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Zwischen Schönheit und Schlachtbank
Homoerotische Verklärung im Schützengraben
Die autobiografische Novelle "Der Wanderer zwischen beiden Welten" von Walter Flex (1916) ist ein einzigartiges Dokument homoerotischer Literatur, aber auch ein Beispiel dafür, wie Begehren instrumentalisiert werden kann.

Ausschnitt aus der Cover-Illustration der Ausgabe von "Der Wanderer zwischen beiden Welten" aus dem Holzinger Verlag
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28. September 2025, 08:49h 4 Min.
Die 1916 veröffentlichte autobiografische Novelle "Der Wanderer zwischen beiden Welten" von Walter Flex ist nicht nur ein Kriegsbuch, es ist ein Dokument der ideologischen Selbstverführung. Unter der Maske soldatischer Kameradschaft verbirgt sich eine intensive homoerotische Überhöhung, die den Freund Ernst Wurche zum Idol verklärt. Flex macht aus dem jungen Theologen keine Figur des Zweifels, sondern eine Ikone: schön, rein, opferbereit. Genau diese Ästhetisierung des männlichen Körpers, verschmolzen mit Opferbereitschaft, wurde zur gefährlichen Chiffre einer Zeit, die den Tod nicht fürchtete, sondern vergötzte.
Die erste Begegnung mit Wurche ist keine Beschreibung, sondern eine Inthronisierung. "Reine Augen", "schlanker Kraftwuchs", ein "Schreiten" wie ein Gottesdienst – hier wird ein Held geboren, nicht erzählt. Wurche wird zum "Goetheschen Wanderer", zum Pilger einer Nation im Krieg. Der Körper selbst, makellos und jugendlich, wird zur Offenbarung. Das Individuum verschwindet, es bleibt ein Idol: der "Wandervogel" als Soldat, die Reinheit der Jugend im Dreck des Schützengrabens.
Erotische Nähe als Ersatzreligion
Die berühmte Szene in den Augustower Wäldern, das Baden in der Netta, ist nicht zufällig von homoerotischer Intensität. Nacktheit, Sonne, Goethes Ganymed – "Frühling, Geliebter!" – sie ist ein Ritual der Verschmelzung, das die Leerstelle weiblicher Nähe im Krieg füllt. Die Freundesliebe, in jeder Geste überhöht, ersetzt die Religion. Sie ist zugleich Schutz und Versuchung: Wo Frauen fehlen, werden Männerkörper zu Ikonen. Flex kann dieses Begehren nicht benennen, er tarnt es als Ideal. Doch gerade so macht er es wirksam: als heimliche Energiequelle des Opferkults.
Die Intimität des "engen Herzens" kulminiert im Tod. Wurche stirbt, weil er seine Leute in Deckung schickt und selbst vorgeht – ein Akt des "Vorlebens", der zum Ideal der Opferbereitschaft verklärt wird. Flex beschreibt nicht nur den Verlust, sondern den Triumph: Der Tote, in voller Montur, mit einer Sonnenblume in der Hand "wie eine schimmernde Lanze", wird zum unsterblichen Ritter. Tod ist hier nicht das Ende, sondern die höchste Form der Schönheit. Aus Eros wird Thanatos, aus Liebe wird Opfer.
Politische Funktion: Verführung der Jugend
Diese ästhetische Verklärung war kein harmloser Ausdruck privater Sehnsucht. Sie wirkte – massenhaft. Der Wanderer zwischen beiden Welten wurde zu einem der erfolgreichsten Kriegsbücher überhaupt, hunderttausendfach verbreitet, gelesen von Schülern, Studenten, jungen Soldaten. Es legte den Grundstein für eine Kultur, in der Schönheit, Opfer und Nation untrennbar verbunden wurden. Wer Wurche liebte, konnte kaum anders, als sich danach zu sehnen, ebenso rein zu sterben.
Die homoerotische Aufladung war Teil der Verführung: Sie bot jungen Männern einen emotionalen Mehrwert, eine Verheißung, die über Disziplin und Pflicht hinausging. Wer im Schützengraben einen Freund fand, fand in Flex die Sprache, diesen Freund zugleich als Geliebten und als Märtyrer zu denken – und ihn im Tod zu verherrlichen.
Vom Wanderer zum Führer
Hier liegt die gefährliche Brücke: Der Kult um den schönen Toten führte direkt zur Bereitschaft, Führerfiguren zu verehren. Flex' Werk beschwört nicht das Individuum, sondern den Typus: den reinen Jüngling, der sich opfert. In den 1920er und 1930er Jahren griff der Nationalsozialismus genau dieses Muster auf. Der Hitlerjunge, der "Blutzeuge", die Mythisierung des frühen Todes – all das lebt von derselben Rhetorik, die Flex poetisch vorbereitet hat. Seine homoerotische Verklärung wurde Teil eines Systems, das erotische Anziehung, Opferbereitschaft und Ideologie verschmolz.
Heute lesen wir den "Wanderer" mit gebrochener Distanz. Einerseits ist er ein einzigartiges Dokument homoerotischer Literatur, in einer Zeit, die dieses Begehren nicht benennen konnte. Andererseits ist er ein Beispiel dafür, wie Begehren instrumentalisiert werden kann – wie die Intensität einer Männerfreundschaft in eine Ästhetik des Opfers verwandelt wurde, die Hunderttausende das Leben kostete.
Walter Flex starb selbst 1918, mit nur 30 Jahren. Vielleicht rettete ihn der frühe Tod davor, zu erkennen, wie sein Werk wirkte: nicht nur als persönliches Denkmal der Liebe, sondern als geistige Munition für einen Opferkult, der nicht nur bis 1945 reichte. Er sollte uns Warnung sein auch für unsere Zukunft und eine Gesellschaft, in der wieder einmal die Wehrpflicht gefordert und zur Kriegstüchtigkeit aufgerufen wird – statt mit aller Kraft unser Land für ein einziges Ziel zu begeistern: als Vorbild für Diplomatie und Friedenstüchtigkeit.
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