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Sachbuch
So wird das nichts, Professor Jäncke!
Es ist keine Schande, von bestimmten Themen wenig Ahnung zu haben, nur sollte man dann besser schweigen, sonst wird es peinlich und erst recht mit Professorentitel. Anmerkungen zum neuen Buch "Mann und Frau – ein Auslaufmodell?" des Neurowissenschaftlers Lutz Jäncke.

Prof. Dr. em. Lutz Jäncke war von 2002 bis 2022 an der Universität Zürich als Professor für Neuropsychologie tätig (Bild: Wirtschaftssymposium Aargau)
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27. September 2025, 15:16h 5 Min.
An dem Titel "Mann und Frau – ein Auslaufmodell?" (Amazon-Affiliate-Link ) kam ich nicht vorbei. Und dass das Buch von einem Neurowissenschaftler geschrieben wurde, war erst einmal verlockend. Denn bei der so verbiestert geführten Debatte um die Zweigeschlechtlichkeit kommen ihre Verfechter*innen bei all ihrer buchstäblich hirnlosen Verehrung für das biologische Geschlecht über den menschlichen Unterleib ja nie hinaus und glauben, mit der Fortpflanzung sei schon alles erklärt. Und dabei hat der Mensch doch ein Gehirn, ohne welches wir nicht wären, was wir sind.
Lutz Jäncke ist Neurowissenschaftler, Psychologe und emeretierter Professor an der Universität Zürich. Sein kürzlich im Schweizer Hogrefe Verlag erschienenes Buch verspricht einen wissenschaftlichen Blick auf die Geschlechterdebatte, verbunden mit der obligatorischen Frage, ob es mehr als zwei Geschlechter gibt.
Ich halte diese Frage für verfehlt und deshalb auch für überflüssig. Denn niemand bei Verstand wird anatomische Fakten leugnen und auch nicht, dass es zwei Kategorien von Menschen gibt. Die eine Kategorie produziert kleine, die andere große Zellen. Kommen beide Zellen zusammen, kreieren sie in der Regel einen neuen Menschen, der wieder in die eine oder andere Kategorie passt. Die eine Kategorie nennen wir Mann, die andere Frau. Wir haben ja alle im Biologieunterricht aufgepasst. Da muss also niemand verdruckst um den heißen Brei herumreden.
Mainstream und Marginalisierung

Das Buch "Mann und Frau – ein Auslaufmodell?" ist Anfang September 2025 im Hogrefe Verlag erschienen
Und lassen wir ruhig mal all den Variantenreichtum der Natur beiseite (der freilich eine Tatsache ist), wenn es um Körperbeschaffenheit geht, um Hormone und Chromosomen, der mal gefeiert und mal geleugnet wird, und uns leider nicht wirklich weiterbringt bei der Frage, wo wir darin trans und nichtbinäre Menschen finden. Denn die ganz entscheidende Frage ist doch immer noch das, was Judith Butler bereits 1990 mit Gender Trouble bezeichnete.
Und was heißt das? Zum Beispiel, wie die riesengroße cis-Gemeinschaft, die sich stur heteronormativ und heterosexuell definiert und dabei so viel Schönes verpasst, Geschlechtsrollenwechsel bewertet, wie sie über Geschlechtsidentität denkt, also über das, was trans und nichtbinäre Menschen im wahrsten Sinne des Wortes verkörpern. Kurzum: Es geht immer zuerst und noch zuletzt um die soziale Anerkennung und Akzeptanz, also um Mainstream und Marginalisierung.
Wir wissen (noch) nicht, warum es trans gibt. Und wir können auch nicht erklären, wie das Wissen, trans zu sein, zustande kommt. Es sind weiß Gott nicht die einzigen Fragen, auf die wir noch keine Antwort gefunden haben. Also kein Grund zur Panik. Davon spricht auch Jäncke und macht trotzdem den fatalen Fehler, sich eine Antwort auszudenken, die keine wissenschaftliche Erkenntnis wiedergibt, sondern nur eine Mutmaßung, eine subjektive Meinung. Denn dazu müsste uns der Autor erst einmal erklären, wie Bewusstsein zustande kommt. Aber das kann er nicht. Könnte er es, würde ihm das mindestens den Nobelpreis einbringen.
Meinung statt verifizierbarer Erkenntnisse
Dass der Autor an dieser Stelle verifizierbare Erkenntnisse (die es wie gesagt nicht gibt) durch Meinung ersetzt, bezeichnet das größte Manko in dem ansonsten sachlich referierenden Buch. Ja, er weiß viel und Spannendes über Gehirnfunktionen, über den verhaltensprägenden Einfluss von Hormonen mitzuteilen und spricht davon, dass Geschlechtshormone den Stoff unseres Lebens weben. Er korrigiert beliebte Geschlechterklischees, indem er die so ganz anders lautenden Forschungsergebnisse dagegensetzt. Interessant, was er über matrilineare Kulturen im Vergleich zu patrilinearen an Vorteilhaftem mit Blick auf die Gleichheit der Geschlechter mitzuteilen weiß. Matrilineare Kulturen zeichne eine große soziale Überlegenheit aus.
Das ist alles anschaulich und verständlich vermittelt. Und die guten Absichten sind nicht zu überhören: "Wichtiger als vermeintliche Geschlechtsunterschiede ist die enorme Individualität des menschlichen Gehirns." Und hält dabei nichts von genetisch bedingten Geschlechtsunterschieden. Gehirne als "Regelfresser" sind immer kulturell geprägt und spiegeln die kulturell gesteuerte Sozialisierung von Menschen wider. Und trotzdem, ein nicht unerhebliches Manko bleibt festzuhalten.
Das Manko betrifft, wie oben schon erwähnt, das Thema trans. Dabei sind manche Denkansätze durchaus vielversprechend. Etwa wenn es heißt: Geschlecht sei "ein unvollkommenes, vorübergehendes Stellvertretermerkmal für noch unbekannte (biologische) Faktoren wie Geschlechtshormone und geschlechtsgebundene Gene".
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Trans ist kein Gefühl, sondern Teil unseres Bewusstseins
Klar, unser Wissen weist Leerstellen auf. Sie aber durch Interpretation zu füllen ist gefährlich. Im Alltag beginnen die meisten Katastrophen mit dem Satz "Ich hab' gedacht …". Jäncke hat auch gedacht und spricht mit Blick auf trans vom gefühlten Geschlecht. Ich lebe also ein Gefühl. Und dabei habe ich in meinem Leben, um ehrlich zu sein, noch nie Männlichkeit oder Weiblichkeit gefühlt. Wer fühlt so etwas? Wenn ich mein Geschlecht fühle, würde ich eher von sexueller Erregung sprechen.
Mit anderen Worten: Trans ist kein Gefühl, sondern Teil unseres Bewusstseins. Und wenn wir wissen, wie das zustande kommt, dann haben wir wahrscheinlich auch eine Antwort auf die Frage, warum es trans gibt.
Argumentativ wirklich billig wird es, wenn unser Gefühl dann noch als Sturheit interpretiert wird: "Sie [gemeint sind trans Menschen] werden ihre Ansichten mit ihren Rechtfertigungsgründen verteidigen, mögen sie aus anderen Meinungsperspektiven auch noch so grotesk oder verschroben erscheinen. Ist man von etwas überzeugt und erhält Bestätigung, bleibt man bei seinen Überzeugungen."
Transidentität mit Body Integrity Identity Disorder in Verbindung gebracht
Nein, Herr Jäncke, so wird das nichts. Und erst recht, wenn sie Geschlechtsdysphorie mit Body Integrity Identity Disorder (BIID) in Verbindung bringen – auch nicht mit einem fettgedruckten "vielleicht" im Text. Mit BIID ist eine psychische Störung gemeint, die Menschen dazu bringt, Körperteile amputieren zu wollen. So etwas gibt es offenbar. Nur ist Geschlechtsdysphorie keine Muss-, sondern eine Kann-Bedingung für das Transsein.
Es ist wirklich keine Schande, von bestimmten Themen keine oder wenig Ahnung zu haben, nur sollte man dann besser schweigen, sonst wird es peinlich und erst recht mit Professorentitel. Eine Möglichkeit wäre freilich, mehr relevante Lektüre in den Meinungsbildungsprozess einfließen zu lassen. Da gibt es erkennbare Lücken in der Literaturliste. Schade ist nur, dass das Buch über weite Strecken ausgesprochen informativ und gut lesbar neurowissenschaftliches Wissen vermittelt, um sich am Schluss beim Thema trans im Meinungswust zu verheddern.
Lutz Jäncke: Mann und Frau – ein Auslaufmodell?: Warum sie sich ähnlicher sind, als wir vermuten, und wo der wahre Unterschied liegt. 264 Seiten. Hogrefe Verlag. Bern 2025. Gebundene Ausgabe: 28 € (ISBN 978-3-4568-6410-5). E-Book: 24,99 €
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