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Queerfilmnacht

Gespräch über Monogamie mit Dildo in der Hand

Die romantische Komödie "Skinny Love" beschäftigt sich mit modernen queeren Beziehungen und isländischen Eigenheiten: Emilý will online Sexvideos verkaufen, aber auch mit Katinka zusammen sein.


Emilý verdient Geld mit Onlyfans und lebt in einer offenen Fernbeziehung mit der Polin Katinka. Doch dann will die zu ihrer Freundin nach Island ziehen – und wünscht sich Exklusivität (Bild: Salzgeber)

Von wegen schöne neue Welt: Onlyfans klingt für Emilý eigentlich nach einem lukrativen und unkomplizierten Job. Sie kann ihren sexy Content zu Hause, und noch dazu jederzeit, drehen. Doch auch die 25-Jährige muss sich mit Umsatzsteuer und Rentenversicherung auseinandersetzen, wie ihre Mutter sie streng belehrt. Die kennt sich in Finanzfragen aus und erledigt die Steuererklärung für ihre Tochter, die Online-Pornodarstellerin in Teilzeit. Ein zwei Jahre altes Höschen, das sie jetzt weiterverkauft, lässt sich nicht absetzen? Nervige Bürokratie.

Für freudige Ablenkung sorgt immerhin ihre Freundin Katinka, die bald wieder in Reykjavík ankommt. Das Paar fällt sofort übereinander her, da ist die Tür noch nicht im Schloss. Sie lachen und albern miteinander. So sieht es aus, wenn Liebende sich nach langer Zeit wieder sehen.

Offene Fernbeziehung: Das beste aller Welten

Die zwei Frauen führen eine offene Fernbeziehung. Als die Polin Katinka für eine Geochemie-Konferenz in Island war, lernten sie sich kennen. Auf Reisen verliebt es sich schließlich am besten – weit weg vom Alltag, die Sorgen und Erwartungen zu Hause.

Die bisexuelle Emilý profitiert von der Fernbeziehung: Sie kann weiterhin ihren Content produzieren und mit anderen Männern wie Frauen schlafen. Und wenn Katinka mal wieder in den kalten Norden kommt, hat sie eine zuverlässige und smarte Partnerin. Das beste aller Welten.

Fast alles ist möglich, aber macht es das immer einfacher?


Poster zum Film: "Skinny Love" läuft im Oktober 2025 in der Queerfilmnacht

Doch Katinka wünscht sich mehr: Sie schlägt vor, für ein Projekt dauerhaft nach Island zu ziehen. Das heißt für sie auch, dass sie dann eine exklusive Beziehung führen. Die Sexfotos und -videos stören die Geochemikerin nicht, das ist ja der Job ihrer Freundin. Aber alles andere als professioneller Sex wäre tabu. Will Emilý das? Und kann sie das überhaupt?

Die romantische Komödie "Skinny Love" trägt im Isländischen mit "Einskonar Ást", also "Eine Art Liebe", einen deutlich treffenderen Titel. Denn darum geht es, um eine bestimmte Art der Liebe. Eine, die für eine jüngere Generation immer selbstverständlicher wird, aber auch mit großen Fragen und Konflikten einhergehen kann. Fast alles ist möglich, aber macht es das immer einfacher?

Was heißt eigentlich Exklusivität?

Was Exklusivität eigentlich heißt, weiß Emilý gar nicht. So selbstbewusst und offensiv sie auf ihren halbnackten Fotos posiert, so unsicher kann sie auch sein. Dieses wichtige Gespräch mit Katinka führt sie ausgerechnet, als sie sich auf ihren Job vorbereitet: Blau-lila Licht, einen Dildo in der Hand, das Smartphone im typischen Ringlicht.

Der Film von Regisseur Sigurður Anton Friðþjófsson, kurz Toni, versprüht das Potenzial, sich mit aktuellen Fragen auseinanderzusetzen: Wie loten Paare das Verhältnis aus Nähe und Distanz aus? Was, wenn Beziehungsvorstellungen nicht übereinstimmen, wo sind Kompromisse möglich und nötig, und wann beginnt Selbstverleugnung? Muss das Umfeld die eigene Beziehung verstehen, um sie zu akzeptieren?

"Willkommen bei einem ASMR-Masturbationsvideo auf Isländisch"

Und schließlich: Ist Emilýs Business eigentlich erlaubt, wo es in Island eigentlich verboten ist, Pornos zu drehen und zu verbreiten? Zumindest Schweden hat in diesem Jahr die Nutzung von Onlyfans in vielen Fällen verboten.

Doch "Skinny Love" stürzt sich eher auf die visuellen Reize: Die Fotoshootings und Videodrehs von Emilý sind überpräsent, ob alleine, mit der Freundin und erfahrenen Kollegin Kría oder einem neuen Bekannten. Das ist manchmal lustig ("Willkommen bei einem ASMR-Masturbationsvideo auf Isländisch"), ab und an aber auch trist, etwa wenn sie den immer gleichen "personalisierten" Content erstellt, nur mit anderen Vornamen. Und so selbstbestimmt und sexpositiv es auch rüberkommt, der Film balanciert auf einem wirklich schmalen Grat zum Softporno, bei dem der male gaze dominiert.

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Alltagsgespräche statt Handlung

Vor allem aber kommt vor lauter sexy Content-Producing die Beziehung zwischen Katinka und Emilý viel zu kurz. Auch so manche Nebenhandlung hätte da eine Kürzung vertragen, wenn man dafür mehr über die zwei Frauen erfahren hätte. Doch Katinka (Magdalena Tworek) bleibt eine eher blasse Randfigur.

Dabei mangelt es "Skinny Love" nicht an Unterhaltungen. Der Film geht in Richtung eines Mumblecores – einem Genre, das mehr auf Alltagsgespräche als auf Handlung sowie einen Low-Budget-Look setzt. Regisseur Sigurður Anton Friðþjófsson empfindet diese Zuschreibung sogar als Kompliment, sagte er einem isländischen Magazin. Anders als in Mumblecore-Filmen der frühen 2000er seien seine Dialoge aber nicht improvisiert.

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Ein früherer Onlyfans-Star in einer Nebenrolle

Dafür hat er mit Kristrún Kolbrúnardóttir als Emilý eine talentierte Darstellerin gefunden. Sie zögerte aber, kurz nach dem Abschluss an der Kunstakademie eine solche Rolle anzunehmen. Ihr war offenbar wichtig, in einem Interview zu betonen, selbst keinen Onlyfans-Account zu betreiben. Sie lebe außerdem mit ihrem Freund in einer monogamen Beziehung, seit sie 18 ist. Die Nebenfigur Kría wird dagegen von Edda Lovísa Björgvinsdóttir gespielt, die vor ihrer Schauspielkarriere eine der bekanntesten Onlyfans-Stars des Landes war.

Das sorgt für Authentizität, doch am Ende bleibt "Skinny Love" ein Film voller interessanter Ansätze, die nicht konsequent genug verfolgt werden. Als Gesellschaftskommentar eignet er sich nur bedingt, und für eine überzeugende Romanze fehlt die emotionale Tiefe. Wer sich für Intimitäten – online wie offline – und zeitgenössische queere Beziehungen interessiert, könnte enttäuscht werden, aber auch einige Anknüpfungspunkte finden, um über eigene Vorstellungen nachzudenken.

Infos zum Film

Skinny Love. Romantische Komödie. Island 2025. Regie: Sigurður Anton Friðþjófsson. Cast: Kris-trún Kolbrúnardóttir, Magdalena Tworek, Edda Lovísa Björgvinsdóttir, Laurasif Nora. Laufzeit: 92 Minuten. Sprache: isländische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Verleih: Salz-geber. Im Oktober 2025 in der Queerfilmnacht
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