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Buchtipp

Jandy Nelson verschiebt das Normale

Was in anderen Erzählungen als Ausnahme gilt, wird in Jandy Nelsons neuem Roman "Wenn unsere Welt kippt" zur Legende, zur Tradition – Queerness, Migration und jüdisches Leben sind nicht Beiwerk, sondern Fundament.


Jandy Nelson ist Autorin der Bestseller "Ich gebe dir die Sonne" und "Über mir der Himmel". Ihre Romane haben sich weltweit über eine Million Mal verkauft und wurden in mehr als 38 Sprachen übersetzt (Bild: Sonya Sones)

Für die Geschwister Dizzy, Miles und Wynton ist die Begegnung mit Cassidy eine Offenbarung: Ihr tiefer, sonorer Tonfall, der farbenfrohe Kleidungsstil, die leinwandgleichen Tattoos auf ihrer Haut – all das macht sie für die drei zu einer Art Regenbogenmädchen. Ein engelsgleiches Wesen, das ihre eigene Wahrnehmung von Begehren und Identität durcheinander wirbelt. Sie sind fasziniert, verwirrt, verunsichert. Cassidy selbst beschreibt ihre Seele als "ein Haufen Wörter", die sie wahllos liest, manchmal aus einem Buch, ein paar aus einem anderen, nächtelang. Für Miles sagt sie den vielleicht wichtigsten Satz: "Weil alles – und ich meine alles von allem – einfach eine sehr lange Geschichte ist."

Auch "Wenn unsere Welt kippt" (Amazon-Affiliate-Link ) von Jandy Nelson ist so eine sehr lange Geschichte. Auf über 600 Seiten entfaltet sie ein Epos über die Familie Fall, in dem der jiddische Begriff "Beschert" – Schicksal – immer wieder leitend ist. Es geht um Generationenbrüche, um Sehnsüchte, Neid und Gewalt, um Geschwisterrivalitäten von fast biblischem Ausmaß. Und es geht um die Frage, ob Menschen "Licht" sind, wie Miles sagt – aus Sternenstaub geschaffen, ausgestattet mit elementarer Leuchtkraft. Der magische Realismus lässt Figuren nicht nur leuchten und schweben, sondern auch Häuser zerfressen und Dunkelheit aufsaugen – Ängste, Träume und Abgründe nehmen dabei menschliche Gestalt an.

Eine echte Zärtlichkeit für Sprache


"Wenn unsere Welt kippt" ist am 24. September 2025 im Verlag Fischer Sauerländer erschienen

Die Kinder tragen die Namen großer Jazztrompeter – Wynton Marsalis, Miles Davis, Dizzy Gillespie – als eine Hommage an den verschwundenen Vater. Nelson zeigt eine besondere Sensibilität dafür, wie sich Identität je nach Alter formt. Zwar stolpert man in der deutschen Übersetzung über merkwürdige Wortneuschöpfungen: Dizzy wird "gesichtsgefurzt", Miles nennt sich den "Ehrenschwulen", und Cassidy "posemuckelt" mit ihrer Mutter in der Wildnis, wenn sie an einem abgelegenen Ort mit begrenztem Wasser- und Stromverbrauch improvisieren. Doch hinter der Schrulligkeit steckt eine echte Zärtlichkeit für Sprache.

Die Figuren sind in Alter und Charakter klar voneinander abgegrenzt: Dizzy, die Jüngste, extrovertiert und verletzlich, verliert in der Schule ihre Freundschaften. Miles, makellos schön und von allen als "vollkommen" bewundert, lebt isoliert in Depressionen und seinem geheimen Coming-out, das er nur mit Hund Sandro teilt – einem Hund, der mit ihm in Gedanken spricht. Wynton, der Geiger, lebt für seine Musik, ist aber mit allen außer Dizzy zerstritten, bis ein Unfall und Cassidys Auftauchen die Familienkonstellation neu ordnen. Nelson verbindet die Figuren durch unterschiedliche Sinnlichkeiten: Wynton durch Klang, Miles durch Poesie, die Mutter durchs Kochen, Cassidy durch Natur und Tiere. Manche erleben sogar Synästhesie, sehen Gefühle in Farben. Immer wieder taucht das Motiv "lila grün blau" auf – es bedeutet "ich liebe dich".

Miles' queere Geschichte steht im Zentrum

Im Zentrum steht aber Miles' queere Geschichte. Er trauert einem einzigen Kuss nach – ein Leben in ländlichen Räumen voller Sehnsucht. Er möchte zu keinem queeren Team gehören, bleibt ungeoutet, an seiner katholischen Schule gibt es keine queeren Vorbilder. Paradise Springs, der Ort der Handlung, verkörpert dieses Leben in der Provinz: abgelegen, geheimnisvoll, kaum auf Landkarten verzeichnet, ein Ort, der seine Bewohner*­innen nicht loslässt – wer hier landet, bleibt meist für immer. Miles' vorsichtiges Erkunden von Nähe verlagert sich ins Online-Dating: Stundenlang wischt er durch Profile, "so lange durch Männer zu wischen, bis er nicht mehr richtig gucken konnte, bis sein Zimmer voller Phantome war". Dieses digitale Begehren wirkt für ihn zugleich verlockend und ungreifbar, "wie einen Roman zu lesen, der Türen hatte, sodass die Figuren heraustreten und zu dir kommen konnten".

Miles ist kein Paradiesvogel, tanzt nicht, mag keine Musicals. Stattdessen fragt er: "Konnte man am Schwulsein scheitern?" – ein Satz, der die Schwere jugendlicher Angst spiegelt, ihn manchmal aber zu sehr aufs Schwulsein reduziert. Er outet sich schließlich bei der nur unscharf ausgearbeiteten Nebenfigur Felix. Ein zartes Bonding entsteht – daneben gibt es nur Hund Sandro. Felix' Bisexualität wird im Umfeld kaum ernst genommen, er bleibt als Figur ratlos. Doch über Miles' Selbstwahrnehmung gelingt Nelson ein scharfes Bild: "Er war das Objekt einer Präposition, nie das Subjekt des Satzes, der sein Leben war" – eine unbeholfene, aber treffende Formulierung für den Kampf, das eigene Leben selbst zu gestalten.

Der Roman füllt Repräsentationslücken

Der zweite große Erzählstrang gehört Cassidy. Mit ihrer psychisch labilen Mutter zieht sie im Wohnmobil durchs Land, immer auf der Suche nach einem Ort zum Ankommen. Die Mutter lehrt sie Misstrauen, hält sie in einer eigenen Welt. Doch selbst dort begegnet Cassidy dem Patriarchat: mit 13 erlebt sie einen sexuellen Übergriff, die Mutter verfällt zunehmend Drogen, schließlich wird Cassidy verlassen. Ein Tattoo erinnert sie an diese ambivalente Beziehung: "Wir waren zusammen, den Rest habe ich vergessen." Nelson zeigt hier viel Gespür für die sich wandelnde Wahrnehmung des Kindes: "Was hat dieses Sackgesicht an sich, dass er ihre Aufmerksamkeit derart fesselt?", fragt Cassidy über einen Interessenten der Mutter. Ihre "stille Welt" wird zum Bild ihrer Depression.

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"Wenn die Welt kippt" ist ein schwer zu fassender Roman, weil er gleichzeitig so viele Themen miteinander verwebt. Die Erzählung selbst füllt damit Repräsentationslücken, die in der Literatur oft bestehen – sie zeigt queere Figuren, jüdische Lebensrealitäten und migrantische Erfahrungen nicht als Ausnahme, sondern als gelebte Normalität. Besonders eindrücklich ist, wie Nelson Familienlegenden entfaltet: Die Dreierkonstellation von Alonso, Sebastian und Maria – ein queeres Paar mit einer unabhängigen, nicht-binären, lesbischen Frau – wird als fester Bestandteil der Familiengeschichte ausgerollt. Diese mythisch erzählte, generationsübergreifende Legende naturalisiert Queerness und versieht sie mit einer fast nostalgischen Natürlichkeit, sodass Vielfalt und Anderssein als selbstverständlicher – und schon immer da gewesener, nur geheimgehaltener – Teil des Lebens erscheinen.

Nelson verschiebt das Normale: Was in anderen Erzählungen als Ausnahme gilt, wird hier zur Legende, zur Tradition – Queerness, Migration und jüdisches Leben sind nicht Beiwerk, sondern Fundament.

Infos zum Buch

Jandy Nelson: Wenn unsere Welt kippt. Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Barbara König. 640 Seiten. Fischer Sauerländer. Frankfurt 2025. Gebundene Ausgabe: 21,90 € (ISBN: 978-3-7373-4415-9). E-Book: 16,99 €. Auch als Hörbuch erhältlich

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