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Interview

Warum ist Rumänien so queer­feindlich, Emanuel Pârvu?

Für seinen Film "Drei Kilometer bis zum Ende der Welt" wurde der rumänische Regisseur Emanuel Pârvu in Cannes mit der "Queer Palm" ausgezeichnet. Jetzt läuft das beängstigende Drama über Homophobie und Korruption im Kino.


Szene aus "Drei Kilometer bis zum Ende der Welt": Der 17-jährige Adi wird nachts zusammengeschlagen. Als die Polizei und seine Eltern herausfinden, wieso, wird er selbst zum Schuldigen gemacht (Bild: Salzgeber)

Emanuel Pârvu, Jahrgang 1979, hat einen Master-Abschluss in Schauspiel und einen Doktor in Dramaturgie. Als Schauspieler engagierte ihn Cristian Mungiu für "Graduation" und "Tales from the Golden Age", für Călin Peter Netzer trat er in "Familiar" auf. Sein Spielfilmdebüt "Meda or the Not So Bright Side of Things" bekam beim Sarajevo International Film Festival den Preis für die Beste Regie. Sein zweiter Spielfilm "Mikado" wurde in San Sebastian uraufgeführt.

Pârvus jüngstes Werk "Drei Kilometer bis zum Ende der Welt" ist ein cineastischer Aufschrei, der unter die Haut geht. Seit Anfang des Monats läuft der Coming-of-Age-Thriller, der 2024 in Cannes mit der "Queer Palm" ausgezeichnet wurde, in der Queerfilmnacht und startet am 25. September 2025 regulär im Kino. Am Beispiel des 17-jährigen Adi zeigt das beängstigende Drama, wie Queerfeindlichkeit und korrupte Strukturen in Rumänien Hand in Hand gehen können (Filmkritik von Fabian Schäfer).

Herr Pârvu, was bedeutet die "Queer Palm" von Cannes für diesen Film und für Sie persönlich?

Es ist eine Ehre, eine solche Auszeichnung zu erhalten. Sie hat mich überrascht. Zugleich ist die "Queer Palm" sehr wichtig, weil sie dem Film die Möglichkeit gibt, mehr Aufmerksamkeit zu erregen als sonst. So kann man sich stärker zu einem Thema äußern, das einem wirklich am Herzen liegt. Schließlich ist entscheidend, dass der Film von möglichst vielen Zuschauern gesehen wird.

Wie waren die Reaktionen in Ihrer Heimat? Mehr Stolz oder eher Ablehnung?

In den Großstädten wurde die "Queer Palm" sehr geschätzt und begrüßt. Außerhalb der Zentren waren die Reaktionen ähnlich wie bei der extremen Rechten. Ich habe in meinen sozialen Medien einige Nachrichten bekommen, in denen sehr hässliche Worte über mich und meine Familie fielen. Aber wir hatten es irgendwie erwartet. Vielleicht ändert sich die Ablehnung, wenn diese Leute sich den Film erst einmal ansehen, bevor sie voreilige Schlüsse ziehen. Vielleicht ändert sich ihre Haltung zur Homophobie. Vielleicht stellt er einfach ein paar Fragen. Der Film ist also genau für diese Leute gemacht, um sie dazu zu bringen, erst einmal nachzudenken, bevor sie den Mund aufmachen.


Emanuel Pârvu wurde 2024 in Cannes mit der "Queer Palm" ausgezeichnet (Bild: IMAGO / Bestimage)

Wie Stephen Frears oder Ang Lee machen Sie als heterosexueller Regisseur einen queeren Film. Wie kamen Sie zu dem Thema?

Ich finde es sehr wichtig für die zukünftigen Generationen, über Integration Bescheid zu wissen. Ob wir über Rassismus, Homophobie oder all die schlechten Dinge auf diesem Planeten sprechen, sie müssen für alles offen sein. Die Hautfarbe, die Religion und auch die sexuelle Orientierung spielen keine Rolle. Solche Dinge sind völlig gleichgültig, entscheidend ist nur, ob du ein guter oder ein schlechter Mensch bist. Ob du in dieser Welt Böses tust oder Gutes.

Das klingt etwas pädagogisch….

Mein Beruf ist tatsächlich Lehrer. Ich bin Dozent an der Universität und Schauspiellehrer. Mir liegt viel daran, dass künftige Generationen, insbesondere in unserem Land, verstehen, was wir vor der Revolution im Kommunismus durchgemacht haben. Es ist sehr wichtig, die Freiheit so zu genießen, wie sie ist. Nicht über das Äußere zu urteilen, nicht über das Aussehen, die Hautfarbe oder alles andere. Ich wollte einen Film über die Liebe machen. Liebe ist etwas, das per Definition bedingungslos sein sollte, wenn man über diese Welt spricht. Wir sollten frei über Liebe sprechen, sowohl als Definition als auch als Konzept. Denn sonst sind wir, wie der Titel schon sagt, drei Kilometer vom Ende der Welt entfernt.


"Drei Kilometer bis zum Ende der Welt" startet am 25. September 2025 im Kino. Parallel läuft der Film seit Anfang des Monats in der Queerfilmnacht

Warum ist Queer­feindlichkeit in den Balkanländern Ihrer Meinung nach so ausgeprägt?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Wenn wir über Religion sprechen, werden die Leute verwirrt, weil sie Glauben mit Religion verwechseln. Glaube ist meiner Meinung nach extrem wichtig. Religion könnte uns eine Perspektive eröffnen, aber sie ist zu eng. Glauben bedeutet, sich zu öffnen, zu glauben und zu sprechen. Religion bedeutet Abschottung. Das Gesetz gegen Homosexualität wurde in Rumänien erst 1999, also zehn Jahre nach der Revolution, abgeschafft. In der kommunistischen Ära drohte dafür eine Gefängnisstrafe. Das ist schon noch beängstigend. Wobei Homophobie ja längst nicht nur die Balkanländer betrifft, wie der aktuelle Blick in die USA zeigt.

Was hat Sie persönlich geprägt?

Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der wir viele Freunde aus der queeren Community hatten, vor allem Regisseure und Schauspieler, die alle zu uns nach Hause kamen. Meine wunderbare Familie hat mir früh beigebracht, offen zu sein und Menschen nicht nach ihrem Aussehen oder ihrer Orientierung zu beurteilen. Das finde ich sehr wichtig, wenn wir eine lebenswerte Gesellschaft haben wollen.

War es schwierig, die Finanzierung für diesen Film zu bekommen?

Die Finanzierung war problemlos. Wir bekamen Unterstützung vom National Center of Cinema und dem Kulturministerium. Unser Film ging für Rumänien in das Rennen um die Oscars. Wir haben insgesamt sehr große Unterstützung von den staatlichen Institutionen erhalten.

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Ihr Stil ist auffallend minimalistisch. Vieles bleibt offen und unerzählt. Was hat es mit dem dramaturgischen Mut zur Lücke auf sich?

Das habe ich von Hitchcock übernommen. Dieser großartige Regisseur zeigt nicht, was passiert, sondern setzt auf seine eigene Sicht der Dinge. Dabei konzentriert er sich immer auf die Gedanken des Publikums. Nehmen wir zum Beispiel an, Sie haben Angst vor Bienen und ich habe Angst vor Pferden. Wenn Sie etwas wie eine Biene auf der Leinwand sehen, werden Sie Angst haben und ich werde lachen. Hitchcock zeigt das Monster nie. Er setzt immer auf Geräusche oder lässt das Publikum entscheiden.

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Was bedeutet das für Ihre eigene Herangehensweise?

Das Monster entsteht in unseren Köpfen. Ich überlasse es lieber der Fantasie des Publikums. Eine Tracht Prügel sieht in meiner Vorstellung anders aus als bei einem Teenager oder einer 30-jährigen Frau. Ich vertraue meinem Publikum so sehr, dass ich es aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen und seines emotionalen Hintergrunds entscheiden lasse, wie die Dinge hinter dem Geschehen aussehen.

Würden Sie die Insel, auf der der Film spielt, für einen Urlaub empfehlen?

Absolut, Sfântu Gheorghe ist der schönste Ort in Rumänien. Er liegt direkt am Meer. Dort, wo die Donau auf das Meer trifft. Tatsächlich spielt die erste Szene, in der sich die beiden Jungs am Strand treffen, genau dort, wo die Donau auf das Meer trifft. Es ist im Sommer der coolste und angesagteste Ort an der rumänischen Küste. Und es gibt sogar ein internationales Filmfestival dort!

Infos zum Film

Drei Kilometer bis zum Ende der Welt. Drama, Rumänien 2024. Regie: Emanuel Pârvu. Cast: Ciprian Chiujdea, Bogdan Dumtrache, Laura Vasiliu, Valeriu Andriutâ, Ingrid Micu-Berescu, Adrian Titieni, Richard Bovnoczki, Vlad Brumaru, Alina Berzunţeanu, Radu Gabriel, Costel Zamfir, Vlad Crudu, Daniela Vitcu, Miruna Soare, Bogdan Tulbure, Vlad Ionuţ Popescu. Crina Semciuc. Laufzeit: 105 Minuten. Sprache: rumänische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 12. Verleih: Salzgeber. Kinostart: 25. September 2025. Parallel läuft der Film seit Anfang des Monats in der Queerfilmnacht
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