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Transformation zu einem Stier
In ihrem neuen Film "Animale" lässt Emma Benestan ihre Protagonistin in einen Stier verwandeln. Doch trotz hübscher Bildsprache, feministischer Ambitionen und einer schwulen Nebenrolle bleibt die Geschichte zu vorhersehbar.

Die Stierflüsterin: Kann Nejma (Oulaya Amamra) die Stiere fühlen? (Bild: Plaion Pictures)
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25. September 2025, 13:47h 4 Min.
Warum müssen Frauen im Kino immer erst Opfer sexualisierter Gewalt werden, bevor ihnen etwas "Bedeutendes" widerfährt? Emma Benestan lässt ihre Protagonistin Nejma in "Animale" – wenig überraschend – in einen Stier verwandeln. Doch abgesehen von diesem vorhersehbaren Body-Horror-Kniff hat der Film kaum etwas zu bieten, was man nicht schon dutzendfach gesehen hätte.
Der eigentliche "Twist" der Verwandlung kündigt sich früh an und verliert dadurch jede Wucht. Stattdessen setzt "Animale" auf eine ermüdend binäre Symbolik: Nejma (Oulaya Amamra) arbeitet als Gastarbeiterin auf einer Stierranch, gleichzeitig versucht sie sich – und das wird penetrant betont – als erste Frau beim Course Camarguaise, einer in Südfrankreich verwurzelten Variante des Stierkampfs, bei der die Teilnehmenden Trophäen von den Hörnern der Tiere erbeuten. Doch wer Nejma wirklich ist, bleibt völlig im Dunkeln. Sie gilt zwar als Teil der Familie, wird aber immer wieder nur auf ihr Frausein reduziert. "Gut, für eine Frau", heißt es über ihre Fähigkeiten beim Stierkampf. Ihre eigene Familiengeschichte bleibt vage angedeutet, nie ausformuliert.
Stiere als Symbol für männlich konnotierte Aggression

Poster zum Film: "Animale" startet am 25. September 2025 bundesweit im Kino
Auch die Tiermetaphorik wirkt schnell abgenutzt: Die Stiere stehen für rohe, männlich konnotierte Aggression, die Nejma nach ihrer Transformation übernimmt. Demgegenüber erscheinen die Pferde – allen voran ihr weißes, edles Pferd Lucía – als sanfte, weiblich aufgeladene Gegenpole: treu, hörig, fast spirituell begleitend. Diese simplifizierte Gegenüberstellung von animalischer Männlichkeit und zarter Weiblichkeit bleibt so platt, dass sich keinerlei neue Perspektiven daraus ergeben.
Ähnlich verhält es sich mit der Opfer-Täter-Logik: "Animale" zeigt deren Umkehrung, ohne je die strukturelle Dimension sexueller Gewalt anzuerkennen. Statt gesellschaftliche Mechanismen zu benennen, reduziert der Film alles auf eine individuelle Erfahrung. Was soll die Botschaft sein? Dass Gewalt nur mit Gegengewalt beantwortet werden kann? Dass Rache eine Form von Gerechtigkeit sei? Statt Antworten liefert der Film eine Gewaltspirale, die sogar unschuldige Tiere in Mitleidenschaft zieht. Die Frage nach gerechter Gewalt bleibt unbeantwortet.
Schwuler Sidekick
Ein Nebenschauplatz ist Nejmas Freund Tony (Damien Rebattel), der mit seinem Partner auf dem Land stets die Angst vor Diskriminierung im Nacken spürt. Gleich zu Beginn des Films entspinnt sich ein kurzer Dialog zwischen ihm und Nejma:
Er: "Spar dir die Ratschläge. Du hast doch nie eine Liebesgeschichte gehabt."
Sie: "Ich fang mit so was gar nicht erst an."
Er: "Ja, ist mir aufgefallen. Am Ende landest du eh bei einem Stier."
Sie: "Ganz genau."
Diese Sätze wirken wie ein Vorgriff auf Nejmas Entwicklung – doch weder sie noch Tony gewinnen dadurch wirklich an Tiefe. Tonys Figur bleibt bloßes Beiwerk: ein schwuler Sidekick, der zwar nicht direkt in patriarchale Gewalt verstrickt ist, im Schlussbild aber dennoch eine ambivalente Rolle einnimmt. Eigenständigkeit oder ein eigener Handlungsbogen werden ihm jedoch verweigert.
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Stimmungsvolle Bilder
Visuell weiß "Animale" durchaus zu beeindrucken. Kameramann Ruben Impens, bereits bei Julia Ducournaus "Titane" verantwortlich, fängt die weiten, kargen Landschaften der Camargue und die Habitate der Stiere in stimmungsvollen Bildern ein. Auch die immersiven Sequenzen der Stierkämpfe haben ihre Kraft. Die Performance von Oulaya Amamra ist solide und verlässlich, doch gegen die sterile Erzählweise und die glatte Konstruktion des Films kann auch sie kaum anspielen. Doch der Film hält seine Zuschauer*innen eher auf Distanz: zu glatt, zu vorhersehbar, zu sehr der Dramaturgie verhaftet. Das Horrormoment verpufft, weil der Schnitt immer zu früh abbricht und nie etwas wirklich Verstörendes sichtbar wird.
Am Ende bleibt ein Slow Burn, der nie richtig zündet – ein Film, der sich kompetent inszeniert, aber steril anfühlt. Zwischen feministischen Ambitionen, Trauma-Bewältigungsnarrativen und hübscher Bildsprache verliert "Animale" jede Relevanz. Statt zu verstören, langweilt er.
Animale. Horrorfilm. Frankreich, Belgien, Saudi-Arabien 2024. Regie: Emma Benestan. Cast: Oulaya Amamra, Damien Rebattel, Vivien Rodriguez. Laufzeit: 98 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 16. Verleih: Plaion Pictures. Kinostart: 25. September 2025
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