwürdig lakonische Bildsprache eines Wes Anderson, nur ohne dessen charmante Leichtigkeit. Die Dialoge wirken hölzern, die Szenen ziehen sich, und der Film schafft es kaum, das Tempo eines Galopprennens zu erreichen, das so zentral für die Handlung ist.
Inhaltlich ist "Kill the Jockey" schwer zu fassen: Er erzählt nicht stringent, lässt viele Fragen offen und erklärt sich nur spärlich, was beim Fokus auf Obsessionen, Geschlechterbilder und Machtstrukturen besonders schade ist. Die Mafia fungiert als Symbol hypermaskuliner Gewalt, Abril ist eine Frau, die selbst lesbisch ist und doch in einer unglücklichen heterosexuellen Beziehung steckt, und Dolores entdeckt erstmals als trans Frau eine neue Nähe zu sich selbst. Diese komplexen Themen – Macho-Sport, queere Identität, familiäre und gesellschaftliche Erwartungen – hätten großes Potential gehabt, um mit Genderklischees zu spielen und die Grenzen zwischen Mann und Frau, Schwäche und Stärke, Liebe und Gewalt auszuloten. Doch der Film nutzt diese Ansatzpunkte nur punktuell und verstrickt sich immer wieder in eine formale Steifheit, die den emotionalen Zugang erschwert.
|
Ein Film auf der Suche
Auch der Soundtrack, der durch seine bunte Mischung aus Genres einen Kontrapunkt setzen will, und die sorgfältig komponierte Bildsprache können das schlingernde Narrativ nicht ausbalancieren. Der sporadisch eingesetzte magische Realismus wirkt eher wie ein nettes Beiwerk, denn wie ein integraler Bestandteil einer kohärenten filmischen Welt. Am Ende steht der Eindruck eines Films, der auf der Suche ist: nach künstlerischer Freiheit, nach einer neuen Form, nach einem Ausdruck für komplexe queere Lebensrealitäten und innerliche Verwandlung. Doch das eigene Experiment scheint den Film zu überfordern – wie eine Überdosis Ketamin.
Ambitioniert, reizvoll und doch oft emotional distanziert: so bleibt "Kill the Jockey" ein filmisches Erlebnis, das fordert, ohne immer zu belohnen. Die Ambiguität, die den Film prägen soll, gerät zum Hemmschuh, und das Publikum bleibt verwirrt und unschlüssig zurück. Es ist ein Film, der dazu einlädt, das Bedürfnis nach klaren Antworten aufzugeben – und das hat er mit seiner Hauptfigur gemeinsam.
Kill The Jockey. Dramödie. Argentinien, Mexiko, Spanien, Dänemark, USA 2024. Regie: Luis Ortega. Cast: Nahuel Pérez Biscayart, Úrsula Corberó, Mariana di Girolamo, Daniel Giménez Cacho. Laufzeit: 96 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung, FSK 12. Verleih: MFA Film. Kinostart: 18. September 2025
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
04:35h, 3sat:
Rockpalast Crossroads
Folge 3: Mina Richman – Ihr Solidaritätssong "Baba Said" geht während der Kopftuchrevolution im Iran schlagartig viral und macht die queere Deutsch-Iranerin über Nacht auf dem ganzen Globus bekannt.
Doku, D 2024- mehr TV-Tipps »















