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Selbstbestimmungsgesetz in der Praxis

Diverser Geschlechtseintrag: Für das Recht auf den Zweitpass!

Der Eintrag "X" im Reisepass kann in nicht wenigen Ländern zu unangenehmen Nachfragen, Zwangsouting und weiteren Diskriminierungen führen. Dennoch weigern sich Bürgerämter, einen Zweitpass auszustellen. Ein Erfahrungsbericht.


Ein Geschlechtseintrag "X" im deutschen Reisepass kann in Ländern, die nur weiblich oder männlich als Geschlecht anerkennen, zu ernsthaften Problemen führen. Ein Recht auf einen Zweitpass kann Diskriminierungen verhindern (Bild: IMAGO / W2Art)

"Dann würde ich nicht mehr in diese Länder reisen." Die hinzugerufene Beamtin in einem Bürgeramt im Süden Berlins fasst sich langsam an die Brust und wendet sich von mir ab, während sie spricht. "Also, so würde ich es machen."

"Sie würden nicht mehr verreisen, auch nicht nach Griechenland oder die USA?", erwidere ich gereizt. Sie muss ihre Wissenslücke mit dem latenten Rassismus nicht genauer erklären, ich fülle sie ihr trotzdem. Ich bin mir sicher, dass in ihrer Welt nur Länder wie der Irak eine No-Go-Area für trans Menschen sind, Menschen wie mich. Nicht die europäischen Gebiete, nicht die USA.

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Die Beamtin wollte meinen alten Reisepass gleich einziehen

Ich sitze an einem Dienstagmorgen vor zwei irritierten Beamtinnen und versuche nach meiner Personenstandsänderung einen neuen Personalausweis zu beantragen. Beamtin 1 wollte meinen Reisepass gleich mit einziehen. Ich behauptete, dass trans Menschen diesen behalten dürften, um auch in Ländern sicherer reisen zu können, in welchen sie (noch) weniger geschützt sind als in Deutschland und ein "X" im Reisepass nicht anerkannt wird. Jedenfalls war das mein Stand der Dinge in den Monaten vor der Verabschiedung des Gesetzes. Pustekuchen.

"Nicht nach Griechenland", wiederhole ich, "wo Polizisten dich willkürlich an einer Landstraße anhalten, um dich nackt auszuziehen und dich zu durchsuchen?" Wahrscheinlich wollte ich sie mit dieser Geschichte von zwei Bekannten provozieren – die Erzählung von körperlichem Missbrauch, der mit sexualisierter Gewalt aufgeladen ist, verstehen cis Frauen. Das verstehen wir alle. Doch da ist keine Regung in ihren Gesichtern. Entweder ist mein Trans-Sein so weit entfernt von ihnen, dass sie keine Empathie aufbringen können, oder sie glauben tatsächlich, dass es ein Schicksal ist, welches ich mir ausgesucht habe. Ich muss es nicht genauer herausfinden. Beide Wege enden in banaler Entmenschlichung.

Entgegen der denkfaulen Titelaufhängern der Klatschpresse kann auch ab dem Eintreten des Selbstbestimmungsgesetzes nicht "jeder einfach alles sein". Der Vorläufer, das Transsexuellengesetz (TSG), verlangte ein langes und demütigendes Verfahren, das außerdem auch noch fies teuer war. Dabei ist der passende Vorname nicht nur ein schönes Gefühl, sondern auch eine Sicherheitsmaßnahme im Alltag. Wenn der Kontrolleur in der Bahn dein Ticket liest, wo Jasmin Kurz drauf steht, du aber ein Janusz Kurz bist und mittlerweile auch so aussiehst, gibt es mindestens massig Angstschweiß, im schlimmsten Fall Gewalt. Die Gesetzesreform sollte trans Alltag einfacher machen, sicherer. Dennoch wurde die Freude in queeren Kreisen ernüchternd schnell von möglichen Sicherheitsstrategien überschattet, wie zum Beispiel der Name und Geschlechtseintrag zu wählen seien.

Einzige Option: Weiblicher Pass mit männlichem Namen

Meine Überlegung war folgende: Kann mich ein männlicher Gender-Marker im Verteidigungsfall zum Militär verpflichten? Würde ich (natürlich unschuldig!) bei einer Haftstrafe im Männerknast landen? Also Geschlechtseintrag streichen lassen oder divers rein. Nun sehe ich aber mittlerweile meistens aus wie ein Typ, das heißt, ich sollte einen männlichen Namen wählen. Wenn ich meinen alten (weiblichen) Reisepass behalten kann, könnte ich ihn als Notfallabsicherung behalten.

Ich stelle mir vor, dass ich mich bei einem riskanten Grenzübertritt aufs Haar genau rasieren und so die Gefahr eines Outings bei einem Körperscan oder einem Abtasten umgehen könnte. Denn das würde bei mir automatisch zum trans Outing führen, sodass ich lieber so tue, als wäre ich eine sehr maskuline Frau. Diese Strategie ist mir aber mit dem neuen Gesetz nicht erlaubt, ich müsste meinen neuen Namen auf dem Reisepass behalten. Das heißt, meine einzige Option ist ein weiblicher Reisepass mit männlichem Namen und oft männlichem Aussehen.

Wenn ich meinen neuen Namen in den Reisepass übertragen muss, so wie es mir gesagt wurde, wäre ein männlicher Gender-Marker in meinem Reisepass sinnvoll gewesen. Aber diese Wahl habe ich nicht.

Kompliziert, oder? Willkommen in unserer Welt.

Nur inter Personen dürfen frei wählen

"Es können keine zwei verschiedenen Personen existieren", ist ein Argument, das mir innerhalb der deutschen Bürokratie-Logik einleuchtet. Doch es geht nicht darum, doppelt zu existieren, mit anderem Namen, anderer Nase und Zweitfamilie. Es geht darum, einen anderen Geschlechtseintrag in meinem Reisepass zu haben für Orte, die ein "X" nicht akzeptieren. Bisher gibt es noch kein Recht auf einen Zweitpass, Behörden stellen diese nur nach eigener Einschätzung aus.

Zurück in der muffigen Amtsstube: Beamtin 2 steht nur noch da, fast unschuldig mit ihrem grünen Notizzettel, an dem sie sich festhält. Beamtin 1 rezitiert währenddessen ungebrochen sich selbst, also den Gesetzestext. Ich will ihre Sprache sprechen und hole mein Handy raus, um hastig im Internet nachzusehen: Intergeschlechtliche Personen dürfen bei einem "X"-Eintrag in ihrem Reisepass tatsächlich wählen. Um mögliche Diskriminierung zu verhindern, so die Begründung. Das bedeutet, dass inter Personen das Recht, das ich gerade einfordere, bereits haben.

Die Forderung nach Schutz wird als frech wahrgenommen

"Das haben Sie sich ja so ausgesucht", sagt Beamtin 2 immer wieder, dabei sieht sie mir so durchdringend in die Augen, als ob sie mich über die Konsequenzen meines Trans-Seins belehren will. Das ist der zentrale Punkt. Dahinter steht ein Glaubenssystem. Trans-Sein sei eine Wahl, eine Lebensart, die sich einige von uns einfach herausnehmen. Trans-Sein ist somit ein Angriff auf bürgerliche Werte, auf Binärität und Patriarchat. Trans Menschen werden für diesen Angriff verantwortlich gemacht. In einem System, wo Trans-Sein Rebellion oder Werteverfall bedeutet, ist eine Strafe oder mindestens eine Bürde zu ertragen. Schutz steht jenen nicht zu, welche sich, so der Grundgedanke, absichtlich und provokativ in Gefahr begeben.

Beamtin 1 und 2 sind immer noch irritiert. Ich unterstelle ihnen keine Böswilligkeit. Gewalt an trans Menschen erscheint so banal, dass die Forderung nach Schutz als frech wahrgenommen wird.

Warum fühlen sie diese Ungerechtigkeit nicht?

Meine Worte beginnen sich zu überschlagen, ich habe ihre Logik verstanden, sie verstehen meine nicht und rezitieren weiter das Passgesetz, vielleicht kann es ja auch mich beruhigen wie ein religiöses Mantra? Bei jeder Wiederholung werde ich ungehaltener. Warum fühlen sie diese Ungerechtigkeit nicht? Ihre Administrationsneutralität baut sich als Kraftfeld zwischen uns auf. Diese Distanz hat etwas Demütigendes für uns alle.

Beamtin 1 schießt während der Eskalation ein übles Passfoto von mir. Ich halte mich künstlich daran fest. Vielleicht, weil ich ansonsten nicht mehr weiß, wohin mit meiner Wut. Vielleicht weil ich will, dass Beamtin 1 auf irgendwas emotional reagiert und ich hoffe, dass sie den Missmut über ein hässliches Bild auf dem Perso nachvollziehen kann. Doch sie vermeidet weiteren Augenkontakt und schiebt mich in den Nebenraum zum Bezahlen.

Mit dem Luftwechsel werde ich schlagartig todmüde. Wie ein Ohrwurm drängen sich Zeilen eines meiner alten Gedichte in meinen Kopf:

Nichts wurde geschenkt
nichts wurde gegeben,
nicht mal das Recht auf Überleben
Aufgeben ist der Tod,
es ist keine Wahl, es ist eine Not.

-w-

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