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Buchtipp

Filzläuse, Grindr-Dates – und die gewaltige Sehnsucht

Ozan Zakariya Keskinkılıçs Roman "Hundesohn" erweitert die postmigrantische Literatur um eine queere Perspektive: Zeko wird bald den Nachbarsjungen seiner Kindheit in der Türkei wiedersehen. Das macht ihn nervös – und er lenkt sich mit Männern ab.


Ozan Zakariya Keskinkılıç veröffentlichte 2022 sein Lyrikdebüt "Prinzenbad", ein Jahr später das Sachbuch "Muslimaniac. Die Karriere eines Feindbildes". "Hundesohn" ist sein erster Roman (Bild: Max Zerrahn / Suhrkamp Verlag)

Esel, Hund, Hundesohn: So steigern sich die Beleidigungen, je wütender Zakariyas Großvater, Dede, wird. Und Hassan machte Dede offenbar richtig wütend. Denn den Nachbarsjungen aus der Türkei, wo Zakariya seine Sommerferien mit den Eltern verbrachte, nannte er immer nur Hundesohn.

Diesen titelgebenden Hundesohn wird Zakariya, kurz Zeko, in neun Tagen wiedersehen. Der Student, Mitte 20, lebt in Berlin, bald wird er wieder nach Adana im Süden der Türkei reisen. Das macht ihn nervös, aber es macht ihn auch glücklich.

Zeko zählte Muttermale auf Hassans Rücken


Der Roman "Hundesohn" ist am 15. September 2025 im Suhrkamp Verlag erschienen

Hassan ist ein besonderer Mensch für ihn. Jeden anderen Mann, den er datet, vergleicht er mit ihm: Einer hat seinen Blick, seine Augen, spricht wie er. Ein anderer hat weniger Muttermale auf dem Rücken als Hassan.

"Hundesohn" (Amazon-Affiliate-Link ) ist der erste Roman von Ozan Zakariya Keskinkılıç, der zuvor einen Lyrikband sowie ein Sachbuch über antimuslimischen Rassismus veröffentlichte. Beide Spuren finden sich auch im Roman: Seine Sprache ist oft poetisch und blumig, vor allem, wenn sie Hassan beschreibt, dessen Haut etwa als "reif wie eine Haselnuss, ein warmer mittlerer Ton, der im Sonnenlicht golden schimmert".

Fragen nach Zugehörigkeit beschäftigen Zeko

Manche Kapitel des Buches wirken durch ihre starken Pointen zudem wie eigenständige, losgelöste Kurzgeschichten von großer literarischer Qualität. An anderen Stellen jedoch werden ständige Wiederholungen, eine stilistische Eigenheit des Autors, anstrengend. Der Countdown-Kehrvers, in wie vielen Tagen Zakariya Hassan wiedersehen wird, gibt noch Struktur vor. Doch fünf Mal "ein Steinbock und ein Zwilling, das ist ein Problem" auf dreieinhalb Seiten – das ist zunehmend ermüdend.

Die politische Dimension stellt ein Grundrauschen in "Hundesohn" dar. Fragen nach Zugehörigkeit und Identität sowie Diskriminierungserfahrungen und Sprach(-losigkeit) beschäftigen Zakariyas Reflexionen: "An keinem Ort dieser Welt bleiben mir die Fragen erspart", schreibt er – die Fragen, wohin er gehört, wessen Sprache er spricht, wieso er einen Akzent hat, kurz: wer er ist. Es sind wichtige und relevante Punkte, die stellenweise aber eher abgearbeitet wirken, vor allem in den Gesprächen mit seiner Uni-Freundin Pari.

Dating-Profile zu beschreiben ist so öde

Der Roman erweitert die postmigrantische Literatur um eine dezidiert queere Perspektive. Zeko, trifft Typen auf Kaffee- und Sexdates oder fängt sich Filzläuse ein. Es sind die schwachen Teile des Romans.

Die Beschreibung von absurden bis arroganten Dating-Profilen, das Hin und Her auf Grindr, bis man doch geghostet wird, mal mehr und mal weniger belangloser schneller Sex: All das ist zwar gut, anschaulich und oft unterhaltsam geschrieben. Aber es hat sich literarisch so wahnsinnig schnell abgenutzt, es ist gefällig und in seiner Gesamtheit schlicht belanglos. Es ist aus Büchern, Serien, Filmen – und dem eigenen Leben – so hinlänglich bekannt, dass es nur anödet.

Direktlink | Ozan Zakariya Keskinkılıç lliest aus "Hundesohn"
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Ein lebhaftes Porträt von Sehnsucht

Zum Glück überwiegen aber die starken Momente: Die Erinnerungen an Hassan durchzieht eine tieftraurige Melancholie, die Ozan Zakariya Keskinkılıç nachfühlbar beschreibt. Intime Szenen schildert er direkt, ohne manche Wörter künstlich zu vermeiden, aber nie um der Schwänze oder des Rimmings willen, sondern stets mit erzählerischem Anspruch.

Auch die Gedanken rund um seine Familie, ihre Herkunft und Geschichten sind erhellend. Etwa von Dede, dem Friseur, der "alten Männern die Sorgen aus dem Bart schnitt". Und schließlich spielt auch der Islam, das Gebet, die Moscheebesuche eine wichtige Rolle für den Ich-Erzähler, der sonst ein typischer urbaner Vertreter einer Generation zwischen Gen Z und Millennial ist.

"Hundesohn" ist ein lebhaftes Porträt von Sehnsucht – nach einem Mann genau wie nach Antworten auf die vielen Fragen, die Zeko sich selbst sowie die Gesellschaft ihm stellt. Das macht den Roman trotz Schwächen zu einer gewinnbringenden Lektüre. Denn vielleicht steckt die Antwort schon in der Suche selbst.

Infos zum Buch

Ozan Zakariya Keskinkılıç: Hundesohn. Roman. 219 Seiten. Suhrkamp Verlag. Berlin 2025. Gebundene Ausgabe: 24 € (ISBN 978-3-518-43254-9). E-Book: 19,99 €

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