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Interview

Warum sollen queere Menschen die Venus besuchen, Walter Hasenclever?

Die Berliner Erotik-Messe Venus wirbt gezielt um Besucher*innen aus der LGBTI-Community. Warum, was sie erwartet und warum selbst Asexualität ein Thema ist, verrät ihr Sprecher im Interview.


Dildos für jede'n: Messestand auf der Venus Berlin
  • Von Marcel Malachowski
    20. September 2025, 10:06h 4 Min.

Wenn über die Berliner Erotik-Messe Venus berichtet wird, die vom 25. bis zum 28. September 2025 zum 28. Mal auf dem Messegelände unter dem Funkturm stattfindet, sind zur Illustration meist nur nackte, junge Frauen zu sehen. Den Organisator*innen ist das gar nicht so recht, denn sie wollen unter dem Motto "Rock, Rebellion und Regenbogenpower", Vielfalt feiern, Grenzen sprengen und Liebe leben, wie es in einer Pressemitteilung heißt. Auch in diesem Jahr gibt es einen Queer Space.

Walter Hasenclever ist von Beginn an im Team der Venus und ihr Sprecher. Wir sprachen mit ihm über die Messe als "Ort der Aufklärung" gegen den Rollback, warum nicht nur hetero Männer die Venus besuchen, warum Erotik nicht in Schubladen gedacht werden darf und warum auch Asexualität ein erotisches Thema ist.


LGBTI-Besucher*innen willkommen: Performance im Queer Space (Bild: Venus Berlin)

Die Venus ist ja in den letzten Jahren immer bekannter geworden und hat seit den letzten Jahren nicht nur in der Erotik-Szene eine weltweite Strahlkraft. Welchen Stellenwert hat denn die queere Community mittlerweile für die Messe?

Die queere Community ist längst ein fester Bestandteil der Venus. Sie bringt neue Perspektiven, Kreativität und Vielfalt in die Messe – und prägt die Entwicklung aktiv mit. Mit Formaten wie dem Queer Space geben wir dieser Vielfalt bewusst eine Bühne. Für uns ist klar: Erotik lebt von Diversität – und ohne die LGBTIQA+-Community wäre die Venus nicht das, was sie heute ist.

Aber die Venus begann ja mal als heterosexuelle und normative Sex-Messe… Ist anders zu sein denn heute mehrheitsfähiger geworden?

Ja, definitiv. Queere Menschen waren zwar schon immer Teil der Venus, nur nicht immer so sichtbar wie heute. Wir erleben eine Öffnung der Gesellschaft – und auch unserer Messe. Was früher als "anders" galt, ist mittlerweile selbstverständlich: Fetische, Rollenspiele, queere Erotik oder non-normative Beziehungsmodelle gehören heute ganz selbstverständlich zum Mainstream unserer Besucher*­innen. Die Venus spiegelt diesen gesellschaftlichen Wandel wider: Offenheit, Experimentierfreude und Selbst­bestimmung sind die neuen Standards.


Messe zum Mitmachen: Dildo Riding auf der Venus Berlin (Bild: Venus Berlin)

Aber Männer sind vermutlich die Mehrheit der Besucher*­innen. Können Frauen und weiblich gelesene Personen immer noch nicht so viel mit Erotik-Messen anfangen?

Die Mehrheit ist zwar noch männlich, aber der Anteil an Frauen und queeren Besucher*­innen wächst stetig – und liegt mittlerweile bei rund 45 Prozent. Viele glauben das gar nicht, doch jedes Jahr steigt die Zahl weiblich gelesener Gäste. Viele Frauen entdecken die Venus inzwischen als einen Ort, an dem sie sich inspirieren lassen, Produkte testen und in sicherem Rahmen neue Seiten ihrer Sexualität erkunden können. Gerade durch den stärkeren Fokus auf weibliche Lust und queere Perspektiven holen wir Gruppen ab, die früher weniger präsent waren.

Es gibt aber in der gesamten Gesellschaft aber weiterhin sehr viele Vorurteile und Klischees über Sexualität. Ist da nicht noch viel Nachholbedarf?

Ja, absolut. Auch wenn gesellschaftlich viel von Toleranz gesprochen wird, gibt es weiterhin massive Vorurteile – sowohl in der Gesamtgesellschaft als auch innerhalb einzelner Communitys. Die Venus versteht sich daher auch als Ort der Aufklärung: Wir zeigen die Vielfalt sexueller Identitäten und Praktiken und wollen Mut machen, Vorurteile abzubauen. Erotik darf nicht in Schubladen denken.


Erotische Masken und Outfits: Verkaufsstand auf der Venus Berlin (Bild: Venus Berlin)

Ich habe gehört, auch Asexualität soll auf der Messe thematisiert werden…

Wir sind uns bewusst, dass etwa Asexualität oder Intergeschlechtlichkeit weniger sichtbar sind – gerade deshalb ist es uns wichtig, auch diesen Stimmen Raum zu geben. In Panels, Community-Projekten und durch Aussteller*innen, die entsprechende Perspektiven mitbringen, greifen wir solche Themen immer stärker auf. Asexualität etwa ist keineswegs "unerotisch", sondern eröffnet neue Perspektiven auf Nähe, Intimität und Selbstbestimmung.

Wir leben ja insgesamt in merkwürdigen Zeiten… Was halten Sie denn von politischen Versuchen, das Rad der Aufklärung wieder zurückzudrehen?

Solche Tendenzen sind gefährlich und rückwärtsgewandt. Sexualität lässt sich nicht verbieten oder zurückdrängen – sie findet immer ihren Weg. Gerade in Zeiten von Internet, Digitalisierung und Social Media ist Aufklärung präsenter und relevanter denn je. Unsere Aufgabe ist es, Vielfalt sichtbar zu machen und für Aufklärung einzustehen. Die Venus steht klar für Freiheit, Selbstbestimmung und gegen jede Form von Zensur oder Rollback.


Ansturm auf die Venus im vergangenen Jahr (Bild: Venus Berlin)

Die Messe wird ja immer größer. Habt Ihr denn vor, auch den queeren Bereich auf der Venus in den nächsten Jahren noch weiter auszubauen?

Ja, unbedingt. Der Start mit dem Queer Space ist nur der Anfang. Die Resonanz ist überwältigend, und wir sehen deutlich, dass hier ein wachsendes Bedürfnis besteht. Vielfalt ist kein Trend, sondern die Zukunft – und die Venus wird auch in den kommenden Jahren diese Vielfalt aktiv fördern und sichtbar machen.

-w-