https://queer.de/?55110
"Vielfaltsbarometer"
Studie: Die Akzeptanz von gesellschaftlicher Vielfalt in Deutschland sinkt
Im Vergleich zu sechs Jahren hat unter anderem die Akzeptanz von trans Personen deutlich abgenommen, ergab eine Befragung der Robert Bosch Stiftung. Auch an gleichgeschlechtlichen Küssen oder Regenbogenfamilien stören sich mehr Menschen.

Eintritt für Vielfalt beim Winterpride 2025 in Düsseldorf (Bild: nb)
- 18. September 2025, 19:02h 3 Min.
Die Zustimmung zur gesellschaftlichen Vielfalt in Deutschland nimmt spürbar ab. Das zeigt die aktuelle Ausgabe des Vielfaltsbarometers 2025 der Robert Bosch Stiftung, eine repräsentative Befragung zum gesellschaftlichen Zusammenleben in Deutschland, die zuletzt 2019 durchgeführt wurde (queer.de berichtete).
Während 2019 noch 63 Prozent der Befragten zunehmende Vielfalt eher oder sehr stark als Bereicherung erachteten, waren es 2025 noch 45 Prozent. Im gleichen Zeitraum stieg der Anteil derjenigen, die Vielfalt als Bedrohung wahrnehmen, um 17 Prozent. Der Vielfaltsgesamtindex fällt von 68 Punkten im Jahr 2019 auf aktuell 63 Punkte (Skala 0-100). Zwar liegt dieser Wert weiterhin über dem Mittelwert, der Rückgang ist jedoch ein deutliches Signal für wachsende gesellschaftliche Spannungen.

Ausschnitt aus dem Barometer-Bericht (Infografik: Robert Bosch Stiftung)
Konkret abgefragt wurden sieben Themenfelder: Lebensalter, Behinderung, Geschlecht, sexuelle Orientierung (was hier geschlechtliche Identität umfasst), "sozioökonomische Schwäche", ethnische Herkunft und Religion. Die aktuellen Ergebnisse zeigen: In vier dieser Bereiche ist die Akzeptanz seit 2019 rückläufig, zum Teil sogar deutlich gesunken.
Besonders stabil bleibt die Zustimmung beim Aspekt Behinderung, der weiterhin die höchsten Werte erzielt (82 Punkte). Es zeigt sich, dass Menschen mit Behinderung im Vergleich zu anderen Vielfaltsgruppen häufig mehr Empathie entgegengebracht wird. Auch die Einstellung gegenüber dem Lebensalter bleibt weitgehend konstant (71 Punkte). Beim Thema Geschlecht ist sogar ein positiver Trend zu verzeichnen – hier steigt die Akzeptanz um fünf Punkte auf 74 Skalenpunkte.
Mehr Zustimmung zur Ausgrenzung von trans Personen
Im Gegensatz dazu verliert die Dimension sexuelle Orientierung rund acht Punkte (auf 69 Punkte) und verzeichnet damit einen spürbaren Rückgang – vor allem bei geschlechtlicher Identität. "Stimmt völlig" sagen demnach 23 Prozent zur Aussage "Das Geschlecht zu ändern ist wider die Natur", stimmt gar nicht 34 Prozent – 2019 lagen die Angaben bei 15 bzw. 54 Prozent. Auch bei "Transsexuelle Menschen sollten unter sich bleiben" sank die komplette Ablehnung der Absage von 74 auf 56 Prozent, während "stimmt völlig" von 7 auf 13 Prozent wuchs.

Mit diesen vier Fragen wurde die Einstellung gegenüber queeren Menschen abgefragt (Infografik: Robert Bosch Stiftung)
Aber auch die Zustimmungen zur Aussage, es sei ekelhaft, wenn sich Homosexuelle küssten, oder zur Aussage, dass Homosexuelle und eigene Kinder nicht zusammen passten, nahmen in dem Zeitraum zu. So stören sich an Küssen zwölf statt zehn Prozent und an Regenbogenfamilien 16 statt 14.

Die Ergebnisse der gleichen Fragen im Jahr 2019 (Infografik: Robert Bosch Stiftung)
Noch kritischer wird die ethnische Herkunft bewertet: Im Bundesschnitt sinkt die Zustimmung um bis zu 17 Punkte – der stärkste Rückgang aller untersuchten Dimensionen. Auch die Akzeptanz gegenüber Religion ist stark rückläufig. Mit einem Bundesdurchschnitt von lediglich 34 Punkten zeigt sich eine weit verbreitete Ablehnung, die insbesondere Muslim*innen betrifft. Religiöse Christ*innen und Jüd*innen erfahren hingegen deutlich weniger Zurückweisung. Im Vergleich zu allen anderen Dimensionen fallen die Akzeptanzwerte so niedrig wie nirgendwo anders aus.
Das Ost-West-Gefälle löst sich auf

Der gesamte Bericht ist auf der Website der Stiftung verfügbar
Bürger*innen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen zeigen im Bundesvergleich die höchsten Akzeptanzwerte, gefolgt von dem Saarland und Hamburg. Das Mittelfeld umfasst Niedersachsen, Bremen, Berlin, Bayern, Rheinland-Pfalz, Hessen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Baden-Württemberg. Thüringen, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern bilden das Schlusslicht.
Auffällig ist: Das frühere West-Ost-Gefälle findet sich so nicht mehr, auch im Westen sinkt die Akzeptanz zunehmend. Insbesondere in den Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg haben sich die Werte im Vergleich zu 2019 verschlechtert. "Die Gräben zwischen Befürworter*innen und Gegner*innen von Vielfalt haben sich seit 2019 vertieft. Einige politische und mediale Akteure nutzen Unsicherheiten gezielt, um Spaltung noch zu verstärken", kommentiert Dr. Ferdinand Mirbach, Senior Experte und Vielfaltsbeauftragter der Robert Bosch Stiftung, die Ergebnisse. (cw/pm)
Links zum Thema:
» Webseite der Studie mit weiteren Bildern und Möglichkeit zum PDF-Download
Mehr zum Thema:
» Queer.de-Bericht zur Studie 2019














