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Buchtipp

Queeres Überleben ist radikal

Von ihrer eigenen Mutter wurde sie mit Exorzismus-Gebeten traktiert: Jessica Krämers Autobiografie "Selbst schuld, du Schwuchtel!" ist mehr als eine persönliche Erzählung. Es ist ein Manifest. Es erinnert uns daran, warum wir kämpfen.


"Teufel, komm raus": Jessicas Mutter versuchte das Trans-Sein ihres Kindes wegzubeten (Bild: dolina-modlitwy-3475854 / pexels)

Es gibt Bücher, die liest man und vergisst sie wieder. "Selbst schuld, du Schwuchtel!" (Amazon-Affiliate-Link ) von Jessica Krämer gehört nicht dazu. Es ist kein Roman, kein Versuch, ein "unterhaltsames" Memoir zu schreiben – es ist ein schonungsloses Überlebensprotokoll. Jessica, getauft mit einem männlichen Vornamen, nimmt uns mit in eine Kindheit und Jugend, die alles andere als unschuldig ist: Jahre zwischen Pflegefamilien, Heimen, Isolation, Gewalt und Ausgrenzung. Sie erzählt von einem Leben, das von Anfang an ein Kampf war.

Schon die ersten Seiten lassen keinen Zweifel daran: Hier schreibt eine, die lange geschwiegen hat und nun nicht mehr kann. "Ich bin keine Erfindung. Ich bin der Beweis", stellt Jessica gleich zu Beginn klar – ein Satz, der klingt wie eine Kampfansage an eine Welt, die trans Leben allzu oft leugnet. Wir erleben, wie ein Kind sich in der Kleidung seiner Schwester endlich ein Stück Geborgenheit holt, nur um dann von der eigenen Mutter mit Rosenkranz und Exorzismus-Gebeten traktiert zu werden. "Teufel, komm raus", schreit sie – ein Satz, der sich in die Psyche eines Kindes frisst und bleibt.

Eine Jugend, die von Brüchen geprägt ist


Die Autobiografie "Selbst schuld, du Schwuchtel!" ist seit 26. September 2025 im Buchhandel erhältlich

Kapitel für Kapitel führt uns Jessica durch eine Jugend, die von Brüchen geprägt ist. Sie beschreibt, wie sie sich in Heimen unsichtbar macht, um zu überleben, und gleichzeitig nicht unsichtbar sein kann, weil ihr Körper ihr eigenes Gefängnis ist. Sie erzählt von einer 15-Jährigen, die im Knast landet – "als Mädchen unter Jungs". Sie beschreibt Nächte auf der Straße, die Erfahrung von Drogen und Sexarbeit. Doch Jessica bleibt dabei nicht in der Opferrolle. Sie nimmt ihre Geschichte selbst in die Hand, benennt Täter*­innen, Strukturen, Zustände – und macht deutlich, dass Sichtbarkeit immer ein Akt der Selbstermächtigung ist.

Was das Buch "Selbst schuld, du Schwuchtel!" so besonders macht, ist seine Sprache. Jessica schreibt nicht für Literaturpreise. Ihre Sätze sind roh, kantig, manchmal spröde – und gerade deshalb so echt. Ihre Worte "stinken nach Wirklichkeit", wie sie selbst sagt. Wer Hochglanz-Coming-out-Geschichten erwartet, wird hier nicht fündig. Stattdessen gibt es radikale Ehrlichkeit.

Dieses Buch ist auch ein Spiegel für unsere Gesellschaft. Jessica zeigt, wie tief Transfeindlichkeit und Misogynie in unseren Strukturen verwurzelt sind: in Familien, die lieber beten als zu verstehen; in Schulen und Heimen, in denen Gewalt Alltag ist; in Institutionen, die eigentlich schützen sollen und doch immer wieder versagen. Sie zeigt, dass diese Gewalt nicht zufällig passiert, sondern systematisch.

Den eigenen Schmerz in Worte fassen


Autorin Jessica Krämer (Bild: privat)

Für uns als queere Community ist "Selbst schuld, du Schwuchtel!" mehr als eine persönliche Erzählung. Es ist ein Manifest. Es erinnert uns daran, warum wir kämpfen: für sichere Räume, für Anerkennung, für das Recht, einfach existieren zu dürfen. Es macht klar, dass wir als Community nicht nur Geschichten feiern sollten, die glatt und ermutigend sind, sondern auch jene, die unbequem sind und weh tun – weil sie die Realität so vieler von uns widerspiegeln.

Und doch bleibt bei aller Schwere ein Funken Hoffnung. Jessica überlebt. Sie schreibt. Sie macht ihre Geschichte öffentlich und beweist, dass Widerstand in vielen Formen existiert – auch darin, den eigenen Schmerz in Worte zu fassen. "Überleben ist radikal", schreibt sie sinngemäß zwischen den Zeilen. Und genau das spürt man auf jeder Seite.

"Selbst schuld, du Schwuchtel!" ist kein leichtes Buch. Aber es ist ein notwendiges. Es zwingt uns, hinzusehen, wo wir sonst wegschauen würden. Es gibt einer Frau eine Stimme, die viel zu lange keine hatte – und damit all jenen, die ähnliche Geschichten in sich tragen. Wer verstehen will, was es heißt, trans zu sein in einer Welt, die dich immer wieder zum Verschwinden bringen will, sollte dieses Buch lesen. Nicht, weil es einfach ist – sondern weil es überlebenswichtig ist. (cw)

Infos zum Buch

Jessica Krämer: Selbst schuld, du Schwuchtel! Jung. Queer. Im Knast. Autobiographie. 588 Seiten. Campaign House. Bergisch Gladbach 2025. Taschenbuch: 24,50 € (ISBN 978-3-98252-457-3). E-Book: 14,99 €

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