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Kinostart

Kraftvoll, berührend und poetisch: "Das tiefste Blau"

Auf der Berlinale wurde Gabriel Mascaros dystopisches Drama "Das tiefste Blau" mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet – zu Recht! Am Donnerstag startet der bildstarke queere Film in deutschen Kinos.


Szene aus "Das tiefste Blau": In der Begegnung zwischen Tereza (Denise Weinberg, l.) und Roberta (Miriam Socorrás) verweben sich Widerstand und Begehren unauflöslich miteinander (Bild: Guillermo Garza Desvia / Alamode Film)

Tereza lebt in einer kleinen Industriestadt am Amazonas. Sie ist 75 Jahre alt, fit, voller Energie, stolz darauf, ihr Leben lang gearbeitet und ihre zwei Kinder allein großgezogen zu haben. Doch plötzlich wird sie von der Regierung ausgezeichnet – nicht für eine besondere Leistung, sondern schlicht für ihr Alter. Verdutzt wehrt sie ab: "Ach Unsinn, seit wann wird man für sein Alter ausgezeichnet?" Kurz darauf folgt der Zwang: Ruhestand. Entlassung. Die bittere Diagnose des Systems, die sie wie ein Schlag trifft: "Es gibt nichts mehr zu wollen."

Gabriel Mascaros "Das tiefste Blau" entwirft ein dystopisch-grelles Gesellschaftsbild: Eine Welt, in der Bürger*innen strikt kategorisiert werden, und Älteren jegliche Mündigkeit entzogen wird. Weil Tereza 75 ist – nicht, weil sie erschöpft oder krank wäre – droht ihr die Verschleppung mit dem "Altenschlepper" in entlegene Seniorenkolonien, wo sie angeblich "würdevoll" ihren Lebensabend verbringen soll. In dieser Gesellschaft gilt es als Straftat, der ungestörten Produktivität der Jugend im Weg zu stehen; die Alten werden schlicht verbannt. Bürokratische Hürden pflastern den Alltag: Tereza darf nichts ohne die Zustimmung ihrer Tochter entscheiden, wird ständig nach Dokumenten gefragt, auf ihr Alter reduziert, in Windeln gezwungen, kontrolliert.

Tereza kämpft um ihre Selbstbestimmung


Poster zum Film: "Das tiefste Blau" startet am 25. September 2025 bundesweit im Kino

Doch Tereza (Denise Weinberg) weigert sich, dieses Ende hinzunehmen. Alles geht viel zu schnell. Sie möchte noch etwas tun, noch leben, noch träumen. Ihr Ausbruch beginnt mit einem Bild, das zum Herzstück des Films wird: Sie will sich "einen Platz im Himmel reservieren", einmal im Leben fliegen, einmal die Welt von oben sehen.

Getrieben von diesem Traum, bricht sie auf – eine Reise durch die Flüsse, Nebenarme und Wälder Amazoniens, zwischen Realität und Fantasie, Widerstand und Sehnsucht. Mascaro erzählt konsequent aus ihrer Perspektive. Wir sehen nie die Kolonien von innen, erfahren nichts über ihre tatsächlichen Zustände. Es genügt zu wissen: Tereza will nicht dorthin. Sie kämpft um ihre Agency, um ihre Selbst­bestimmung, um ein Leben jenseits der Schranken, die ihr Alter ihr angeblich auferlegt.

Eindrucksvolle Begegnungen

Auf dieser Flucht begegnet sie eindrucksvollen Figuren. Da ist der geheimnisvolle Seemann Cadu (Rodrigo Santoro), der ihr die rare Schnecke Baba Azul zeigt – ein magisches Wesen, das eine leuchtende Spur hinterlässt. Legt man ihren Schimmer ins Auge, öffnet sich ein Blick in die Zukunft. Hier sehen wir Tereza, wie sie den Rausch nicht von außen, sondern in sich selbst erlebt. Das "tiefste Blau": eine Farbe, die Schönheit und Schicksal zugleich trägt, ein funkelndes Sinnbild für die Vergänglichkeit in einem System, das ältere Körper nur noch als unbrauchbar betrachtet.

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Besonders leuchtend ist die Begegnung mit Roberta (Miriam Socorrás), die zunächst als "Nonne" vorgestellt wird, weil sie in den Dörfern am Amazonas für 250 brasilianische Reals digitale Bibeln verkauft. Doch gläubig ist sie nicht – im Gegenteil, sie hat längst durchschaut, wie korrupt und käuflich das System ist. Hinter der Tracht verbirgt sich eine Frau voller Witz und Lebenshunger, die Tereza mit ihrer Leichtigkeit und Direktheit verzaubert.

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Zwischen den beiden entsteht eine queere, zärtliche, verspielt-subversive Verbindung: Zwei ältere Frauen, die zusammen "viben", sich ihre Freiheit zurückerobern, gegen die Regierung verschwören und einfach machen, was sie wollen. Ein Moment von Rebellion und Intimität, in dem sich Widerstand und Begehren unauflöslich miteinander verweben – und man wünschte, der Film würde diesen beiden viel mehr Zeit schenken.

"Das tiefste Blau", auf der diesjährigen Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet und für einen Teddy Award nomininiert, lebt von seinen Bildern: der grandiose Score, die funkelnden Farben, die atemberaubenden Panoramen des Regenwaldes. Manchmal verlässt sich Mascaro vielleicht zu sehr auf diese Schönheit, verliert sich in Kompositionen und Farbwelten, ohne seiner Heldin stets neue Herausforderungen zu geben. Doch getragen von starken Performances, einem soliden dystopischen Rückgrat und der strahlenden Präsenz Denise Weinbergs bleibt der Film kraftvoll, berührend und poetisch.

Infos zum Film

Das tiefste Blau. Drama. Brasilien, Mexiko, Chile, Niederlande 2025. Regie: Gabriel Mascaro. Cast: Denise Weinberg, Rodrigo Santoro, Miriam Socarrás, Adanilo, Rosa Malagueta. Laufzeit: 86 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 6. Verleih: Alamode Film. Kinostart: 25. September 2025
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