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Kinostart

"Wieso können wir nicht so sein wie die anderen?"

Marie Luise Lehners Debütfilm "Wenn du Angst hast nimmst du dein Herz in den Mund und lächelst" ist nicht immer rund, aber mit aufrichtiger Zärtlichkeit erzählt – und bezieht queerpolitisch klar Position.


Zwischen Freundschaft und romantischer Anziehung: Anna (Siena Popović) und Mara (Jessica Paar) in "Wenn du Angst hast nimmst du dein Herz in den Mund und lächelst" (Bild: Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion)

Einer der rührendsten Momente des Films spielt sich im Schulauditorium ab: Anna tritt mit dem Chor ihres neuen Gymnasiums auf. In weißen Blusen und schwarzen Hosen singen die Kinder vor den stolzen Augen ihrer Eltern, die die fehlende musikalische Qualität – der Chor klingt schräg – großzügig überhören. Annas Mutter Isolde verfolgt den Auftritt mit tränenglänzenden Augen, während Anna am Rand des Chors die Liedzeilen für sie in Gebärdensprache übersetzt: "Ich verstehe Sie nicht falsch, wenn Sie mich so anglotzen und sich selbst dabei nie reflektieren", heißt es da wütend. Kurz darauf konfrontiert die Zwölfjährige ihre gehörlose Mutter damit, das "falsche" Outfit gewählt zu haben – und offenbart so vor aller Augen die Scham über ihre eigene Lebenssituation.

Das Langfilmdebüt der 1995 geborenen österreichischen Nachwuchsregisseurin Marie Luise Lehner trägt den bewusst sperrigen Titel "Wenn du Angst hast nimmst du dein Herz in den Mund und lächelst". Er geht zurück auf ein Zitat aus Aglaja Veteranyis Roman "Warum das Kind in der Polenta kocht" – ein fragmentarisch-poetischer Text über eine Zirkustochter, deren Kindheit von Heimatlosigkeit, Angst und Gewalt geprägt ist. Lehner greift diese mosaikartige Erzählweise auf und überträgt sie in ihren Film. Die einzelnen Episoden kreisen um Armut, Gehörlosigkeit und das jugendliche Empfinden von Ungerechtigkeit. Immer wieder drängt sich Annas Frage in den Vordergrund: "Wieso können wir nicht so sein wie die anderen?". Kein Smartphone, Fake-Klamotten, kein Skiurlaub mit der Klasse – stattdessen muss sie eine Erkältung vortäuschen. Gerade in dieser Andersheit von Mutter und Tochter liegt die besondere Strahlkraft der Figuren, auch wenn man Anna (Siena Popović) manchmal am liebsten wachrütteln würde.

Unerschöpfliche Liebe zwischen Mutter und Tochter

Die Mutter-Tochter-Beziehung ist fein gezeichnet: Die Liebe zwischen den beiden ist unerschöpflich, und Isolde (Mariya Menner) stemmt mit ihrer Arbeit in der Textilreinigung den Lebensunterhalt für sich und ihre Tochter. Sie wohnen beengt in einer kleinen Wohnung im ersten Wiener Gemeindebezirk, teilen sich zunächst sogar ein Bett, bis Isolde ein Schlafsofa anschafft – auch, um wieder Raum für eigene Sexualität zu haben. Gegen die pubertäre Tochter kann sie sich kaum durchsetzen und muss Frustration über finanzielle Engpässe still ertragen. Sogar, wenn Anna sie vor die Tür setzt, weil ein Freund zu Besuch kommt, reagiert Isolde mit einer Gelassenheit, die berührt.

Auch die politische Dimension ist Lehner zentral. Ihr Film greift das Recht auf Abtreibung auf und reflektiert damit die Dringlichkeit, die weibliche Selbstbestimmung über den eigenen Körper zu verteidigen – gerade in Zeiten eines zunehmenden internationalen Rechtsrucks, der reproduktive Rechte und geschlechtliche Selbstbestimmung angreift. Sie selbst betont im Interview: "Transition im Bezug auf Geschlecht ist gerade total unter Beschuss. Trans Personen in meinem Umfeld haben große Angst. Es ist verrückt, wie stark der Umstand bekämpft wird, dass Menschen über den eigenen Körper verfügen dürfen. Ich muss die einzige Person sein, die über meinen Körper bestimmen darf." Lehner positioniert ihren Film damit klar als queer-feministischen Beitrag, der in einem Klima von transfeindlicher und patriarchaler Repression die Autonomie des Individuums ins Zentrum stellt.


"Wenn du Angst hast nimmst du dein Herz in den Mund und lächelst" startet am 2. Oktober 2025 in ausgewählten Programmkinos. Bereits am 29. September ist der Film in Münster (Die Linse, 18 Uhr) zu sehen (Bild: Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion)

Präzise gesetzte Bilder

Visuell überzeugt der Film durch präzise gesetzte Bilder von Kamerafrau Simone Hart. Ein Beispiel für diese gute Bilderfindung ist die bereits erwähnte Szene, in der Anna ihre Mutter bittet, die Wohnung zu verlassen, damit sie Besuch haben kann. Während das Gespräch zwischen den beiden abläuft, sieht man rechts im Bild das Treppenhaus, über das sie beide die Wohnung wieder betreten. Die Spiegelung der Wiener Gemeindebauten macht sowohl die räumliche Enge der Wohnung als auch das Wechselspiel von Nähe und Distanz zwischen Mutter und Tochter spürbar. In einer anderen Szene hören wir diegetisch die verzerrten Geräusche am Bahnschalter, wenn Isolde ein Ticket zur Großmutter kaufen will – eine eindrückliche Übersetzung ihrer Hörbeeinträchtigung. Oder im Schwimmbad: Die Kamera taucht zwischen Wasser und Halle, Isoldes Badeanzug zerbricht in kaleidoskopartige Farbflächen, während der Ton gänzlich verstummt. Solche Momente gehören zu den stärksten des Films.

Auch kleine Gesten machen die soziale Lage erfahrbar: wenn Anna einer Freundin statt eines teuren Geschenks ein selbstgemaltes Bild überreicht und dafür ein ratloses Lächeln erntet. Gewalt zeigt Lehner dabei bewusst nicht. "Es reicht, Gewalt anzudeuten, ohne sie zu zeigen", sagt sie. "Ich habe überhaupt kein Interesse mehr, Gewalt in Filmen zu sehen. Ich will mit dem Film eine Haltung einnehmen, die mit den Figuren auf Augenhöhe ist und nicht auf sie herabschaut."

Mara hat einen trans Vater

Doch so sehr der Film in manchen Szenen funkelt, stolpert er in anderen: Gerade in den Dialogen mit Gleichaltrigen fehlt die Beobachtungsschärfe. Gespräche mit Paul (Alessandro Scheibner) – für den fast alle Mädchen schwärmen – oder mit Annas bester Freundin Mara (Jessica Paar) geraten hölzern, bleiben oberflächlich. Dabei ließe gerade Maras Figur mehr Tiefe zu: Die Dynamik zwischen den Mädchen schwankt zwischen schulischem Druck, Freundschaft und romantischer Anziehung, ohne wirklich auszubrechen. Auch die musikalischen Einschübe wirken teils deplatziert, obwohl Lehner sie bewusst als Kommentar-Ebene einsetzt, die den Inhalt des Films reflektiert und gelegentlich die vierte Wand durchbricht. Musik war ihr dabei sehr wichtig: Als Mitglied einer feministischen Punkband hat sie viele der Künstler*innen, deren Stücke im Film zu hören sind, persönlich gekannt, die meisten stammen aus queeren Kontexten.

Gerade in den leisen queeren Momenten hätte man sich mehr Tiefe gewünscht. Unter den Augen von Maras trans Vater (Daniel Sea) probieren die beiden Mädchen mit Begeisterung Cross-Dressing aus, entziehen sich den Zuschreibungen als "Mädchen". Anna sagt schließlich: "Ich steh nicht auf den Paul, ich will der Paul sein." Ein Satz voller Ambivalenz, der jedoch ohne Resonanz bleibt. Und so schließt der Film zwar mit einem sehr schönen Bild – Anna und Mara auf dem Karussell des Wiener Praters, hoch in der Luft – doch am eindrücklichsten bleibt der kurze O-Ton aus dem Ticketstand: "das Recht von transsexuellen Frauen und Männern, über ihren eigenen Körper zu bestimmen, das Recht von Frauen auf reproduktive Freiheit – im Grunde ist es das Recht jeder Person, über den eigenen Körper zu verfügen."

Ein Film, der nicht immer rund ist, aber mit aufrichtiger Zärtlichkeit erzählt wird – und queerpolitisch klar Position bezieht.

Infos zum Film

Wenn du Angst hast nimmst du dein Herz in den Mund und lächelst. Drama. Österreich 2025. Regie: Marie Luise Lehner. Cast: Siena Popović, Mariya Menner, Jessica Paar, Alessandro Scheibner, Charlotte Rohart, Daniel Sea. Laufzeit: 87 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung mit Untertiteln bei deutscher Gebärdensprache. FSK 12. Verleih: Arsenal Distribution. Kinostart: 2. Oktober 2025
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