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Warschau

Ein Besuch in Polens erstem queeren Museum

Seit Ende letzten Jahres zeigen Ehrenamtler*innen in einem neuen Museum mitten in Warschau: Queere Menschen gehören schon immer zu Polen. In den ersten Monaten kamen mehrere Tausend Besucher*innen.


Ein Besucher im QueerMuzeum Warszawa (Bild: IMAGO / ZUMA Press Wire)
  • Von Anna Abraham
    22. September 2025, 10:55h 5 Min.

Es gibt einen Ort in Warschau, da wimmelt es vor Regenbögen: Pins neben Pins, Flyer stapeln sich, in der Ecke lehnen zusammengerollte Flaggen, und im Fenster hängt eine selbstgenähte von 2009. Der Raum ist neu, doch er macht sichtbar: Queeres Leben in Polen hat eine lange Geschichte.
Am 6. Dezember 2024 eröffnete in Warschau das QueerMuzeum Warszawa, das erste queere Museum des Landes – mitten im Zentrum, an einer großen Magistrale, nur wenige Schritte vom Kulturpalast entfernt. "Wir wollten einen zentralen und sichtbaren Ort für queeres Leben schaffen", erklärt Museumsdirektor Krzysztof Kliszczyński.

Die Idee für ein solches Haus existierte schon lange. Der Verein Lambda, Polens älteste LGBTI-Organisation, bewahrt seit etwa 1945 mehr als 100.000 Objekte in Pappkartons auf: Liebesbriefe, Tagebücher, Flyer, Magazine. Ein Team der Universität Warschau wählte daraus rund 150 Stücke aus, um die Geschichte queerer Menschen vom frühen Mittelalter bis in die 2000er Jahre zu erzählen. Für Kliszczyński ist die Eröffnung ein Traum: Zwar gibt es in Polen bis heute kein Gesetz für Lebenspartnerschaften, doch wenigstens existiert nun ein Ort, an dem queeres Leben sichtbar, erforschbar und gewürdigt wird.

Informationen auf Polnisch und Englisch

Noch besteht das Museum aus einem einzigen großen Raum. Ein Zeitstrahl an der Wand spannt den Bogen vom Mittelalter bis zu den frühen Zweitausendern. Zu jedem Ausstellungsstück gibt es polnische und englische Informationen. Neben persönlichen Geschichten dokumentieren viele Stationen auch den politischen Rahmen: 1932 die erste Entkriminalisierung von Homosexualität, brutale Verfolgung während der NS-Zeit, Tabuisierung unter dem Kommunismus, die erste Pride-Parade 2001, "LGBT-freie Zonen" unter der PiS-Regierung ab 2015. Für die jüngste Vergangenheit fehlt bislang der Platz an der Wand – und der historische Abstand, wie Kliszczyński betont. Über eine schmale Wendeltreppe geht es ins Obergeschoss, wo noch ungeöffnete Kartons warten und zwei Schreibtische für das kleine Team bereitstehen.

Alle arbeiten ehrenamtlich – auch der Direktor. Dreimal pro Woche öffnet das Museum seine Türen, Eintritt kostet es keinen. Kliszczyński führt regelmäßig auf Polnisch durch die Ausstellung, für internationale Gäste bietet der Freiwillige Emilian Mucha seit kurzem Führungen auf Englisch an.


Blick in den Ausstellungsraum (Bild: Anna Abraham)

Mucha, der seit 2019 in Warschau lebt und Polnisch für Ausländer*innen unterrichtet, stieß im Januar zufällig mit einem Freund auf das Museum. Beim zweiten Besuch entschied er spontan, mitzumachen – zunächst als Guide, dann auch als Übersetzer. Schnell merkte er, wie stark ihn die Geschichten berührten, die in den Exponaten stecken. Besonders fasziniert ist er von den Dokumenten "normaler" Menschen, die zeigen: Queer waren nicht nur Adelige oder Außenseiter.

Gegengewicht zur jahrzehntelangen Unsichtbarkeit

Sein Lieblingsstück ist Exponat Nummer 25: ein Foto der Warschauer Masseurin Maria Jadwiga-Strumff. In ihren Briefen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird deutlich, dass sie auch Frauen liebte – eine intime Spur aus einer Zeit, in der solche Gefühle kaum öffentlich ausgesprochen werden konnten. Mucha sagt, er habe erst im Museum überhaupt von ihr erfahren. Für ihn widerlegt ihre Geschichte das tiefsitzende Vorurteil, dass Queerness nur etwas Exzentrisches sei. "Sie war eine normale Frau, die arbeitete, lebte, liebte. Dass wir heute ihre Stimme hören können, bedeutet mir unheimlich viel."

Für Mucha ist das Museum deshalb weit mehr als eine Ausstellung. Es ist ein Gegengewicht zur jahrzehntelangen Unsichtbarkeit, besonders während des Kommunismus, als Homosexualität zwar legal, aber tabuisiert und von staatlichen Stellen überwacht war. "Hier wird gezeigt, dass queere Identitäten kein modernes Phänomen sind, sondern immer Teil unserer Gesellschaft waren."

Das Museum hat sich etabliert

Vor kurzem kaufte Mucha ein rosafarbenes Gästebuch. Darin danken Besucher*innen für das Museum und die Führungen. Eine Frau schrieb von ihrer Studienzeit in Polen in den 1990er Jahren – "eine schreckliche Zeit für queere Menschen". Jetzt sei sie erstmals aus Berlin zurückgekehrt und freue sich über die Veränderung. Doch nicht alle sehen das Museum positiv.

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Auf Google Maps liegt die Bewertung bei 3,7 Sternen – fast nur 5 oder 1 Stern(e). Kritik gibt es an den kurzen Öffnungszeiten. Andere schreiben hämisch, das Museum "stinke". Ein Nutzer empört sich: "Trzaskowski hat für so etwas 150.000 Zloty ausgegeben. SCHANDE!" Tatsächlich gewährte der Warschauer Oberbürgermeister eine einmalige Anschubfinanzierung, zudem überlässt die Stadt den Raum zu vergünstigter Miete. Ansonsten lebt das Projekt von Spenden – und steht finanziell auf wackeligen Beinen. Kliszczyński würde gern Mitarbeiter*innen einstellen, doch dazu fehlt das Geld.

Zur Eröffnung kamen internationale Presseteams, in den ersten Monaten strömten mehrere Tausend Besucher*innen ins kleine Museum. Inzwischen ist der Andrang abgeflaut – an einem Sonntag ohne Führung sind es meist 20 bis 30 Gäste. Trotzdem hat sich das Haus etabliert: Jeden zweiten Mittwoch gibt es im Obergeschoss einen "lesbischen Abend". Mittlerweile ist das Museum auch zu einer Art sicherem Hafen queeren Lebens in Osteuropa geworden. Aktivist*innen aus Belarus haben zum Beispiel erste Gegenstände an den Verein zur Aufbewahrung gegeben, auch sie wollen ein eigenes Archiv aufbauen.

Für Mucha bleibt ein Moment unvergessen: Ein junger Mann aus Pakistan, der sich gerade erst seiner Homosexualität bewusst geworden war, besuchte das Museum. Hier erkannte er: Er ist nicht allein. "Ich möchte, dass Menschen erkennen: Uns gab es schon immer", sagt Mucha.

-w-