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Teil 5 von 5

Un-Sichtbarkeit von LSBTI* in der Kunst: Nach Stonewall 1995-2025

Wir begleiten die Ausstellung "Wish you were queer. Un-Sichtbarkeit von LSBTI* in Kunst und Geschichte" im Museum im Prediger in Schwäbisch Gmünd mit einer Artikelserie und stellen Kunstwerke verschiedener Epochen exemplarisch vor.

In der Kunst wurden Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans- und Intergeschlechtliche sowie ihre Lebenswelten durch die Jahrhunderte nur mit einem außerordentlich stark schwankenden Grad an bildlicher Präsenz und Sichtbarkeit dargestellt. Abhängig von Moralvorstellungen, abhängig von strafrechtlicher Verfolgung und Zensur, abhängig aber auch vom Zielpublikum der Kunst, also für wen sie geschaffen wurde, schwankte das Eindeutige des Dargestellten ganz wesentlich. Das Jahr 1969 markierte einen Wendepunkt für diese Un-Sichtbarkeit – im internationalen Kontext als das Jahr der Stonewall-Aufstände in der New Yorker Christopher Street, die eine weltweite Emanzipationsbewegung auslösten, und in der Bundesrepublik als das Jahr der Liberalisierung des § 175 StGB, die es schwulen Männern erstmals möglich machte, sich offen zu zeigen, ohne Gefängnis befürchten zu müssen. Das war ein Befreiungsschlag, der es erleichterte, Isolation zu durchbrechen und Zugehörigkeit zu finden – und es war ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer weitgehenden rechtlichen Gleichstellung.

Es dauerte jedoch, bis im 21. Jahrhundert endlich die ganze Bandbreite queerer Lebenswelten Eingang in die Bildkünste fand. Jetzt wurde auch der Alltag von LSBTI* bildwürdig und in Gemälden umgesetzt, stark beeinflusst von der Fotografie. Sexuelle Themen, Körperkult und Fetisch fanden Aufnahme in die künstlerische Produktion. Auch Fragen der Geschlechterbinarität und Rollenzuschreibungen werden nun intensiv verarbeitet, da Transgenderthemen, aber auch Drag als Kunstform ein bedeutender Teil der queeren Repräsentation sind. Zeitgenössische künstlerische Positionen greifen Themen und Sorgen der LSBTI*-Communities auf und entwickeln visionäre Utopien.

Nur noch bis zum 26. Oktober 2025 nimmt die Ausstellung "Wish you were queer. Un-Sichtbarkeit von LSBTI* in Kunst und Geschichte" im Museum im Prediger, Schwäbisch Gmünd, das Selbstbild, die Wahrnehmung und die Lebenswelten von LSBTI* in den Blick. Dies ist der Anlass, die Entwicklung der Un-Sichtbarkeit von LSBTI* in der Kunst unter Einbezug von Hauptwerken der Schau in einer Artikelserie zu schildern. Anhand einer exemplarischen Besprechung von Kunstwerken entlang der historischen Epochen ergibt sich ein Überblick über den chronologischen Ablauf durch die Jahrhunderte.

Rinaldo Hopf, Marla Glen aus der Serie "Golden Queers"


Rinaldo Hopf, Marla Glen aus der Serie "Golden Queers", 1998 (Museum im Prediger Schwäbisch Gmünd, Geschenk des Künstlers im Juni 2025)

Der aus Freiburg im Breisgau stammende Künstler Rinaldo Hopf zeigt die Schwarze und zum Zeitpunkt der Entstehung des Porträts lesbische Person außerordentlich stark und selbstsicher. Erhobenen Hauptes blickt Marla Glen direkt, ohne Zögern und voller Optimismus drein. Glen war Mitte der 1990er Jahre dauerhaft von Amerika nach Europa übersiedelt. Zuletzt hatte Marla Glen 2023 das Coming out als trans Mann.

Der Künstler malte das Bildnis – wie die anderen Werke seiner Serie "Golden Queers" – in Ölfarbe auf Blattgold vor einem schwarz-weißen Hintergrund in Siebdrucktechnik. Auf diesem Fond formieren 36 prominente Queers in weiteren kleinen Porträts ein Schachbrettmuster. Das edle Gold zeichnet die Person auf eine Weise aus, wie es in der Kunst früherer Jahrhunderte nur Heiligen in Ikonenbildern oder Herrschern in Form von vergoldeten Skulpturen zukam.

Mit seiner seit 1997 fortlaufenden Werkserie "Golden Queers" schafft Rinaldo Hopf eine Art Ahnengalerie der queeren Kulturgeschichte. Zu ihr zählen Porträts von Ludwig II. von Bayern, Jodie Foster, Socrates, Virginia Woolf oder Rock Hudson ebenso wie die Bildnisse der Dragqueen RuPaul oder des schwulen Pornostars Al Parker.

Das im Porträt von Marla Glen so unmittelbar zum Ausdruck kommende, deutlich sichtbar werdende Selbstbewusstein war Anlass, das Porträt als mediales Leitmotiv der Ausstellung "Wish you were queer. Un-Sichtbarkeit von LSBTI* in Kunst und Geschichte" auszuwählen. Auf diese Weise selbst ein Objekt der Museumsgeschichte geworden, schenkte Rinaldo Hopf das Bildnis nach Eröffnung der Ausstellung in großzügiger Weise dem Museum im Prediger Schwäbisch Gmünd.

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Kerstin Drechsel, Ohne Titel, aus der Serie "If you close the door"


Kerstin Drechsel, aus der Serie "If you close the door", 2008-2012 (Courtesy Kerstin Drechsel, © VG Bild-Kunst Bonn, 2025)

Die Gemälde der Serie "If you close the door" führen in die lesbische Clubkultur und sind darin gleichsam Pendants zu den früheren Werken von Patrick Angus, der die Lokalitäten des schwulen Nachtlebens zum Bildgegenstand erhob. Die Malerin Kerstin Drechsel stellt allerdings in seltener Weise ausdrücklich den Darkroom als halböffentlichen Ort erotischer und intimer Begegnungen in den Fokus.

Dieses Sujet verbindet sich mit der durchaus ambivalenten Aufforderung zum voyeuristischen Schauen auf erotisches Treiben, aber aus lesbischer Sicht – anders als in früheren Jahrhunderten – explizit für das nicht-heterosexuelle und insbesondere für das nicht-männliche Auge. So liegt das Augenmerk der Kunstwerke weniger auf dem Setting als vielmehr auf den Körpern, die sich darin bewegen.

Ein halbdunkler Raum bildet zudem den unbestimmten Rahmen des Gemäldes. Zusammen mit der Unvollendetheit der Malerei nimmt er dem Bild die Eindeutigkeit. Der reduzierten, auch sexuell bestimmten Funktionalität des Ambientes steht die Vielschichtigkeit von existenziellen Gefühlen, Sehnsüchten und Ängsten gegenüber, die sich mit ihm verbinden: die Möglichkeit von Nähe, körperlicher Erfüllung und Liebe, aber auch von Einsamkeit und emotionalen Verletzungen.

Daniel Schumann, Nynke, Aidan und Heaven


Daniel Schumann, Nynke, Aidan und Heaven, aus der Serie "International Orange", 2012 (Courtesy Daniel Schumann, © VG Bild-Kunst Bonn, 2025)

Während eines einjährigen Aufenthaltes in Kalifornien hat den Düsseldorfer Fotografen Daniel Schumann tief beeindruckt, mit welcher Selbstverständlichkeit hetero- und homosexuelle Familien dort zusammenleben. Insbesondere San Francisco als liberale Stadt hat ihn dazu inspiriert, das Thema Familie aus neuem Blickwinkel zu betrachten. So entstand die Serie "International Orange" mit Porträtaufnahmen unterschiedlichster Familienkonstruktionen, die vom üblichen heteronormativen Muster abweichen.

Die Fotografie der Mutter-Mutter-Kind-Familie aus El Cerrito wurde im Mai 2012 aufgenommen und zeigt Nynke (34, geboren in Hong Kong), Aidan (3, geboren in Kalifornien) und Heaven (31, geboren in Illinois). Die drei stehen engumschlungen, sich zärtlich aneinander anschmiegend und liebkosend auf einem Basketballplatz im Freien.

Daniel Schumann hatte die Familie im Anschluss gebeten, ein Statement über die Fotografie und sich abzugeben. Die drei schrieben kurz und prägnant: "Liebe macht eine Familie". Harmonie und Geborgenheit werden damit als Ideal von Familie offenkundig.

Norbert Bisky, Kiss


Norbert Bisky, Kiss, 2018 (Foto Bernd Borchardt, Courtesy Norbert Bisky, © VG Bild-Kunst Bonn, 2025)

Norbert Bisky ist einer der erfolgreichsten Vertreter der zeitgenössischen figurativen Malerei, der farbintensive Szenen von Schönheit, Sexualität, Gewalt und Zerstörung umsetzt. Seine Bilder visualisieren zugleich eine auffallende Homoerotik. Die Protagonisten seiner bekanntesten Gemälde sind junge Männer, die er immer wieder in sexuell aufgeladenen Situationen inszeniert. Indem er diese Momente queeren Begehrens einfügt, untergräbt der Künstler die subjektive Wirkung totalitärer und kommerzieller Ästhetik.

Für den 1970 in Leipzig geborenen Maler ist die Inklusivität einer demokratischen Gesellschaft gegenüber den Angehörigen der LSBTI*-Communities ein wichtiger Gradmesser dafür, inwieweit diese Gesellschaft humanistische Werte akzeptiert und ihre Mitglieder ein autonomes Leben führen können. Norbert Bisky setzte diese Überlegungen beispielsweise im Jahr 2018 in eine so unmissverständliche und unzweideutige Darstellung wie das Ölgemälde "Kiss" um.

Das Bild zeigt eine Szene, in der sich drei Männer leidenschaftlich küssen. Aufgrund ihrer selbstverständlichen Zärtlichkeit, die in keiner Weise unmoralische Bedenken hervorruft, mutet die Dreierkonstellation geradezu utopisch an. In ihrer prononcierten, augenscheinlichen Unschuld verweist sie pars pro toto auf die Vision einer freien Gesellschaft, in der verschiedenste, autonom gewählte Beziehungen in selbstbestimmten, keinesfalls vorgeschriebenen Verhältnissen gelebt werden können.

Rinaldo Hopf, Stonewall Riots 1969


Rinaldo Hopf, Stonewall Riots 1969, 2019 (Courtesy Rinaldo Hopf, © VG Bild-Kunst Bonn, 2025)

Unter dem Titel "Stonewall Riots 1969" setzte der international renommierte Künstler Rinaldo Hopf 2019 zum 50. Jahrestag der mehrtägigen Aufstände in der New Yorker Christopher Street ein umfangreiches Projekt mit künstlerischen Szenen aus jener Zeit des Widerstands und Aufbruchs um. Es enthält als Hauptobjekt ein großformatiges Kunstwerk mit 2 x 4,2 Metern mit lebensgroß dargestellten Figuren, die auf Szenen der wenigen erhaltenen Fotos der Stonewall-Ereignisse basieren und mit Modellen nachgestellt wurden.

In Wasserfarben, Acryl und Tinte auf altem Zeitungspapier gemalt, verbürgt dieses als Malgrundlage einen authentischen Zugang zur Geschichte. Denn es handelt sich dabei um Original-Seiten der US-Schwulenzeitung mit dem so sprechenden Titel "The Advocate" aus den Jahren 1969 bis 1972, in der damals auch über die New Yorker Ereignisse und die sich daraus ergebenden jährlichen Christopher Street Day-Demonstration sowohl an der amerikanischen Ost- wie an der Westküste berichtet wurde. Dies stellt künstlerisch eine sehr bemerkenswerte Herangehensweise dar, die das 50-jährige Jubiläum auf höchstem Niveau und mit größtem Respekt vor der historischen Leistung und ihrer außergewöhnlichen Bedeutung feiert.

Die durch die Aufstände von 1969 und die sich anschließende weltweite Befreiungsbewegung erreichte Sichtbarkeit ist aber auch heute noch fragil. So will die US-Regierung im Jahr 2025 trans Personen wieder aus der Geschichte der New Yorker Stonewall Riots drängen, obwohl historische Quellen belegen, dass mit Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera damals zwei Schwarze trans Frauen an vorderster Front gekämpft haben. Nach dem zweiten Amtsantritt von Donald Trump löschte der US-Nationalparkservice auf der Homepage zur Gedenkstätte "Stonewall Inn" das "T" und "Q" aus "LGBTQ". Die Behörde machte sie damit wieder unsichtbar.

Isabelle Hannemann, Harry


Isabelle Hannemann, Harry, 2022 (Courtesy Isabelle Hannemann)

Die 1979 geborene Künstlerin Isabelle Hannemann präsentiert den Popstar Harry Styles in einem großformatigen Einzelporträt. Harry Styles gilt als queere Ikone, als Symbolbild des modernen Mannes, der von Geschlechterrollen gar nichts hält. Wie Hannemanns Gemälde andeutet, trägt er Blusen, Kleider, lässt sich mit Federboas ablichten und experimentiert mit Schmuck und lackierten Fingernägeln.

Zwar ist der ehemalige "One Direction"-Sänger in dieser Hinsicht kein Vorreiter, denn schon David Bowie hatte mit mutigen Modeerscheinungen für bunte Vielfalt gesorgt. Doch Fans sehen in Styles' Kleidungsstil mehr. Für sie bedeuten die bunten Outfits des Popstars vor allem eines: Du bist okay, wie du aussiehst, du bist okay, wer du bist. Schon 2017 sagte der Musiker einer britischen Zeitung: "Jede Person sollte so sein, wie sie sein möchte."

Styles half Fans bei verschiedenen Konzerten auch immer wieder, sich vor ihren Eltern zu outen. Einmal rief er beispielsweise laut auf der Bühne den Satz: "Tina, Deine Tochter ist lesbisch." Nicht zuletzt deshalb werden Harry-Styles-Konzerte von LSBTI* weltweit als "Safe Spaces", als diskriminierungsfreie Schutzräume, wahrgenommen.

Logan T. Sibrel, Shatter II


Logan T. Sibrel, Shatter II, 2024 (Courtesy Galerie Thomas Fuchs Stuttgart, © VG Bild-Kunst Bonn, 2025)

Die Bilder des jungen Amerikaners Logan T. Sibrel sind schöne Beispiele der zeitgenössischen Kunst, die schwule Intimität und schwules Begehren in atmosphärisch dichter Malweise transportieren. Indem er seine Figuren in Bildausschnitten wiedergibt, erzählt er immer wieder fragmentarische Geschichten, die durch ihre Authentizität, Intimität und Verletzlichkeit ansprechen. In "Shatter II", einem 2024 entstandenen Werk des Malers, schreibt ein attraktiver nackter Mann "To get to where you are" auf den eigenen Oberkörper.

Dies könnte einerseits als Sehnsucht nach dem Partner – ich möchte dorthin, wo Du bist – interpretiert werden, zumal der Schriftzug nicht spiegelverkehrt ist und der angesprochene Betrachter ihn direkt lesen kann. Andererseits lässt sich die Wortfolge jedoch auch als Aufforderung deuten, zu sich selbst zu stehen, als Schwuler zu sich zu stehen, vielleicht auch analog des Ausdrucks "Erkenne Dich selbst" des antiken Philosophen Socrates, sich nicht in Worte und Äußerlichkeiten zu verlieren, sondern die eigene Grundhaltung, das eigene Tun und Lassen, sorgfältig in den Blick zu nehmen.

Von Logan T. Sibrel gibt es jedenfalls aufschlussreiche Selbstreflektionen über die Bedeutung des Ichs eines schwulen Mannes für die künstlerische Tätigkeit. So betonte er in einem Interview, dass seine Arbeit als Künstler sehr vom eigenen Leben beeinflusst wird: "Der Blickwinkel ist definitiv schwul, weil ich es bin, und die Arbeiten sind auch sexuell, weil die Sexualität ein Bereich ist, in dem Themen wie Traurigkeit, Schönheit, Angst, Furcht, Aggression, Glück, was auch immer, am deutlichsten zur Geltung kommen. Und es ist der Ort, an dem ich sie am ehrlichsten ansprechen kann."

Diese Aussage des 1986 geborenen Malers ist sicherlich eines der passendsten Statements queerer Künstler*innen, zumal aus den jüngeren Generationen, wenn es darum geht, die außerordentlich bedeutende Rolle von Sexualität und sexueller Identität in den Bildkünsten verständlich zu machen. Es zeigt auch, wie elementar wichtig die Sichtbarkeit von LSBTI* in Kunst und Geschichte ist und bleibt.

-w-