https://queer.de/?55144
Sachbuch
Queere Fanficton unter die Lupe genommen
Das Buch "In Texten wildern. Slash oder die Erotisierung fiktiver Stoffe durch Fangemeinden" schafft Sichtbarkeit für ein nerdiges und äußerst vielschichtiges Thema, das Tiefe, Soziologie und Beobachtungsgabe bereithält.

Seit Jahrzehnten fantasieren "Star Trek"-Fans in Wort und Bild über eine schwule Beziehung zwischen Captain Kirk und Mr. Spock
- Von Christopher Filipecki
22. September 2025, 12:59h 3 Min.
Fanfictions – also von Fans verfasste Geschichten, die auf berühmten Roman- oder Filmvorlagen beruhen und die ursprüngliche Story weiterspinnen – gibt es seit den frühen 1970ern Jahren. Auslöser war das eh schon epische "Star Trek"-Universum, zu dem Zuschauer*innen ihre ganz eigenen Ideen schriftlich festhielten. In der Sammlung "In Texten wildern" (Amazon-Affiliate-Link ) wird aber ein ganz besonderer Aspekt von Fanfiction herausgearbeitet: Herausgeberin Anne Eßer und weitere Autor*innen durchleuchten den Anteil homosexueller Beziehungen, die sich Fans wünschen und herbeifantasieren.
In zehn Essays auf rund 270 Seiten analysieren nationale wie internationale Wissenschaftler*innen, Autor*innen und Journalist*innen zwischen Anfang 30 und Mitte 70 diverse Texte, die von überwiegend nicht professionellen Autor*innen verfasst wurden. Sie alle sind Fans von großen Themenwelten wie "Harry Potter", "Der Herr der Ringe", "Vampire Diaries" oder dem bereits erwähnten "Star Trek". Alle Geschichten haben ikonische Männerfreund- oder auch -feindschaften inne, wie Harry Potter und Draco Malfoy oder Mr. Spock und Captain Kirk. Deren Beziehungen sind dermaßen intensiv wie energetisch, dass in ihnen nicht selten homoerotische Schwingungen gelesen werden.
Homosexuelle Handlungen sind meist Männern vorbehalten

Der Sammelband "In Texten wildern" ist im Männerschwarm Verlag erschienen
Das Subgenre, das genau diesen Funken ausarbeitet und auf die Spitze treibt, nennt sich "Slash". Die homosexuellen Handlungen sind meist Männern vorbehalten, werden jedoch oft von Frauen verschriftlicht. Eine Grundvoraussetzung, wie Autor David M. Halperin es in seinem Aufsatz beschreibt, ist jedoch, dass die Figuren nicht bewusst schwul agieren, also nicht geoutet sind und sich auch eher selten zuvor mit Homofantasien beschäftigt haben. Stattdessen geht es vordergründig um das Entstehen jener schwulen Energie, die dann schließlich zum Sex führt.
Und der ist oftmals äußert explizit. Slash geht weit über mainstreamige Grenzen hinaus und möchte mit Heteronormativität genauso aufräumen wie mit Vorurteilen gegenüber Fetischen und Kinks. Selbst Inzestbeziehungen unter Brüdern tauchen in ihnen auf. Sie sind ein Zusammenspiel aus "Fan, Fanobjekt, Intertextualität und Kontext", wie Vera Cuntz-Lang es erklärt. Es geht um eigenes Lustempfinden, Stimulation, das Verständnis sich selbst gegenüber, aber auch um Gesellschaftskritik. Ein Stück weit soll damit gar das Patriarchat hinterfragt, Kontroversen hervorrufen und mit klassischen Familienrollen gebrochen werden.
Slash schreckt auch vor Gewalt nicht zurück. Der Sex ist nicht immer einvernehmlich, ebenso nicht immer romantisch motiviert. Penetration geht nicht nur mit Penissen, sondern auch mit Zähnen oder Fangarmen. In manchen Fanfictions über BTS – die wohl bekannteste südkoreanische K-Pop-Gruppe der Welt – geraten gleich ganze Images, die die Bandmitglieder sonst präsentieren, außer Kontrolle. Kurios: Selbst über "Tatort"-Kommissare und deren Dynamik existieren solche Geschichten. Missbrauch, Autonomie, Geschlechterhierarchien und "Entmännlichung" erleben hier fließende Übergänge.
Fanfiction teils spannender als käufliche Romane
Die zehn Essays zitieren aus populären wie nischigen Fanfictions. Einige dieser Storys hatten nie den Anspruch, den Sprung in den Mainstream zu schaffen und wollten für immer im Safe Space unter Gleichgesinnten verharren – andere sind mittlerweile in Foren mit unzähligen Mitschreiber*innen gelandet und genießen Popularität. Sowieso sind sich die Wissenschaftler*innen einig, dass unter ihnen teils spannendere und kreativere Handlungen gefunden werden können als in vielen käuflichen Romanen.
Welche Aspekte im Slash immer wiederkehren, was das für unser gegenwärtiges Miteinander bedeutet und ob das Ganze nun stimuliert oder doch eher irritiert, lässt sich in "In Texten wildern" herausfinden. Herausgeberin Anne Eßer und ihre Autor*innen schaffen Sichtbarkeit für ein nerdiges und äußerst vielschichtiges Thema, das viel Tiefe, Soziologie und Beobachtungsgabe bereithält.
Anne Eßer (Hg.): In Texten wildern. Slash oder die Erotisierung fiktiver Stoffe durch Fangemeinden. 280 Seiten. Männerschwarm Verlag. Berlin 2025. Taschenbuch: 20 € (ISBN 978-3-86300-390-6). E-Book: 13,99 €
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Buch, Leseprobe und Bestellmöglichkeit bei amazon.de
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
Informationen zu Amazon-Affiliate-Links:
Dieser Artikel enthält Links zu amazon. Mit diesen sogenannten Affiliate-Links kannst du queer.de unterstützen: Kommt über einen Klick auf den Link ein Einkauf zustande, erhalten wir eine Provision. Der Kaufpreis erhöht sich dadurch nicht.















