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Betroffenheit und Redlichkeit
Zur ausbleibenden Emanzipation von Frauen, Juden und Schwulen
Vor 50 Jahren – Mitte 1975 – erschien das vortreffliche Buch "Außenseiter" von Hans Mayer, das uns auch heute noch viel zu sagen hat. Zu Autor und Werk gibt es in Köln nun eine Tagung.

Hans Mayer (1907-2001) im Jahr 1991 (Bild: IMAGO / Rolf Zöllner)
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17. September 2025, 03:52h 5 Min.
Das Spannende an Hans Mayers Buch "Außenseiter" fängt schon bei den drei gesellschaftlichen Gruppen an, die er hier miteinander vergleicht, denn Mayer schaut über den schwulen Tellerrand hinaus und vergleicht die gesellschaftliche Situation und die Geschichte der Schwulen mit der von Frauen und Juden. Während sich die Parallelen von Schwulen und Juden als ewige Sündenböcke der Nation leicht ziehen lassen, kann man sich bis heute vortrefflich darüber streiten, ob auch Frauen gut in diesen Kontext passen. Zumindest standen sie in den 1970er Jahren bei politischen Entscheidungen eher am Rand; durften eher zugucken als mitgestalten.
Die Tagung
Wer das Buch "Die Außenseiter" kennt oder kennenlernen möchte, ist eingeladen an diesem Wochenende über sein Werk zu diskutieren. Am 19. und 20. September gibt es im Kölner El-De-Haus eine Tagung zu diesem Buch. Das vollständige Programm findet ihr auf der Seite der Rosa-Luxemburg-Stiftung und auf der Seite vom Centrum Schwule Geschichte. Besonders hinweisen kann man auf folgende Veranstaltung: Am Samstag, dem 20. September, von 11:20-12:00 Uhr spricht Andreas Kraß zu dem Thema: "Queere Außenseiter: Zur Rezeption Hans Mayers in den literaturwissenschaftlichen Gay Studies (1975-95)".

Die Tagung im Kölner El-De-Haus
Das Buch "Der Außenseiter"
Mayer behandelt die Homosexualität im Mittelteil unter der Überschrift "Sodom" – einer fast zeitlos anmutenden Umschreibung von Homosexualität. Dass schwule Geschichte seiner Meinung nach auch eine Chronik der Morde und Skandale ist, könnte man noch brutaler formulieren: Schwule Geschichte wurde mit Blut geschrieben. Mayer geht u.a. auf die italienische Insel Capri ein und scheint alle ihre Geschichten und Skandale zu kennen. Für Schwule war die Insel der Traum von Sansibar, der Ort für Flucht, Asyl, Vertreibung. Hier begegnen wir Johann Joachim Winkelmann, Oscar Wilde und Friedrich Alfred Krupp. Sehnsüchte bleiben, auch wenn sich die Orte verändern. Man kann Mayer gut folgen, wenn er darauf hinweist, dass André Gide in Tunesien und E. M. Forster in Indien in vergleichbarer Weise ihr Glück suchten.
Mayers Herumspringen zwischen den Epochen ist nie verwirrend, sondern durch seine Vergleiche sehr anregend. Gerade noch bei der Harden-Eulenburg-Affäre von 1907, scheucht er den Leser weiter zu König Edward II. und wieder zurück auf deutschen Boden zu Goethe. Ausführlich geht Mayer auf den unsäglichen Streit zwischen dem jüdischen homophoben Heinrich Heine und dem schwulen antisemitischen August Graf von Platen ein. In einigen Jahren jährt sich die Platen-Affäre zum 200. Male. Mayers Buch wird mir bei einem geplanten Artikel zu dieser Affäre eine gute Hilfestellung sein. Sein Buch hat mir bereits vor kurzem geholfen, als ich hier auf queer.de zum 100 Geburtstag von Andre Gides "Falschmünzer" einige Zeilen auch über Mayers Einstellung zu Gide schrieb.
Schwule Literatur
Mayer ist nicht der erste, aber einer der Besten, wenn es darum geht, bei Autoren wie Gide die Homosexualität aus ihren Werken abzuleiten. Ein anderes Beispiel ist der dänische Märchenerzähler Hans Christian Andersen. Er beschrieb "nicht Unglück und Glück (…), sondern das unheilbare Außenseitertum der Seejungfrau" – und des Zinnsoldaten und des Schwans. Mayers Geschichten von Hans Christian Andersen, Ludwig II. oder Tschaikowski sind nicht unbedingt neu, aber durch die Fäden, mit denen Mayer die Geschichten miteinander verwebt, spannend neu erzählte Geschichten, wobei ich mir allerdings bei den vielen französischen Zitaten von Paul Verlaine und Arthur Rimbaud Übersetzungen von ihm gewünscht hätte. Im Rahmen der Typologie einer homosexuellen Literatur kommt Mayer auch auf Wildes "Das Bildnis des Dorian Gray" zu sprechen und ist ehrlich genug, um darauf hinzuweisen, dass der Skandal um diesen Roman (im Gegensatz zu dem späteren Skandal um Wilde) gar nichts mit Homosexualität, sondern mit Ästhetik und Drogen zu tun hatte. Natürlich verweist Mayer mit viel Raffinesse auch auf den beachtlichen homoerotischen Subtext dieses Romans.
Porno und Adorno
Etwas überraschend folgt den Kapiteln über die Hochkultur ein Kapitel zur Pornografie bzw. über die Literatur, die früher viel zu schnell als Pornographie diskreditiert wurde und wie sich Susan Sonntag, Th. W. Adorno und andere kluge Köpfe dazu positionierten. Man merkt auch hier: Mayer denkt "out of the Box" und das tut dem Thema gut.
"Materialien"
Besonders empfehle ich den Ergänzungsband "Materialien zu Hans Mayers Außenseiter" (1978), der Texte und Gespräche von Mayer zusammenfasst, die im Hauptwerk aus unterschiedlichen Gründen keinen Platz fanden. In diesem Band schreibt Jean Améry vollkommen zu Recht: Mayer "spaziert intellektuell gleichsam nonchalant durch Jahrhunderte und Räume. Er kann über Norman Mailer ebenso Gescheites sagen wie über Tschaikowky". Für Améry sind Frauen jedoch keine "Außenseiter", sondern eine "unterdrückte Klasse", womit er Mayer dezent widerspricht.
Mayer hat – bezogen auf die 70er Jahre – meistens Recht, wenn er z.B. darauf verweist, wie schwule Mörder (wie Jürgen Bartsch) und lesbische Mörderinnen (wie Marion Ihns und Judy Andersen) vor dem Hintergrund ihrer sexuellen Orientierung wahrgenommen wurden. Heute hat sich jedoch vieles verändert. Wünschenswert wäre eine ähnlich kluge Analyse wie "Die Außenseiter" für die heutige Zeit. Benno Gammerl kommt mit seinem Buch "Queer. Eine deutsche Geschichte vom Kaiserreich bis heute" (2023) sehr nah dran.

Ein großes Buch und sein kleiner Bruder
Die Presse und ein Resümee
Bezogen auf Mayer kenne ich nur positive Rezensionen – und das über Jahrzehnte hinweg: Hans Grösel schrieb in der "Süddeutschen Zeitung": "Diese Redlichkeit, verbunden mit seiner persönlichen Betroffenheit, (…) macht das Werk zu einem gewichtigen Plädoyer". "Der Spiegel" (27. Juli 1975) schrieb: "Was er wirklich kann, als Schriftsteller von analytischem Scharfsinn und kosmopolitischer Urbanität, zeigt Hans Mayer in den Abschnitten über die Homosexuellen und die Juden". Für den Deutschlandfunk ist das Buch eine "Kreuzgescheite Reise zu den Außenseitern" und "brillant" geschrieben (19. März 2007).
Dem einhelligen Lob der Medien über Mayers Buch "Der Außenseiter" kann ich mich anschließen. Mayer kennt nicht nur die Zahlen, Daten und Fakten schwuler Geschichte, sondern hat auch die damit zusammenhängenden gesellschaftlichen Entwicklungen verstanden. Sein Blickpunkt macht Mut, zeigt Alternativen und eröffnet Perspektiven. Ich freue mich auf die Tagung in Köln.
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