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Katholische Kirche
Queere Katholik*innen enttäuscht von Papst Leo XIV.
In seinem ersten Interview hatte der neue Papst größeren Reformansätzen in der Kirche eine Absage erteilt.

Leo XIV., hier bei einer Generalaudienz im Vatikan am 17. September, scheint Reformbestrebungen innerhalb der Kirche aussitzen zu wollen (Bild: IMAGO / SOPA Images)
- 19. September 2025, 12:09h 4 Min.
Das Katholische LSBT+ Komitee, eine Vereinigung mehrerer queerer Gruppen, hat sich "schockiert und enttäuscht" über bekannt gewordene Interviewaussagen von Papst Leo XIV. gezeigt und die kirchlichen Verantwortlichen in Deutschland dazu aufgefordert, "nicht einzuknicken, sondern den synodalen Reformweg weiter zu beschreiten und offensiv den Dialog mit Rom zu suchen".
Am Donnerstag waren Aussagen des neuen Papstes aus einem auf Spanisch veröffentlichten Interview-Band bekannt geworden. Demnach bekannte sich der US-Amerikaner zu einer Willkommensbereitschaft gegenüber queeren Menschen, für die sein Vorgänger gestanden habe, lehnte aber weitere Reformen in Bereich Sexualität und Ehe ab und kritisierte Teile der Kirche, die in der Frage der Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren über die Vorgaben des Vatikans herausgingen (queer.de berichtete).
"Papst Leo sendet ein fatales Signal, da er den von Papst Franziskus vorsichtig begonnenen Reformweg der katholischen Kirche offenbar nicht fortführen möchte", sagte Sera Renée Zentiks, Co-Sprecherin des Katholischen LSBT+ Komitees, in einer Pressemitteilung. "Das sogenannte Willkommenheißen von LSBTQ Personen wird ad absurdum geführt, wenn die queerfeindliche Lehre der katholischen Kirche ohne Aussicht auf Änderung fortbesteht und queeren Paaren ein Segen ihrer Partnerschaft in angemessenem Rahmen verwehrt wird." So fühlten sich queere Menschen nicht willkommen, sondern es werde "erneut Ausgrenzung und Diskriminierung reproduziert, was einer Jesus Christus nachfolgenden Glaubensgemeinschaft nicht würdig ist".
Richtigen Segen für alle gefordert
Das Komitee beklagt, dass der Papst gemäß den bekannt gewordenen Interviewpassagen kritisiere, dass die in einigen Ländern eingeführten kirchlichen Segensfeiern gegen das von Papst Franziskus genehmigte Dokument "Fiducia supplicans" verstießen. "Papst Leo sollte der katholischen Kirche in Deutschland dankbar für das sein, was sie in Sachen Segnungen theologisch und praktisch für die Seelsorge in den vergangenen Jahren vollbracht hat – und zwar mit tatkräftiger Unterstützung und Expertise queerer Gruppen", so Komitee-Co-Sprecher Markus Gutfleisch. "Stattdessen löst er nun Unsicherheit aus bei Seelsorgenden und bei Paaren, die ihre Liebe unter Gottes Segen stellen möchten. Anstatt engherzig auf eine teils überholte Lehre zu verweisen, sollte Papst Leo ebendiese Sexuallehre, die schon so viel Unheil im Leben und Glauben von queeren Menschen angerichtet hat, endlich reformieren."
Ohne Reformen sei das "Willkommen" scheinheilig, so Gutfleisch. Darum müsse die Kirche in Deutschland diese Reformen umsetzen und notfalls "pastoralen Ungehorsam an den Tag legen". Es sei wichtig, dass die Segnungen von Paaren "nicht zu einer Art Mitleidsbekundung verkommen": "Zwar kann Fiducia supplicans als kleiner Fortschritt gewertet werden, da seitens des Vatikans in diesem Dokument erstmals die grundsätzliche Möglichkeit, queere Paare zu segnen, offiziell anerkannt wurde. Jedoch fühlen sich queere Paare nicht ernst genommen – wenn nicht gar verhöhnt – von einem Segen, der laut Fiducia supplicans nur spontan im Vorbeigehen stattfinden, nur einige Sekunden dauern, und der das Paar an seine angebliche Sündigkeit erinnern soll."
Komitee: Nicht LGBTI "polarisieren"
Auch Aussagen des Papstes, queere Themen seien in der Weltkirche "höchst polarisierend" und er wolle die Spaltung nicht weiter verstärken, sorgten für Kritik. "Gerade in Zeiten, in denen queere Menschen, insbesondere trans* Personen, etwa in den USA, aber auch in Deutschland und andernorts von vermehrter Ausgrenzung und krassen Anfeindungen betroffen sind, sind Papst Leos Aussagen über eine angebliche 'Obsession' rund um das Thema Sexualität fatal", so Komitee Co-Sprecher Hendrik Johannemann. "Papst Leo macht es sich allzu leicht, wenn er queeren Menschen eine Polarisierung anzukreiden versucht, für die in Wirklichkeit gerade diejenigen innerkirchlichen und politischen Kräfte verantwortlich sind, die die Gleichberechtigung und gleiche Würde aller Menschen vor Gott ablehnen. Er stellt sich leider nicht an die Seite der Verfolgten und Ausgegrenzten, so wie es Jesus ohne Zweifel getan hätte."
Das Komitee appelliere an den Papst, "den offenen Dialog mit queeren Gläubigen zu suchen statt sie für eine Polarisierung verantwortlich zu machen, die nur diejenigen für sich zu nutzen wissen, die die katholische Queerfeindlichkeit weiter befeuern wollen. Wir rufen Papst Leo dazu auf, endlich die längst überfällige Weiterentwicklung der kirchlichen Sexuallehre auf Basis von gut belegten theologischen und humanwissenschaftlichen Gründen anzugehen. Nur so kann unsere katholische Kirche – nicht nur mit Blick auf ihren Umgang mit queeren Menschen, sondern gerade auch bezogen auf die furchtbaren Taten sexualisierter Gewalt und deren Vertuschung – ihrem dramatischen Glaubwürdigkeitsverlust etwas entgegensetzen."
Weitere Stimmen
Auch die Initiative "Out in Church" hat Aussagen des Papstes zur kirchlichen Sexualmoral kritisiert. "Sofern sich die katholische Sexuallehre nicht ändert, sind nicht heterosexuelle Menschen oder Menschen, die nicht mit dem binären Geschlechtermodell entsprechen, in dieser Kirche nicht willkommen", sagte ein Sprecher der Initiative am Donnerstag der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Aussagen zur "traditionellen Familie" und zu Polarisierung zeigten leider, "wo die Reise in den nächsten Jahren hingehen wird". Man werde aber weiter für die "Einhaltung und Umsetzung der Menschenrechte" kämpfen und die Kirche nicht "den konservativen oder gar rückwärtsgewandten Kräften überlassen".
Einen Artikel von domradio.de, der diese Passagen enthielt, teilte auch der bekannte schwule Hochschulpfarrer Burkhard Hose in einer Instagram-Story. Dazu kommentierte er: "Sustanziell sagt [der Papst] gerade Nix Neues und doch ist es enttäuschend, dass auch der neue Papst keinerlei Einsicht zeigt, dass eine diskriminierende Lehre geändert werden muss. Der Kampf geht weiter!" (cw)














