https://queer.de/?55077
Gehsteigbelästigung
Transfeindliche Demo vor der Uniklinik Münster
Erstmals haben transfeindliche Akteur*innen am Montag in Münster vor einem Krankenhaus demonstriert, das geschlechtsangleichende Behandlungen vornimmt. Der Gegenprotest war deutlich größer.

Gegen die transfeindliche Kundgebung wurde auf der anderen Straßenseite lautstark protestiert (Bild: ls)
- 16. September 2025, 06:12h 4 Min.
Am Montag versammelten sich rund 25 transfeindliche Akteur*innen vor dem Uniklinikum Münster. Die Organisation "Frauenheldinnen" und andere wollten damit gegen eine – Zitat – "Transmedizin" demonstrieren. Unbeantwortet blieb die Aktion nicht: Über 100 Menschen protestierten vor Ort lautstark gegen Transfeindlichkeit.
Proteste vor Kliniken – eine antifeministische Tradition
Seit Jahren ist es eine bekannte Aktionsform radikaler Abtreibungsgegner*innen: Sie stehen vor Kliniken, Praxen oder Beratungsstellen, um auf das angebliche "Unrecht" aufmerksam zu machen, das an diesen Orten passieren würde. Mit Plakaten und anderen Kundgebungsmaterialien sollen zudem (potenzielle) Patient*innen dazu angehalten werden, ihre Entscheidung zu überdenken.
In Münster haben nun ausgerechnet selbsternannte Feminist*innen dieses Vorgehen für ihren transfeindlichen Feldzug adaptiert. Gemeinsam haben beide Gruppen, dass ihre Kundgebungen sich gegen körperliche Selbstbestimmung richten: das Recht auf reproduktive Selbstbestimmung einerseits und das Recht auf geschlechtliche Selbstbestimmung andererseits.
"Kein Kind steckt im falschen Körper"
Zur Kundgebung in Münster hatte der Verein "Frauenheldinnen" aufgerufen, der in der Vergangenheit bereits durch transfeindliche Mobilisierungen aufgefallen war. Laut Veranstalter*innen sei die Wahl auf die Universität Münster gefallen, da das Uniklinikum "exemplarisch für Einrichtungen" stünde, die "geschlechtsangleichende Behandlungen" bei Jugendlichen anbieten.
Auf Sharepics, mit denen zur Kundgebung vor der Kinder- und Jugendpsychiatrie mobilisiert wurde, war der Oberkörper einer Person nach einer Mastektomie zu sehen. Darauf in Großbuchstaben: "Transmedizin ist ein Verbrechen! Keine Verstümmelung von gesunden Kindern! Weder in Münster noch anderswo!".
Einige der am Montag in Münster Anwesenden trugen weiße Klinikittel. Um medizinisches Personal handelte es sich bei den Kundgebungs-Teilnehmer*innen jedoch nicht. Auf ihren Schildern hieß es: "Bundeskanzler Friedrich Merz, halten Sie Ihr Wahlversprechen. Kippen Sie das Selbstbestimmungsgesetz" oder "Bei der Geburt zugewiesenes Geschlecht? Kein Kind steckt im falschen Körper."
Die Redner*innen – neue Schulterschlüsse
Als Rednerin trat neben Stefanie Bode (die erst kürzlich der queerfeindlichen "Demo für alle" ein Interview gegeben hatte), David Allison ("Trans Teens Sorge Berechtigt"), Eva Engelken ("Frauenheldinnen") und anderen auch Birgit Kelle auf. Kelle ist auch für das rechte Hetz-Portal "Nius" aktiv und trat im April 2024 beim "Marsch für das Leben" radikaler Abtreibungsgegner*innen in München mit einer Rede auf.
In Deutschland hatte es bereits vor der Aktion am Montag schon Schulterschlüsse zwischen selbsternannten "Lebensschützer*innen" und n Feminist*innen gegeben – wenn es gegen die Rechte von trans Personen geht: Im September 2024 zum Beispiel waren bei der Kundgebung von "Lasst Frauen sprechen" gegen das Inkrafttreten des Selbstbestimmungsgesetzes vor dem Berliner Reichstag auch Vertreter*innen der queerfeindlichen "Demo für alle" sowie Akteur*innen anwesend, die bereits den antifeministischen "Marsch für das Leben" unterstützt hatten.
Gehsteigbelästigung vor Praxen und Kliniken
Dass auch in Deutschland transfeindliche Akteur*innen vor Praxen und Kliniken protestieren, war nur eine Frage der Zeit. In anderen Ländern gibt es schon länger transfeindliche Proteste vor Gesundheits-Einrichtungen für queere Menschen, am prominentesten ist der Kanadier "Billboard Chris", der sich Plakate mit transfeindlichen Inhalten um den Körper schnallt und unter anderem vor Kliniken demonstriert.
"Billboard Chris" wurde zuletzt in einem Rechtsstreit gegen eine australische Behörde von der "Alliance Defending Freedom" (ADF) unterstützt. Die internationale christlich-konservative Organisation hatte in der Vergangenheit auch selbsternannte "Lebensschützer*innen" bei Verfahren gegen das Verbot der "Gehsteigbelästigung" vor Praxen und Kliniken unterstützt.
Weiterer Protest am Mittwoch in Berlin
Seit der Ergänzung des Schwangerschaftskonfliktgesetzes durch den "Gehsteigbelästigungs-Paragrafen" ist es Abtreibungsgegner*innen in Deutschland nicht mehr erlaubt, im Umkreis von 100 Metern Kliniken, Praxen oder Beratungsstellen zu belagern, die Schwangerschaftsabbrüche oder Konfliktberatungen anbieten. Das Verbot gilt aber nicht für Kliniken und Praxen, die andere Formen der notwendigen Gesundheitsfürsorge anbieten – und damit auch nicht für Einrichtungen, die Behandlung oder Beratung für trans Personen anbieten.
Ob die Aktionsform der "Klinikproteste" in Deutschland gegen die Gesundheitsversorgung für trans Personen zukünftige auf einen fruchtbaren Boden fällt, ist noch nicht absehbar. Eine zweite Aktion der "Frauenheldinnen" soll es jedoch bereits am Mittwoch in Berlin geben. Auch hier wird dazu aufgerufen, gegen "Transmedizin" zu protestieren. (ls)















